Sonntag, 15. März 2009

Fear Is a Man’s Best Friend

Der Krisenreport – ein Panikreport?


„Hast du schon den Crisis Report gelesen?“ – Wer auf diese Frage keine halbwegs befriedigende Antwort geben kann, der gehört offenbar nicht zur kleinen, aber feinen Expat-Gemeinschaft von Duschanbe. In ihr macht seit einiger Zeit ein Dokument die Runde, an dem sich die Geister scheiden, und das, egal, wie es von den verschiedenen Akteuren bewertet wird, in jedem Fall Aufmerksamkeit erregt. Es trägt den von vielen als reißerisch empfundenen Titel „Tajikistan – On the Road to Failure“ – ein Bericht der sogenannten Crisis Group zur allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Lage Tadschikistans, den man sich bis vor kurzem auch in Duschanbe noch aus dem Internet herunterladen konnte. Seit einigen Wochen ist das vor Ort nicht mehr möglich; wenn man den Report gelesen hat, kann man durchaus verstehen warum.

Gleich zu Beginn wird ein Duschanbiner Diplomat zitiert, der eins der größten Probleme Tadschikistans pointiert formuliert: „Corruption is endemic here“, so sein vernichtendes Urteil. Es ist ein Urteil, dem man sich nur anschließen kann, wenn man einen Blick auf die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten des durchschnittlichen Tadschiken wirft. Als Beispiel mag der prinzipiell ehrenwerte Beruf des Polizisten dienen. Wie schon des öfteren erwähnt, gibt es in Duschanbe Angehörige dieser Profession im Übermaß. Das mag zum einen mit der Paranoia des Präsidenten zu tun haben, es ist aber auch ein grundsätzlich begehrter Beruf. Angesichts des Lohns, den Polizisten vom Staat erhalten, ist das allerdings etwas überraschend; mir liegen keine genauen Zahlen vor, der normale Verdienst wird jedoch kaum das Gehalt eines Professors an der Universität überschreiten (eine Geldmenge, die in etwa dem Gegenwert eines Snickers-Riegels am Istanbuler Flughafen entspricht, wie ich inzwischen als Vergleich anfügen kann). Was den Polizistenberuf dagegen so attraktiv macht, sind die Nebenverdienste, die entstehen, wenn man Autos anhalten und sich Gründe für das Verhängen einer Strafgebühr ausdenken kann – deren Begleichung lediglich im Kopf des Polizisten vermerkt wird.

So begehrt der Beruf des einfachen Straßenpolizisten also ist, so schwierig ist es jedoch auch, diese Position zu erlangen: Wenn man in Duschanbe Polizist werden möchte, zählt dafür nicht etwa eine lange und harte Ausbildung; eine Ausbildung zum Polizisten gibt es gar nicht, stattdessen muss man an die Einstellungsbefugten in der Polizeibehörde eine „Verwaltungsgebühr“ von 1000 Dollar oder mehr (je nach Laune und Bedürfnissen des entsprechenden Beamten) entrichten, und schon wird man in Windeseile zum Staatsdiener ernannt und darf fürderhin Autofahrer schikanieren , um sich das Einkommen soweit aufzubessern, dass man zumindest davon leben kann. Die Einstellungsbefugten ihrerseits haben genauso gute Gründe für ihr Verhalten wie die Polizisten, schließlich verdienen sie selbst auch kaum mehr als diese und sind wie sie dazu gezwungen, sich in ihre Position bei ihren eigenen Vorgesetzten einzukaufen – deren Position wiederum genauso von Bestechungsgeldern abhängig ist.

Und so setzt sich diese Kette bis in die höchsten Positionen fort. Wer letztlich als einziges wirklich davon profitiert, ist – wenig überraschend – die Familie des Präsidenten. Die wiederum, so könnte man mit äußerstem Zynismus argumentieren, ist ebenfalls auf diese „Nebeneinkommen“ angewiesen: Die miesen öffentlichen Löhne in Verbindung mit dem Fehlen jeglicher öffentlicher Investitionen dankt die Bevölkerung dem Präsidenten mit Schwarzarbeit – die tadschikische Wirtschaft als ganzes ist also mehr oder weniger eine reine Schattenwirtschaft ohne jegliche stabilisierende oder regulierende Faktoren.

Dass höhere Positionen käuflich sind, kann natürlich zu fatalen Mängeln an Kompetenz in Entscheiderpositionen führen, wie eine Anekdote vor Augen führt, die mir zu Ohren gekommen ist: Ein Abteilungsleiter des tadschikischen Umweltministeriums wurde kürzlich zu einer internationalen Konferenz über die Folgen des Klimawandels in Zentralasien eingeladen. Alle Kosten – Tagungsgebühren, Hotel und Reisekosten – sollten für ihn übernommen werden. Das einzige, was er tun musste, war das Antragsformular zu unterschreiben; dies aber scheiterte daran, dass er unfähig war, seinen eigenen Namen zu Papier zu bringen.
In der beschriebenen Problematik liegen auch die Antworten auf Fragen wie die, warum viele tadschikische Deutschdozenten an den Universitäten nicht über genügend Deutschkenntnisse verfügen, um „Danke“ oder „Guten Tag“ zu sagen, oder warum tadschikische Bauingenieure grundsätzlich Treppen bauen lassen, bei denen jede einzelne Stufe eine andere Höhe hat (es könnte zum Beispiel damit zu tun haben, dass sie die Grundrechenarten nicht ausreichend beherrschen).

Die Schieflage, in der sich das ganze Land also ganz wortwörtlich befindet, besteht schon seit vielen Jahren. Mögliche Proteste hat Präsident Rahmon bisher immer wieder im Keim ersticken können – nicht etwa durch Gewalt, sondern durch die bloße Erwähnung einer möglichen Gefährdung der nationalen Sicherheit, die entstehen könnte, wenn seine persönliche Machtposition angegriffen würde. Die Bevölkerung, so sein berechtigtes Kalkül, hat viel zu viel Angst vor dem Aufflammen eines neuen Bürgerkriegs, um auf diese Drohung nicht zu reagieren.

Der bedauerliche, aber offenbar durch die Bevölkerung irgendwie immer noch zu ertragende Status Quo des Landes könnte einfach weiterhin erhalten bleiben – wenn nicht unvorhergesehene Dinge dazwischenkämen; zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise: Den derzeitigen Voraussagen nach wird Russland davon in diesem Jahr erheblich stärker betroffen sein als bisherige Verlautbarungen der russischen Regierung es vermuten ließen. Tatsächlich hat sich auch Russland selbst offenbar bereits auf soziale Unruhen eingestellt, die durch eine plötzlich rapide ansteigende Arbeitslosigkeit entstehen könnten: Spezielle Sicherheitskräfte werden einem Bericht des Spiegel zufolge derzeit dafür trainiert. Dadurch wird es natürlich sehr fraglich, ob das Land weiterhin Bedarf an billigen tadschikischen Gastarbeitern hat. Wie schon einmal erwähnt, die Dunkelziffer der in Russland arbeitenden tadschikischen Männer beträgt wahrscheinlich über eine Million, also mehr als ein Siebtel der Gesamtbevölkerung. Die fragile Stabilität der tadschikischen Wirtschaft ist von dem Geld abhängig, das sie an ihre Familien in der Heimat zurückfließen lassen, und davon, dass sie selbst NICHT im Land sind – wo sie ansonsten sofort arbeitslos wären. Was es für die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stimmung des Landes bedeuten könnte, wenn in kurzer Zeit eine Million arbeitslose Männer zurück in Tadschikistan wären, mag sich im Moment niemand so recht ausmalen.
Nicht zuletzt bringt der Bericht die Sorge zum Ausdruck, welche Gefahren von der 1400 Kilometer langen und nahezu ungesicherten Grenze zu Afghanistan ausgehen könnten.

Nun ist die Crisis Group ein internationaler Think Tank, dessen Ansichten nicht unwiedersprochen bleiben. In Internetforen wie auch von Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit hier vor Ort wird angemerkt, dass Autoren und Mitglieder des Beirats der Crisis Group fast allesamt ehemalige oder noch aktive westliche Politiker sind; und das Hinweise auf eine bevorstehende Krise eines Landes in ihren Berichten vielfach vielleicht den Charakter einer self-fulfilling prophecy haben. Das Bewusstsein bestimme hier vielfach das Sein, so die Meinung vieler, und prominente Beiratsmitglieder wie Joschka Fischer und Kofi Annan wollten vielleicht das kleine Bergland, für das sich sonst kein Mensch interessiert, einfach ein wenig mehr in umfassendere geopolitische Zielsetzungen einbeziehen. Trotzdem, das muss man sagen, hat der Report hier niemanden kalt gelassen.


Fräulein Zarrinas Gespür für Wohnungen

Das erste Opfer der Weltwirtschaftskrise in Tadschikistan, das ich kennengelernt habe, war jedoch mein Vermieter (und dadurch indirekt auch ich). Ende Januar, kurz bevor ich nach ausführlicher Genesung wieder zurück nach Dushanbe flog, beschloss ich ihn einmal anzurufen, einfach nur, um zu hören, ob alles mit der Wohnung im Ordnung sei – ob es noch regelmäßig Strom gebe, ob etwaige Erdbeben irgendwelche Schäden angerichtet hätten oder was auch immer. Er war froh mich zu hören: Schon seit Wochen habe er versucht mich anzurufen, teilte er mir mit. Leider müsse ich sofort ausziehen, und zwar in zwei Tagen schon. Er müsse die Wohnung verkaufen, da er in eine finanzielle Notlage geraten sei. „I have bisiness in Russia. Bisiness went wrong”, sagte er zur Erklärung. Nun konnte ich nicht gut innerhalb von zwei Tagen ausziehen, da ich ja noch eine Woche lang in Deutschland bleiben würde. Das sei kein Problem, meinte er, er werde alle meine Sachen einsammeln und in seiner Wohnung deponieren. Trotz eines leichten Unwohlseins bei diesem Gedanken stimmte ich zu. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich wies ihn immerhin darauf hin, dass ich die Wohnung in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hatte, und wünschte ihm viel Spaß beim Aufräumen.
Als ich schließlich bei ihm eintraf, um meine Sachen abzuholen, sah er mich denn auch mit traurigem Blick an und sagte „Your apartment was a real mess.“ Ich nickte und zuckte mit den Schultern. Während er mich mit meinen Bergen von Klamotten zu Davids Wohnung fuhr, wo ich glücklicherweise noch einmal einige Zeit unterkommen konnte, erwähnte er beiläufig, er habe zuvor in Aktien irgendeines metallverarbeitenden Unternehmens in Russland investiert, das nun jedoch auf einmal aufgehört habe zu existieren. In der Folge habe er nun, um seine Schulden tilgen zu können, die Wohnung so schnell wie möglich verpfänden müssen.

Ich machte mich kurz darauf auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Unsere Kollegin Zarrina half mir wieder einmal bei der Suche, sie suchte Angebote heraus, und zusammen sahen wir uns verschiedene Objekte an. Eine Wohnung sagte mir spontan sehr zu, da sie über eine große Küche und überhaupt über ein großzügiges Platzangebot verfügte; und so sagte ich zu. Ich hätte genauer auf Zarrinas Verhalten während der Besichtigung achten sollen. Als ich meinte, dass ich gerne hier einziehen würde, sagte sie nur „Ja... wenn du willst...“ – Nun muss man wissen, dass Zarrina eine Art sechsten Sinn für die Qualität von Wohnungen hat. Dieser muss eng mit ihrem Geruchssinn zusammenhängen: Beim Betreten einer fremden Wohnung rümpft sie zuerst ein kleines bisschen die Nase. Der erste Eindruck, den sie erhält, ist offenbar stets der Geruch; und in den allermeisten Fällen ist dieser Eindruck das entscheidende Kriterium ihres Wohlwollens. Beim Betreten dieser Wohnung nun, ich erinnerte mich erst sehr viel später daran, nahm ihr Gesicht nach der ersten Geruchsprobe einen leicht missfälligen Ausdruck an, den sie während der ganzen Wohnungsbesichtigung nicht ablegte. Ohne in Erwägung zu ziehen, dass die Menschen des Ostens über Fähigkeiten und Wahrnehmungen verfügen könnten, die uns sinnlich verarmten Westlern verborgen sein könnten, sagte ich der Vermieterin zu.

Zunächst empfand ich es nur als unangenehm, dass genau über mir eine kinderreiche Familie wohnte, deren Zöglinge offenbar weder Kindergarten noch Schule besuchten und stattdessen bis kurz vor Mitternacht auf dem Dielenboden über mir irgendwelche Sportarten trainierten – ich war mir nie ganz sicher, ob es Bowling, Dreisprung oder doch ein Mannschaftssport war.

Vor einigen Tagen dann hörte ich in der Nacht zum ersten Mal ein seltsames Knirschen und Knistern in den Wänden und in der Decke. Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, sah ich, dass einige noch herumliegende Lebensmittel angefressen und über den Fußboden verteilt waren.

Vor drei Nächten las ich relativ spät am Abend noch, während ich im Bett lag. Da raschelte es auf einmal wieder. Ich sah auf den Fußboden neben dem Bett und erblickte eine fette Ratte, die aus meinem Rucksack huschte. Erfüllt von einem Ekel und einer Angst, die ich selbst von mir in einer derartigen Situation gar nicht erwartet hätte, aber auch voller Wut schleuderte ich einen Schuh nach ihr. Kurz darauf sah ich sie wieder, dieses Mal in einer anderen Ecke des Zimmers, und fast zum gleichen Zeitpunkt eine ihrer Genossinnen, wiederum in einer anderen Ecke. Von nun an machte ich kein Auge mehr zu, auch Ohropax halfen nicht gegen das laute und aggressive Rascheln und Knirschen, das sich ständig direkt neben mir zu befinden schien. Schließlich saß ich nur noch aufrecht im Bett, beide Hände mit Schuhen bewaffnet, bereit, jeden Moment zum Wurf anzusetzen, mit wirrem Blick von einer Ecke in die andere starrend. Es sind nicht nur schlechte Horrorfilme, die dies so wollen: Ratten sind unheimliche Tiere – wie vielleicht jedes Tier, das ungefragt in unsere Lebenswelt eindringt.

Die Vermieterin ist mittlerweile informiert, aber da sie sich nicht gerade mit Arbeitseifer überschlägt, um dem Zustand abzuhelfen, bin ich froh, dass sich nun noch spontan die Möglichkeit ergeben hat, mit Friederike, der neuen Stipendiatin des ded, eine Wg zu gründen. Zwar bin ich jetzt nur noch vier Monate hier, aber dafür lohnt es sich noch, denke ich.


Prophetische Gaben

Kurz vor meiner Rückkehr, so berichtete mir Zarrina, gab es in Dushanbe ein denkwürdiges Ereignis, das vielleicht einiges aussagt über das Verhalten des Menschen in Krisensituationen. Es war, so erzählte sie, ein ganz normaler Abend an einem Werktag, den sie mit ihrer Familie verbrachte (wie die meisten Tadschiken, die noch nicht verheiratet sind, wohnt sie noch in der Wohnung ihrer Eltern). Alle gingen, wie üblich, um kurz vor Mitternacht ins Bett. Nach einiger Zeit, sie hatte vielleicht ein oder zwei Stunden geschlafen, klingelte plötzlich das Telefon. Schlaftrunken ging die Mutter ans Telefon. Es war ein Bekannter der Eltern, der sich aufgeregt meldete und fragte, ob sie denn nicht die Nachrichten gesehen hätten; warum sie denn noch in der Wohnung seien. Was denn los sei, fragte die Mutter zurück. Er selbst habe die Nachrichten auch nicht gesehen, aber ein Freund von ihm habe sie gesehen und daraufhin bei ihm angerufen. In der Sendung sei berichtet worden, aufgrund einer neuartigen Messtechnik sei es möglich geworden, Erdbeben vorherzusagen, und für heute Nacht, zwei Uhr dreißig, sei ein äußerst schweres Erdbeben vorhergesagt worden, es werde die Stärke zehn auf der Richterskala haben. Alle Bewohner der Stadt seien dazu aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen. Was genau in ihnen vorging, als der Bekannte dies erzählte, und dann einen Moment später, als die Mutter es ihnen weitererzählte, konnte Zarrina nicht genau sagen. In jedem Fall verließen sie alle so wie sie waren das Haus. Draußen auf der Straße stellten sie fest, dass sie jedenfalls nicht die einzigen waren, die informiert worden waren: Der ganze Straßenzug stand voll mit Menschen in Nachtbekleidung, die fluchtartig ihre Häuser verlassen hatten und ratlos und in leichte Panik versetzt herumstanden und warteten. Nichts geschah, nicht um zwei Uhr dreißig und auch nicht später. Es war sehr kalt. Das ganze Viertel, ja die halbe Stadt schien auf den Beinen zu sein. Es wurde schließlich eine Sondereinheit der Armee ausgesandt, um die Menschen zu beruhigen und sie zurück in ihre Häuser zu treiben (es mag dahingestellt sein, wie beruhigend der Anblick von Armeetransportern ist, wenn gerade ein verheerendes Erdbeben angekündigt worden ist). Später meinten sehr viele, mit jemanden gesprochen zu haben, der die Sendung mit der Ankündigung im Fernsehen gesehen haben wollte. Selbst gesehen hatte sie jedoch niemand, und es wusste auch niemand zu sagen, auf welchem Sender die Nachricht gelaufen sein könnte.

Zarrina sagte mir, sie wisse ganz genau, was für ein Blödsinn eine derartige Ankündigung sei; ganz Tadschikistan lebe seit ewigen Zeiten mit den Erdbeben und ihrer Unberechenbarkeit. Aber trotzdem habe sie in diesem Moment die Angst nicht abschütteln können, genau wie Tausende andere in der Stadt auch.

Ein heiliger Ort


In Dushanbe hat es nur wenig geschneit in den vergangenen Monaten, die Befürchtung eines weiteren katastrophalen Winters hat sich nicht bewahrheitet. Heute lagen die Mittagstemperaturen in Dushanbe bereits wieder über 20 Grad, der Winter geht also anscheinend fast genauso übergangslos in den Sommer über wie der Sommer in den Winter. In den Bergen rund um die Stadt liegt allerdings immer noch reichlich Schnee. Vor einigen Wochen haben wir das prächtige Wetter zum Anlass genommen, einen Ausflug nach Hodscha Ob-i-Garm zu machen. Der Ortsname lässt sich vielleicht in etwa übersetzen als „Heiliger Ort des heißen Wassers.“ Etwa 40 Kilometer von Dushanbe entfernt, auf einer Höhe von etwa 2000 Metern, gibt es hier mitten in den Bergen tatsächlich heiße Heilquellen. Wir fuhren mit dem Firmenwagen von Nicola aus der französischen Schweiz das schmale Sträßchen zum Kurort hinauf, zu dessen Seiten sich schon bald meterhoch Alt- und Neuschnee auftürmte. Es war ohne Allradantrieb und Schneeketten ein recht abenteuerliches Unterfangen, zumal uns ständig andere Fahrzeuge ohne Warnung entgegenrasten. Auf der Höhe von Hodscha Ob-i-Garm stapelte die weiße Pracht sich dann noch höher. Vor uns lag das beeindruckende „Sanatorium“, das die Russen hier aus dem Boden gestampft haben (siehe Bild oben). Der enorme vielstöckige Betonklotz hat Ähnlichkeit mit französischen Skihotels aus den 70er Jahren, schafft es allerdings irgendwie noch hässlicher zu sein. Und tatsächlich haben französische Architekten das Monstrum 1983 errichtet. Auf dem Gelände soll zuvor ein bedeutsamer Mazor, ein muslimischer Heiligenschrein gestanden haben; der Bau der monströsen Anlage war eine gute Gelegenheit, den Ort zu entweihen.

Sebastian, ein Bekannter von Martyna und ebenfalls Pole, hatte diesen Trip angeregt und einen russischen Freund mitgebracht, der sich in Hodscha Ob-i-Garm und in der Umgebung gut auskannte. Wir unternahmen eine kleine Wanderung in die umliegenden schneebedeckten Hügel, bei der wir uns nur sehr langsam fortbewegen konnten, da wir durch meterhohen Schnee stapfen mussten. Erschöpft, verschwitzt und durchnässt kamen wir nach zwei Stunden zurück zur Straße. Unser russischer Führer hatte nun zur Belohnung für die Strapazen ein kleines Wellness-Angebot für uns: Wir würden zusammen in die Sauna gehen. Die Anlage, die er hierbei im Sinn hatte, lag etwas abseits und unterhalb des eigentlichen Sanatoriums, ein Besuch dort sei billiger als ein Aufenthalt in dem riesigen Zentrum, sagte er uns. Wir betraten ein kleines Häuschen, dessen Funktion von außen nicht ohne weiteres erkennbar war. Im Eingangsbereich stellten wir unsere durchnässten Wanderschuhe ab und entrichteten einen überschaubaren Obolus. Danach trennten sich, wie es sich in Tadschikistan natürlich gehört, die Wege von Männern und Frauen. Wir Herren betraten einen großen, gut gewärmten Raum, in dem mehrere Feldbetten an den Wänden standen und in dem man sich seiner Kleidung entledigen konnte. Einige tadschikische Männer saßen oder lagen halbnackt herum, sie hatten sich in Bettlaken gehüllt. An einer Wand hing eine Schautafel, die offenbar schon vor vielen Jahrzehnten während der Sowjetzeit hier aufgehängt worden war. Soweit ich die dargestellten Sachverhalte entschlüsseln konnte, wurden darauf die Heilungskräfte erklärt, die diese Sauna und das durch Erdwärme erhitzte Wasser von Hodscha Ob-i-Garm haben sollen. Das Besondere an diesem Wasser, so ging daraus hervor, sei sein Gehalt an Radon. Das radioaktive Element sei hier in ungewöhnlich hohem Maß vorhanden. Ein zehnminütiger Aufenthalt in der Dampfsauna, so erklärte denn auch unser russischer Begleiter, habe den gleichen Effekt wie mehrere Röntgenbestrahlungen. Dies, so wollte die Schautafel zeigen, sei überaus heil-, wenn nicht sogar wunderkräftig für den Körper. Wir verließen uns naiv auf das Wissen unseres Führers, der schon oft hier gewesen zu sein schien und in seinem bisherigen Leben von Strahlenerkrankungen verschont geblieben war.

Nachdem auch wir nackt waren, betraten wir schließlich die Sauna: Es war ein winziger, dunkler Raum, der wohl in den Fels gehauen worden war. Ebenfalls in den Fels waren Bänke geschlagen, auf denen glatte Steinplatten auflagen, auf die man sich setzen konnte. Der Raum war von dichtem Dampf erfüllt, dabei jedoch gleichzeitig außerordentlich heiß, er hatte sicherlich die gleiche Temperatur wie eine Trockensauna. Es hing ein eigenartiger Geruch in der Luft, etwas muffig oder auch sauer, der mit keinem anderen mir bekannten Geruchserlebnis vergleichbar war. Wir ließen uns nieder. Ich entdeckte schließlich die Quelle der Hitze: Am Boden der Felswand, am Ende des Raums befand sich ein kleines Loch, aus dem der Dampf hinausströmte. Kurz bevor wir leicht taumelnd den Raum verließen, stellten wir uns alle einmal kurz direkt vor dieses Loch. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, lebendig gekocht zu werden: Der Dampf hatte sicherlich annähernd eine Temperatur von 100 Grad. Wir bespritzten uns mit kaltem Wasser aus einer Tonne und legten uns danach erschöpft auf die Feldbetten nieder. Unser Russe erzählte uns, die Sauna in ihrer heutigen Form sei erst vor etwa dreißig Jahren angelegt worden; schon davor aber habe es an dieser Stelle eine natürliche Höhle gegeben, die von den Menschen schon seit ewigen Zeiten zum Saunieren genutzt worden sei. Kurz darauf begaben wir uns noch einmal in die Felsenkammer, um eine weitere kräftige Brise des radioaktiven Dampfes aus dem Erdinneren einzuatmen.

Nach dem dritten Durchgang gingen wir hinaus und trafen wieder auf die Frauen, die immer im Wechsel mit uns in der Kammer gewesen waren. Martyna berichtete von einer Begegnung in der Sauna: Als sie, Martyna, den Raum betreten habe, habe sie natürlich zunächst ein Handtuch auf die Steinfläche gelegt, bevor sie sich daraufgesetzt habe. Neben ihr habe eine Tadschikin gesessen, die sich sehr über ihr Verhalten gewundert habe: Warum sie denn extra noch dieses Handtuch ausbreiten würde, fragte sie erstaunt. Martyna erklärte ihr, dass sie dies aus hygienischen Gründen tue, man wisse ja nicht, wer hier vorher gesessen habe, und ein wenig könne man sich ja vor aggressiven Bakterien schützen. Die Frau reagierte baff und offenbar auch entrüstet: Das sei doch wirklich überhaupt nicht nötig. In Tadschikistan gebe es keine Bakterien. Nur, soviel müssen sie zugeben, nur wenn die tadschikischen Gastarbeiter aus Russland zurück nach Hause kämen, brächten sie manchmal Bakterien aus dem Ausland mit. Martyna verzichtete darauf, sich auf eine längere Diskussion einzulassen. Wir machten uns noch ein wenig Gedanken darüber, ob die Frau tatsächlich Bakterien gemeint haben könne – oder vielleicht doch eher einen ganz bestimmten Virus, den die tadschikischen Männer aus Russland mit nach Hause bringen.
Das erste der beiden unteren Bilder zeigt übrigens einen weiteren Mazor etwas unterhalb des Sanatoriums, also die (angebliche) Grabstätte eines wichtigen islamischen Gelehrten oder Heiligen. Diese hier ist offensichtlich neueren Datums und mag als Ersatz für den von den Sowjets zerstörten Ort dienen. Charakteristisch für einen solchen Ort ist offenbar, dass ein Baum aus der Grabstätte hinauswächst, der gleichsam den Geist des heiligen Mannes in sich trägt und am Leben erhält.

Vom Sturz in ein anderes Leben

Auf der Arbeit stand unterdessen wieder einmal die Auswahl von Bewerbern für ein Stipendium an. Dieses Auswahlverfahren war allerdings eine Premiere, denn zum allerersten Mal konnten sich jetzt Absolventen von Schulen bewerben, an denen man das Deutsche Sprachdiplom erwerben kann. Davon gibt es in Tadschikistan genau zwei, die Schule Nummer 89 in Dushanbe und das Goethe-Gymnasium in Khudjand. Die Schüler, die an diesen Schulen ihren Abschluss machen, erwerben damit zugleich die Berechtigung zum Studium an einer Hochschule in Deutschland. Naturgemäß haben Schüler dieser Schulen oftmals Deutschkenntnisse, die die ihrer anderen Altersgenossen bei weitem übertreffen, und daher hat der DAAD stets ein wachsames Auge auf sie, da hier oft die vielversprechendsten Kandidaten für Stipendien zu finden sind. Er steht darum in engem Kontakt mit den ZfA-Beraterinnen, die an diesen Schulen aktiv sind, und die in diesem Fall selbst als Menschenfischer auftraten: Die besten Schüler, die 2009 ihren Abschluss machen werden, wurden von ihnen gezielt für eine Bewerbung beim DAAD gecoacht. Einige wenige unter ihnen könnten also die Möglichkeit erhalten, direkt nach der Schule, oftmals im zarten Alter von 17 Jahren, ein vollständiges Studium in Deutschland vom DAAD finanziert zu bekommen – einen Bachelor oder aber auch ein ganzes Medizin- oder Jurastudium mit Staatsexamen. Ich war damit beauftragt, den Bewerbern zusätzliche Unterstützung zu geben, zum Beispiel beim Ausfüllen der Online-Bewerbung, die ja schon zuvor viele IT-ungewohnte Bewerber vor schier unlösbare Probleme gestellt hatte, oder auch beim Erstellen eines Motivationsschreibens.

Vielen Bewerberinnen (zehn von elf Bewerbern waren Mädchen, daher verwende ich die weibliche Form) wurde offenbar erst beim Ausfüllen dieser Onlinebewerbung bewusst, auf was für ein Unterfangen sie sich mit dieser Bewerbung einließen: In einem Feld musste man die gewünschte Dauer des Stipendiums in Monaten angeben. Die maximale Dauer, die man in dem Formular angeben konnte, waren 48 Monate. Einer 17jährigen Bewerberin, die in Deutschland Medizin studieren will, erklärte ich, dass für ihr Studium dieses Feld nicht hinreichend sei, sie müsse in einem darunter stehenden Feld die ungefähre Studiendauer von sechs Jahren angeben, mit zusätzlich einem Vorbereitungsjahr im Studienkolleg ergebe das einen voraussichtlichen Studienabschluss im Jahr 2016. Als ich ihr diese Zahl nannte, sah sie mich an und wusste wohl nicht so genau, ob sie loslachen oder schockiert sein sollte. In einem Land, in dem die Verwurzelung in der Familie eine so außerordentlich große Rolle spielt, muss die Aussicht auf eine derart lange Trennung einen Schmerz bedeuten, den wir mit unserem völlig über den Haufen geworfenen Familienbild nur annähernd erfassen können. Ich versuchte mir auszumalen, wie sehr ein so langes Studium in Deutschland sie verändern würde. Die Schülerin schluckte einmal, trug dann jedoch ohne zu zögern die Zahl 2016 in das Feld ein.

Montag, 5. Januar 2009

Idi Kurbon und die totale Institution

Der tadschikische Patient

Meine Ankunft zum Weihnachtsurlaub in Deutschland hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Unbeschwerte Freizeit, die süßlichen Schwaden einer Feuerzangenbowle, sinnentleerte Videoabende mit Freunden, sprich: alle Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation schwebten mir vor. Dementsprechend unangenehm überrascht war ich dann, als meine Eltern mich am zweiten Tag nach meiner Ankunft folgendermaßen empfingen:

Die Vorgeschichte wird dem einen oder anderen Leser bereits vertraut sein, ich gehe trotzdem noch einmal darauf ein. Es steht zu befürchten, dass dieser Eintrag den Charakter bloßen therapeutischen Schreibens trägt. Wen das völlig zu Recht nicht interessiert, ist aufgefordert, bis zum Abschnitt "Schaschlik Bisiness" vorzuspringen.

Mitte November begann ich nachts leichtes bis mittelschweres Fieber zu bekommen und hatte auf einmal Schmerzen in der Seite. Als es mir nach einigen Tagen nicht besser ging, begab ich mich in die Obhut eines westlichen Arztes. Seine Praxis ist in dem vorderen Teil eines Gebäudes der Duschanbiner Universitätsklinik untergebracht, und so ergab sich ein eigenartiger optischer Effekt, als er mich nach der üblichen Anfangsuntersuchung zum Ultraschall in einen Untersuchungsraum des Krankenhauses schickte: Eben noch war ich in den blitzsauberen, mit modernen Geräten vollgestopften, gut gewärmten Räumen einer europäischen Arztpraxis, in der die wenigen Patienten und Angestellten leise auf Englisch miteinander sprachen; dann folgte ich einer russischen Krankenschwester, trat durch eine Tür aus Kunststoff, und schon befand ich mich in einem dunklen, zugigen Gang, der Boden aus nacktem Estrich bestehend, die Farbe von den Wänden fast vollständig abgeblättert, voll mit humpelnden Menschen, besorgten Angehörigen und schreienden Kindern, betriebsam wie ein Verbindungsgang in der Londoner U-Bahn zur Rush Hour. Vor einer Tür wartete eine größere Menschenmenge, keiner schien es erwarten zu können als nächster hineinzukommen, und sobald sich die Tür für einen kurzen Moment öffnete, drängten sie sich dagegen als gelte es, die letzten Plätze in einem voll besetzten Bus zu ergattern. Mich im Schlepptau, drängte sich die Schwester mit mehreren lauten Kommandos durch die Menge und ermöglichte mir so den Zutritt zum Ultraschall-Untersuchungsraum. Sie entschuldigte sich bei mir für den Zustand des Gebäudes und der Geräte.

Der Befund der Untersuchung wie auch weiterer Untersuchungen, Röntgenaufnahmen und Proben blieb ohne greifbares Ergebnis. Der westliche Arzt äußerte die Vermutung, es handle sich um eine Entzündung der Pleura, woraufhin ich für einige Tage Antibiotika schluckte. Nichts änderte sich, und als ich nach fast drei Wochen immer noch jeden Morgen wie aus dem Wasser gezogen erwachte, die Schmerzen zunahmen und der westliche Arzt wie auch ein hinzugezogener Pulmologe nur noch mit den Achseln zuckten, entschied ich, dass es eine gute Idee sein könnte, ein wenig früher nach Deutschland zu fliegen. Nach Absprache mit Kai, meiner Uni und dem DAAD in Bonn setzte ich mich dann schon am zehnten Dezember ins Flugzeug, den ich recht unruhig verbrachte, hing einige Stunden übermüdet im vor Konsumangeboten berstenden Transitbereich des Istanbuler Flughafens herum und kam ziemlich abgemagert und verschwitzt in Frankfurt an.

Schon am nächsten Morgen brachten mich meine Eltern zu einem Arzt nach Bonn. Es war ein Allgemeinmediziner (die örtliche Tropenmedizinerin lag selbst mit Fieber im Bett), der mich wie schon gehabt oberflächlich untersuchte und mich nach meinen Beschwerden befragte und danach, wo ich denn jetzt gerade herkomme. Bei den Stichworten „Fieber“, „Lunge“ und „Tadschikistan“ schien er zurückzuschrecken und auf einmal merklich von mir abzurücken. Soso, dann solle ich mich doch mal wieder hinausbegeben. Er werde kurz mit einem Lungenarzt telefonieren, um zu fragen, wie jetzt weiter zu verfahren sei. Ich wurde in ein nicht benutztes Untersuchungszimmer gesetzt, die Tür wurde geschlossen. Nach einer halben Stunde teilte eine Sprechstundenhilfe mir mit, ich solle mich sofort von meinem Vater ins Krankenhaus fahren lassen. Auf gar keinen Fall dürfe ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin fahren. Sie wünschte mir noch alles Gute.

In der Notaufnahme angekommen, wurde mir sofort ein Mundschutz aufgesetzt und man verbat mir, ihn abzusetzen. Nach einer kurzen Untersuchung durch einen Internisten, der bei der Erwähnung von Tadschikistan nur den Kopf schüttelte, wurde ich mit Verdacht auf Tuberkulose auf ein Isolationszimmer auf der Lungenstation eingewiesen. Was Isolationszimmer hieß, stellte ich schnell fest: Ich durfte den Raum nicht verlassen, und jeder, der hineinkam, musste selbst einen Mundschutz sowie eine Plastikhaube und einen Plastikkittel anziehen. Hier würde ich nun verbleiben, bis die Untersuchungen ein eindeutig positives oder negatives Ergebnis erbracht hätten. Aus meinem Fenster blickte ich zu allen Seiten auf graue Betonwände des Krankenhausinnenhofs. Die Schwestern stahlen sich, mit Mundschutz gewappnet, für einen kurzen Moment in mein Zimmer, stellten blitzschnell das Tablett mit dem Essen auf den Tisch und verschwanden wieder. Auch die Putzfrauen schienen mich als unkalkulierbares Risiko zu empfinden und mich unter der Maske ängstlich anzustarren, während sie hektisch den Boden wischten. Ich bekam einen Eindruck davon, wie Hannibal Lecter sich in seiner Zelle gefühlt hatte.

Unangemeldeter Besuch

Nach fünf Tagen, nach einer Computertomographie bekam ich den Bescheid, dass Tuberkulose oder jedwede andere Lungenerkrankung ausgeschlossen werden könne. Ich konnte mein Zimmer nun verlassen, Besucher mussten keinen Mundschutz mehr tragen. Jetzt wandten sich die Ärzte anderen Ursachen zu, und nach einer eingehenden Ultraschalluntersuchung durch einen Oberarzt stellte sich heraus, dass da am Rand meiner Leber ein ziemlich scharf abgegrenzter, ziemlich dunkler Fleck zu sehen war. Es folgten viele Blutproben, Stuhlproben und schließlich nach einigen Tagen die Erkenntnis, dass ich kleine, unangemeldete Besucher namens Entamoeba histolytica in mir trug, im allgemeinen für Amöbenruhr verantwortlich, doch nun auf wundersame Weise in meine Leber gewandert, wo sie sich eine Art Festung in Form eines Abszesses gebaut hatten. Ich wurde sofort auf Antibiotika gesetzt. Der Hinweis in deren Packungsbeilage, dass eine derartige Erkrankung unbehandelt des öfteren tödlich verläuft, zeigte mir, dass es wohl eine gute Idee war, früher zurück nach Deutschland zu fliegen.

Das Einzelzimmer behielt ich auch weiterhin. Ich hatte mich unterdessen an den Ausblick gewöhnt. Das Wetter schien sich aus dieser Perspektive überhaupt nicht zu verändern, ja es schien gar kein Wetter mehr zu geben, sondern nur noch diese grauen Wände. Auch Tadschikistan schien es nicht mehr zu geben, oder die Menschen, die ich dort kennengelernt hatte. Genauso schien auch Bonn verschwunden zu sein, meine Freunde und meine Familie, die mich besuchten, schienen aus dem Nichts in mein Zimmer zu treten und auch wieder dorthin zu verschwinden. Ich hatte einen Fremdkörper in mir, und ich war ein Fremdkörper hier im Lungenzentrum. Während die älteren Männer auf der Station, mit grauen Gesichtern und ballonseidenen Trainingsanzügen, hustend ihre blubbernden Lungenfelldrainagen durch die Gänge schoben und wider jegliches besseres Wissen zum Raucherbalkon drängten, war ich mit meinem Abzess auf extraterritorialem Gelände. Ich war aus Tadschikistan abgeflogen, aber nicht in Deutschland angekommen, sondern irgendwie in einer Falte des Raumzeitkontinuums verschwunden.

Die Antibiotika schlugen auch nach einigen Tagen nicht recht an. Viele Ärzte interessierten sich für meinen exotischen Fall. Beim nächsten Ultraschall standen schon vier Assistenzärzte um mich herum, als dann noch ein zweiter Oberarzt hinzugerufen wurde und, nachdem alle anderen zur Seite getreten waren, auch noch der Chefarzt der inneren Abteilung, der etwa eine Minute lang extrem schnell und unzusammenhängend sprach, wobei jeder seiner Sätze mit einem Nicken der anderen begleitet wurde. Außergewöhnlich, ja. Man habe ja schon mal davon gehört, dass so etwas in Mittelasien auftreten könne, aber ansonsten kenne man das ja nur aus dem Lehrbuch.

Die Arbeit des Patienten

Der Chefarzt beschloss, eine Leberpunktion durchzuführen, um so durch einen einzigen gezielten Eingriff den Abszess auszuspülen und abzusaugen. Der Eingriff, so beruhigte er mich, finde unter lokaler Betäubung statt und sei zwar etwas unangenehm, aber er habe das früher schon einmal gemacht. Keineswegs beruhigt ließ ich mich einen Tag später mit meinem Bett zu ihm fahren. Etwa eine Stunde lange dauerte nun die Vorbereitung auf den Eingriff. Ein Assistenzarzt war damit beauftragt, per Ultraschall zu kontrollieren, dass die lange, dünne Nadel des Chefarztes auch den richtigen Weg in die Leber fand. Kurz bevor er die Nadel einführte, erklärte er mir, wie ich mich zu verhalten hatte. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Nadel in die Leber eintrat, würde er mir das Kommando geben die Luft anzuhalten. Dies sollte ich so lange tun wie es mir möglich sei. Sobald ich nicht mehr könnte, sollte ich mit der Hand ein Zeichen geben, dies jedoch ungefähr fünf Sekunden bevor ich es nicht mehr aushielte. Danach dürfte ich weiterhin nicht tief, sondern nur sehr flach und kurz ein- und ausatmen. Diesen Anweisungen zu folgen sei wichtig: die Leber liege direkt unterhalb der Lunge, wenn diese sich bewege, bewege jene sich automatisch mit – und dann könne die Nadel abrutschen, und es könnte einiges kaputt gehen. Das sei aber im übrigen alles ganz einfach, der Eingriff würde nur ein paar Minuten dauern.

In seinem Text „Asyle“ rechnet der Soziologe Erving Goffman auch Krankenhäuser den „totalen Institutionen“ zu, Sonderformen von sozialen Institutionen, die allumfassenden Charakter haben, also eine hermetische Welt in sich bilden (und gleichzeitig ein Abbild der Gesamtgesellschaft im kleinen formen). Alle Bestandteile eines normalen Alltags werden auch von den „Insassen“ eines Gefängnisses, einer Kaserne oder eben eines Krankenhauses vollführt, nur eben mit dem Unterschied, dass all diese Verrichtungen hier vom „Stab“ der Institution gesteuert und kontrolliert werden. In Gefängnissen und Kasernen wird gegessen, geschlafen – und gearbeitet. Was aber ist mit der Arbeit im Krankenhaus? Das ist ein Aspekt des normalen Alltags, der hier fehlt. Oder? Vollführe ich als Patient im Krankenhaus etwas, das mit Arbeit vergleichbar ist? Wenn überhaupt, dann besteht die „Arbeit“ des Patienten wohl darin, mit den Ärzten und Schwestern zu kooperieren und ihren Anweisungen Folge zu leisten – man gibt Auskunft übers eigene Befinden, man hält still, wenn man eine Spritze bekommt. In den wenigen Fällen, wo eine mehr oder weniger aktive Kooperation gefragt ist, muss das für den Patienten ein eher schwer zu verdauendes Ereignis sein, da er diese aktive Kooperation nicht als seiner Patienten-Rolle für angemessen erachtet.

So erklärte sich wohl auch meine Reaktion auf die Forderung des Chefarztes, durch Kontrolle meines Atems zum Gelingen der Leberpunktion beizutragen. Jetzt sei er drin, kündigte er an. Der recht junge Assistenzarzt war neben der Kontrolle des Ultraschalls damit beauftragt, meine Hand zu halten und mir Vertrauen einzuflößen. Mit letzterem hatte er wohl noch nicht allzu viel Erfahrung, er blickte mich etwas ratlos an und sagte hin und wieder „Das wird schon, das wird schon“. Irgendwo rührte etwas in mir herum. „Jetzt nicht atmen!“, kam das Kommando. Etwa fünf Sekunden lang hielt ich mit wohl ziemlich weit aufgerissenen Augen die Luft an, dann durchflutete mich eine nie gekannte Panik, ich flatterte wild mit der Hand und begann sofort zu hyperventilieren. „Kann nicht, kann nicht...“, stammelte ich tonlos. „Dauert nur noch eine Minute“, entgegnete der Chefarzt ungerührt. Nachdem die Nadel ohne irgendwelche Schmerzen zu verursachen meinen Bauch wieder verlassen hatte, brauchte ich ziemlich lange, bevor ich wieder normal sprechen und atmen konnte. Das war meine „Arbeit“ für heute gewesen, und fast wäre ich damit überfordert gewesen. In den kommenden Tagen meines Aufenthalts beschränke ich mich lieber auf die Tätigkeiten, die ich beherrschte: Den Verband zurückschieben, wenn die Infusion kommt, das Fieberthermometer in den Mund nehmen, Auskunft darüber geben, ob ich heute schon Stuhlgang hatte. Einen bunten Arbeitsalltag hatte ich im Krankenhaus.

Der Lebereingriff erwies sich als weniger ertragreich als erhofft. Nur wenig von der trüben braunen Brühe konnte aus dem Abszess entfernt werden, so dass man mir bis auf weiteres eine Antibiotika-Infusion verabreichte und mir ankündigte, wenn das nach einer weiteren Woche keinen merklichen Rückgang des Klumpens bewirke, werde man in einem weiteren Eingriff einen Schlauch in meiner Leber installieren, also eine Drainage, mit der dann im Laufe einer weiteren Woche endgültig die ganze Gülle abgepumpt werden sollte. Ich freute mich schon. Unterdessen hatte ich mich nahezu vollkommen den Regeln der totalen Institution angepasst, Widerstand war zwecklos. Ich bat verstohlen um Erlaubnis, wenn ich einen kurzen Spaziergang nach draußen machte, obwohl mir das einfach so zustand. Ich meldete mich sofort bei der Stationsleitung, wenn meine Infusion nicht pünktlich gelegt wurde. Ich reagierte bereitwillig auf die Frage „Wie geht es uns denn heute“ und erzählte, erzählte und erzählte, ich konnte mir selbst nichts Interessanteres mehr vorstellen als meine Krankheit und betrachtete den Stab der Institution als Eingeschworene, die dieses Wissen mit mir teilen durften. Als sich an Heiligabend völlig überraschend die Möglichkeit ergab, für einige Stunden das Krankenhaus zu verlassen, um mit meiner Familie Weihnachten zu feiern, fühlte ich mich wie ein Deserteur, ein Verräter der Gesundheitsarmada.

Ich erwartete gottergeben die nächste Ultraschalluntersuchung und die Installation des Leberschlauchs. Ein neuer Assistenzarzt bat mich bereits einige Stunden vor der Untersuchung, ihm doch auf jeden Fall bescheid zu sagen, er wollte wohl auch gerne mit dabei sein, wenn noch einmal der Amöbenabszess aus Tadschikistan ins Blickfeld rücken würde, über den schon so viel geredet worden war. Er kleckerte meinen Bauch mit Kontaktgel ein, setzte das Ultraschallgerät an und begann zu suchen. Er muss enttäuscht gewesen sein, als er nichts fand. Der Oberarzt übernahm kurz darauf, aber auch er stellte fest, dass der Abszess sich offenbar nahezu vollkommen aufgelöst hatte. Weitere fünf Tage musste ich noch an eine Infusion der Antibiotika angeschlossen bleiben, dann wurde ich entlassen.

Im Moment freue ich mich nach drei Wochen im Krankenhaus über die wieder gewonnene Freiheit, muss aber weiterhin Antibiotika schlucken und kann daher noch nicht genau sagen, wann ich wieder in Tadschikistan sein werde. Mit Sicherheit zu Beginn des neuen Semesters im Februar, hoffentlich schon früher. Nachdem meine Krankengeschichte nun, wie man es leider von mir gewohnt ist, länger geworden ist als geplant, komme ich jetzt zu den viel erbaulicheren Ereignissen in Tadschikistan, die dem vorausgegangen sind.

Schaschlik Bisiness

Der Winter hatte eigentlich noch nicht wirklich begonnen, auch wenn an einem Morgen bereits Frost auf den Pflanzen und auf der Erde lag und auch die erste dünne Schneeschicht für einen Tag die Stadt bedeckte – dennoch, auch an einem Tag Anfang Dezember zeigte das Außenthermometer noch einmal 20 Grad Celsius an. Ohnehin scheinen die Tadschiken ein Volk zu sein, dass grundsätzlich die Außengastronomie liebt; bisher haben die Menschen tatsächlich jedem Wetter getrotzt und sich neben den Schaschlikgrills unter einem Sonnenschirm eingefunden, um entweder Spieße oder das unvergleichliche Plov auch bei empfindlichen Temperaturen draußen zu genießen. Und im Gegensatz zu den Deutschen brauchen sie dafür gar keine Heizpilze, die Kohlendioxid in die Atmosphäre schleudern.

Im übrigen ist die tadschikische Gastronomie mit der deutschen sowieso schlecht vergleichbar: Die tadschikischen Oschchonas (wir würden sie vielleicht als Imbiss oder Bistro bezeichnen) werden vielfach auch in privaten Wohnungen oder Häusern betrieben. In der Küche der Familie oder auf einem Schaschlikgrill im Innenhof werden die Speisen zubereitet und dann in den Vorgarten gebracht, wo die Tische stehen (so auch in dem Mietshaus, in dem ich wohne). Andere Familien backen einfach nur Brot bei sich zu Hause und verkaufen es in der Nachbarschaft. Die wirtschaftliche Handlungsmacht vieler Menschen ist extrem begrenzt, doch in diesem engen Radius wird tatsächlich jeder Quadratzentimeter ausgenutzt. Und sei es nur, dass ein alter weißhaariger Mann am Basar sich neben einer kleinen Personenwaage auf den Boden setzt und sich die persönliche Gewichtsinformation mit ein paar Cents bezahlen lässt – eine Geschäftsidee, die ich auch in Rumänien schon gesehen habe.

Bewerbungen

Allgemein war es jetzt recht ruhig geworden in Duschanbe. Meine Tätigkeiten an der Uni für dieses Semester schrumpfen immer mehr zusammen, mein Stundensoll war fast schon erfüllt, und die verbleibenden Stunden musste ich nun soweit es ging auf die verbleibende Zeit bis Ende des Semesters ausdehnen. Im Büro standen noch einmal ein paar Bewerbungsfristen an: Zum einen schreibt das Goetheinstitut Stipendien aus für Deutschlehrer (an Schulen, Universitäten und privaten Instituten), damit sie an Fortbildungskursen in Deutschland teilnehmen können; da es in Tadschikistan bisher jedoch gar kein Goetheinstitut gibt, übernimmt hier die Deutsche Botschaft die Vorauswahl der Bewerber, mit (recht umfassender) Hilfe des DAAD.

Die Bewerber für dieses Stipendium sind fast alle alte Bekannte des DAAD, die in der einen oder anderen Form in der Vergangenheit schon einmal gefördert worden sind. Hier galt es darum mit besonders viel Fingerspitzengefühl vorzugehen, um Gerechtigkeit walten zu lassen, und andererseits den Leuten, die man außen vor lassen musste, nur ganz behutsam auf den Schlips zu treten und ihnen, soweit möglich noch Alternativen anzubieten. Die Erwartungshaltung der Bewerber war dabei oft geprägt von bestimmten, für uns nur schwer durchschaubaren esoterischen Hirarchiesystemen innerhalb der Fakultäten. Vereinfacht lässt sich sicher sagen, dass derjenige, der über mehr Dienstjahre sowie Ämter und Würden verfügt, vollkommen natürlicherweise davon ausgeht, er sei nun in jedem Fall „an der Reihe“, ein Stipendium abzubekommen. Wenn wir nun einen jüngeren, unerfahreneren Kollegen von der gleichen Fakultät bevorzugen, der sehr talentiert ist und gerade aufgrund seines Alters noch einen weiteren Lernhorizont hat, ist es fast unausweichlich, dass wir damit den Groll der Älteren auf uns ziehen – eine Tatsache, die wir auch nicht völlig ignorieren können, da wir mit diesen Menschen ja weiterhin zusammenarbeiten müssen und wollen, schließlich sind wir selbst in Dushanbe auch Angestellte einer Universität.

Weiterhin stand noch die Auswahl von Bewerbern für ein Semesterstipendium an, die dann ein halbes Jahr lang Germanistik in Deutschland studieren können, und die Stipendien für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland. Bei letzterer Auswahl hatte ich endlich einmal Gelegenheit, Bewerber aus allen möglichen Fachrichtungen kennenzulernen (und nicht nur „Germanisten“, die leider oft nur sehr eindimensionale Zukunftspläne haben. Wenn hier mal einer sagen würde „Ich möchte was mit Medien machen“, wäre man schon glücklich). Der größte Anteil der Bewerber waren Mediziner, eine Gruppe, die es prinzipiell nicht allzu schwer hat, die Motivation für Forschung oder Studium in Deutschland zu begründen; ich habe bereits einmal ein tadschikisches Krankenhaus von innen gesehen und weiß daher ein wenig wovon ich spreche. Neben ihrem Forschungsplan waren darum bei diesen Bewerbern wieder einmal auch ihre Sprachfertigkeiten der ausschlaggebende Punkt – nicht unerheblich, wenn man in einem deutschen Krankenhaus arbeiten möchte. Ein Bewerber aus der plastischen Chirurgie wurde wegen seiner nicht vorhandenen Deutsch- und Englischkenntnisse sofort ausgemustert, noch nicht einmal sein Russisch war überzeugend. Wir scherzten ein wenig darüber, ob ein plastischer Chirurg denn so umfassende Sprachkenntnisse überhaupt brauche, da der Dialog mit dem Patienten sich doch auch stark reduzieren ließe: „Nase klein machen? Busen groß machen?“ – mit einer ein- bis zweiseitigen Vokabelliste ließe sich sicher alles Wichtige abdecken.

Abrahams Fest

Das öffentliche Leben der Stadt verlief nun also recht ruhig, man schien sich langsam in eine Art Winterstarre zurückzuziehen. Bevor die jedoch wirklich begann, galt es, sich noch einmal ein richtiges Fettpolster für den Winter anzufressen. Und dies kann man ganz hervorragend tun anlässlich des größten islamischen Festes, dessen Termin jedes Jahr neu nach dem Mondkalender berechnet wird; das von den Tadschiken Idi Kurbon genannt wird und in Deutschland einfach Opferfest heißt.

Das Opferfest findet alljährlich auf dem Höhepunkt der Hadsch, der großen Pilgerschaft nach Mekka statt. Zur Erklärung seines Ursprungs wird meist auf die Geschichte von Ibrahim und seinem Sohn Isaak verwiesen: Allah befiehlt Ibrahim, auf einen Berg zu steigen und ihm dort seinen Sohn zu opfern. Ibrahim befolgt die Anweisungen seines Gottes und hat gerade schon das Messer angesetzt, als Allah einschreitet und ihm verkündet, all dies sei nur eine Probe seiner Glaubensfestigkeit gewesen; sie beide sollten nun gemeinsam hingehen und stattdessen einen Widder opfern. Wem diese Geschichte mehr als bekannt vorkommt, der liegt richtig, schließlich ist es nichts anderes als die alttestamentarische Geschichte über Abraham. Muslimische Gemeinschaften weltweit nehmen nun bis heute diese Geschichte zum Anlass, am Idi Kurbon ein Tier zu schlachten, meistens ein Schaf oder eine Ziege. Zum Teil verarbeitet die Familie das Fleisch selbst (zu Speisen, die direkt an diesem Tag gegessen werden), zum Teil wird es an Bedürftige aus der Nachbarschaft verschenkt, Ausdruck eines muslimischen Caritasgedankens. Nicht jede Familie kann es sich indes leisten, ein Tier zu opfern; wichtig ist in jedem Fall, den Gästen (Verwandten, Freunden, Nachbarn) einen reichlich gedeckten Tisch zu bieten und sich aufopferungsvoll um sie kümmern. Ein weiterer Teil des Pflichtprogramms ist ein morgendlicher Besuch der Moschee, in der zu diesem Anlass eine besondere Predigt stattfindet. In Tadschikistan allerdings scheint es nicht höherem Maße Pflicht zu sein als in Deutschland ein Kirchenbesuch zu Weihnachten: Darauf angesprochen, ob er und seine Familie zum Feiertag in die Moschee gingen, grinste mich einer meiner Studenten an und meinte, ja, für seinen Bruder sei das das Richtige, aber für ihn gebe es keinen Grund in die Moschee zu gehen. Ob dies nun nur auf die jahrzehntelange Unterdrückung der Religion in der Sowjetunion zurückzuführen ist, oder auch auf die Auswirkungen der Globalisierung – oder gar auf rein persönliche Religionskritik, ich weiß es nicht zu sagen.

In diesem Jahr fiel der erste Tag des Idi Kurbon auf einen Montag, den achten Dezember. Tadschikistan ist zwar keine islamische Republik, aber die Regierung ist muslimischen Traditionen gegenüber zumindest weniger kritisch eingestellt als zum Beispiel das Nachbarland Usbekistan (wo der Geheimdienst zu jedem Gebet in der Moschee seine auffälligsten Men in Black schickt, um eventuelle islamistische Aktivitäten im Keim zu ersticken). Daher ist hier das Opferfest ein offizieller staatlicher Feiertag. Kai Franke und ich hatten somit keinerlei Pflichten an der Universität, und auch im Deutschen Haus herrschte gähnende Leere. Somit konnten wir guten Gewissens der Einladung von Tavakal, eines Studenten folgen, der mit uns zusammen das Opferfest in dem Dorf feiern wollte, in dem seine Eltern leben.

Ritual und Gemütlichkeit

Am Morgen waren wir um neun Uhr mit ihm an der Bushhaltestelle gegenüber der UN-Botschaft verabredet. Kai wollte mit seinem Jeep und seinen beiden Kindern dort vorbeikommen und Tavakal und mich mitnehmen. Unser junger tadschikischer Freund war allerdings nicht zur Stelle, auch nachdem wir eine Viertelstunde gewartet hatten. Auch war er auf seinem Handy nicht erreichbar. Als es bereits halb zehn war, ging er schließlich ans Telefon. Wo er denn sei, fragte Kai ihn. Er sei jetzt noch bei seiner Tante, antwortete er. Er sei gerade noch dabei ein Schaf zu schlachten. Ob wir ihn vielleicht dort abholen könnten, fragte Kai. Ja, natürlich, dass sei in der Nähe des Zirkus. Das bedeutete genau am anderen Ende der Stadt, von uns aus gesehen. Natürlich fuhren wir sofort los.

Ein Zirkus in den Ländern der Gemeinschaft unabhängiger Staaten ist oftmals nicht ein Zelt, dass eine Artistengruppe temporär aufbaut, sondern ein großes, mehr oder weniger rundes Gebäude aus Beton, in dem wechselweise der eigene Staatszirkus oder Gäste aus anderen Ländern (meist ehemalige Brudervölker) ihre Künste darbieten – von außen ähnelt es oft eher einem kleinen Sportstadion. Als wir nun die Zirkusanlage von Duschanbe erreicht hatten, telefonierten wir noch einmal eine halbe Stunde herum, bis wir Tavakal antrafen, der mit dem Ausnehmen und Zerlegen des Schafes offenbar noch nicht zu Ende gekommen war. Er führte uns in den Innenhof des Hauses seiner Tante, wo das Tier bereits gehäutet an einem Haken hing, zwei seiner Keulen lagen daneben auf einer Folie. Der kleine Student schien sein Handwerk recht gut zu verstehen und zügig zu arbeiten. Bis er fertig war, bat er uns, sich an die Festtafel seiner Verwandten zu setzen und schon einmal kräftig zuzulangen. Wir meldeten Bedenken an, schließlich wollten wir ja noch in sein Heimatdorf fahren und würden dort sicherlich noch sehr ausgiebig speisen. Weder er noch seine Verwandten ließen das gelten, und so saßen wir als erste Gäste des langen Feiertages auf Bodenmatten vor einer unüberschaubaren Menge an Speisen und Süßigkeiten, allein an einer riesigen Tafel, an der sicher 20 Gäste Platz hatten. Während Tavakal sich weiter an den Teilen des Schafes zu schaffen machte, gingen Kais Kindern, die drei und sieben Jahre alt sind, vollkommen die Augen über angesichts der unirdischen Masse an Keksen, Bonbons und Torten, die vor ihnen verlockend inszeniert war. Während Kai verzweifelt versuchte, sie vor einer bodenlosen Kalorienattacke zu bewahren, ermunterte Tavakals Onkel sie immer wieder, doch noch einmal zuzugreifen. Dies war nur das erste von vielen Häusern, die wir heute besuchen würden, und so waren wir froh, als Tavakal mit frisch gewaschenen Händen endlich bereit zum Aufbruch war.

Die Fahrt bis zu dem Dorf in der Nähe der Kleinstadt Faizabad dauerte etwas mehr als eine Stunde, während des letzten Streckenteils über holprige Feldwege war ich einmal mehr sehr froh darüber, dass Kai einen Jeep besitzt. Das Häuschen von Tavakals Eltern, neben einer Pappelallee und einem kleinen Fluss gelegen, war noch eins der größeren im Ort. Es stand offenbar auf dem Gelände einer ehemaligen Kolchose, zumindest war das große Grundstück in einem Umkreis von etwas hundert Metern bedeckt von den verrosteten Wracks landwirtschaftlicher Fahrzeuge und LKWs. Tavakals Plan sah nun vor, dass wir zunächst einige andere Bekannte und Verwandte im Dorf besuchen sollten, bevor wir abschließend im Haus seiner Eltern etwas länger einkehren sollten. Er hatte sich bereits etwas verstimmt darüber gezeigt, dass wir dort nicht zumindest eine Nacht verbringen wollten.

Der kleine Flecken bestand aus vielleicht 20 oder 30 Häusern, und am Ende dieses langen Tages sollten wir etwa in einem Drittel davon zu Gast gewesen sein. Wir betraten das erste Grundstück, durch ein Tor in einem Zaun, der aus getrockneten Stöcken bestand, durch einen staubigen Innenhof in ein von Wein umranktes niedriges Gebäude aus Lehm, das weiß angestrichen war. Vom Herrn des Hauses wurden wir in die gute Stube gebeten, in der eine Tafel vorbereitet war, die der vom heutigen Morgen zum Verwechseln ähnlich sah: Die gleichen Bodenmatten, die gleichen Speisen und Süßigkeiten, das gleiche Obst. Hier allerdings saß bereits eine Runde von jüngeren und älteren Männern auf den Matten, die jüngeren in Anzügen und mit Krawatten, die älteren weißbärtig und in ihren langen warmen Mänteln. Wir wurden kurz und freundlich begrüßt. Nachdem wir uns gesetzt hatten, wurde ein kurzes Gespräch darüber angeknüpft, wer wir seien und woher Tavakal uns kenne, geleitet von keinesfalls übertriebener Neugierde. Frauen bekamen wir nicht zu Gesicht, über ihren Verbleib bekam ich unterschiedliche Auskünfte: Die würden sich von den Männern gesondert treffen, meinte Tavakal zu uns; Kai neigte eher zu der Ansicht, dass die Frauen schlichtweg den ganzen Tag mit der Zubereitung der Speisen beschäftigt seien. Nach wenigen Minuten wurden denn auch einige dampfende Schüsseln hineingereicht, in denen sich eine kräftige Brühe sowie ein Stück Hammel (von einem nicht genauer zu identifizierenden Körperteil) befanden. Die Runde wurde still, nur ein Schlürfen und Knurpsen war zu hören. Die älteren Männer beendeten ihre Mahlzeit recht schnell. Einer von ihnen sprach zum Abschluss einen Segen, und danach erhoben sie sich alle fast wortlos und verabschiedeten sich recht schnell. Alleingelassen im Speiseraum, sahen auch wir keinen Grund noch länger zu bleiben und verließen das Grundstück, um zum nächsten guten Nachbarn von Tavakals Eltern zu gehen.

Spätestens beim dritten Haus stellten wir fest, dass bei diesen Besuchen stets alles vollkommen ritualisiert ablief: Die Männer setzten sich an die stets gleich ausgestattete Tafel, wir als ausländische Ehrengäste erhielten die besten Plätze, die sich, wie in einer mongolischen Jurte, immer gegenüber dem Eingang befinden; jedes Mal sprach Tavakal kurz mit den männlichen Verantwortungsträgern des Haushalts, mit den Gleichaltrigen vielleicht etwas länger; nach etwa fünf Minuten wurde die Hammelsuppe aufgetischt; wie selbstverständlich befolgten alle die kleinen Regeln des tadschikischen Miteinanders: Man stelle seine Füße niemals so, dass die Fußsohlen zu anderen in der Runde zeigen, man zerteile das Fladenbrot in möglichst kleine Stücke, damit alles etwas davon haben, man lasse das Fladenbrot niemals auf der Oberseite liegen, weil dies Unglück bringt, der Älteste des Hauses zerschneide das Obst und verteile es an die anderen, und etliches mehr; und am Ende sprach stets einer der Aksaqals („Weißbärte“) sein „Bismillah“, woraufhin alle sich erhoben. Oft trafen wir dabei Männer wieder, mit denen wir in schon in anderen Häusern gemeinsam an der Tafel gesessen hatten. Dieser Ablauf dauerte jedes Mal zwischen 15 und maximal 30 Minuten.

Nach etwa zweieinhalb Stunden hatten wir so viele Verwandte und Bekannte in ihren Lehmhäuschen besucht und waren so angefüllt mit grünem Tee und Hammelsuppe (und die Mägen von Kais Kindern so vollgeladen mit Bonbons und Kuchen), dass wir Tavakal darum baten, nun langsam zum Haus seiner Eltern zu gehen. Er war ein wenig enttäuscht und sagte, es gebe doch noch so viele Verwandte und Freunde, die wir noch nicht kennengelernt hätten, aber schließlich führte er uns zum Haus der Eltern zurück. Ein weiteres Mal stand uns nun die gewohnte Tafel bevor, dieses Mal zu unseren besonderen Ehren um einige zusätzliche Gänge mit Hammelfleisch ergänzt. Ich war mittlerweile gegenüber dem Zerkauen und Verschlucken des Knorpels glücklicherweise etwas abgestumpft, und Kai, der nun seit vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren in der Region heimisch ist, schien ohnehin vollkommen daran gewöhnt zu sein. Die Unmengen an grünem Tee trieben mich jetzt allerdings immer häufiger zum zugigen Plumpsklo im Garten, und so war ich froh, als alle in dieser Runde denkbaren Gespräche zu Ende geführt waren und wir unter nicht enden wollenden Verabschiedungen langsam den Rückweg antraten.

Wir waren vollgefressen und hatten ein wenig echte Dorfatmosphäre geschnuppert; aber was war das nun eigentlich für ein Fest gewesen, an dem wir teilgenommen hatten? Was wurde eigentlich gefeiert? Gab es einen lebendigen religiösen Hintergrund? Die Menschen hatten es sich gut gehen lassen, darüber hinaus hatten sie vor allem Bekanntschaften gepflegt. Der Sinn all dessen schien aus meiner Sicht tatsächlich vor allem der Erhalt des Kollektivs, die Vergegenwärtigung des Gemeinschafts- oder Gemeindegefühls zu sein. Der spirituelle Rahmen, in dem dies stattfand, erschien mir mehr als dürftig. Wie anders scheint das doch in Deutschland zu sein, wo Weihnachten so vollkommen von spirituellen und weltlichen Mythen aufgeladen ist (ohne dass dies zu einer erhöhten Spiritualität der Menschen führen würde) – und wo gerade nicht die Ehrung des Kollektivs im Vordergrund steht, sondern der vollständige Rückzug ins Private, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und (Geschenk-)Wünsche; und die Erzeugung von Gemütlichkeit – ich frage mich, ob sich dieses deutsche Wort wirklich sinngleich ins Tadschikische übersetzen lässt.

Mittwoch, 12. November 2008

Ottos Mops

Es ist kalt geworden in Tadschikistan. Zwar sagt Kai aus, letztes Jahr im Dezember noch im Garten des Deutschen Hauses gesessen zu haben, dieses Jahr allerdings wird das wohl unmöglich sein. Heute trieben die ersten Schneeflocken durch die Stadt, und nachdem ich nun längere Zeit in einer kalten Wohnung ausgeharrt habe, um mich ein wenig für die wirklich eisige Zeit im Januar und Februar abzuhärten, habe ich gestern zum ersten Mal meine Elektroheizung angeschlossen, wie wohl die meisten anderen hier in der Stadt auch, abgesehen von denen, deren Wohnung über einen richtigen Ofen verfügt. Die sind bereits seit Wochen damit beschäftigt sich Brennholz zu beschaffen, keine leichte Aufgabe in einem Land, das schon so stark abgerodet ist; immer weiter müssen die Lieferanten mit ihren Eseln in die Berge vordringen, um an den kahlen Hängen noch ein paar Bäume und Sträucher zu finden, deren Holz sie dann unter großen Anstrengungen bis in ihre Dörfer oder in die Hauptstadt transportieren. Von einer nachhaltigen Holzwirtschaft kann in vielen Fällen wohl keine Rede sein, auch wenn das natürlich genau das ist, was die GTZ hier mit vielen Projekten anstrebt. Wenn die Hänge unbepflanzt sind, reicht schon ein kleiner Sturzregen, um ein ganzes Dorf oder eine Straße fortzuspülen.


Hier in der Stadt wiederum wissen viele sich kurzfristig ganz anders zu helfen: Schon mehrmals bin ich inzwischen morgens durch das Geräusch einer Motorsäge aufgewacht, das direkt aus meinem Innenhof kam. Einige stolze alte Pappeln haben bereits dran glauben müssen, viele sind dort jetzt nicht mehr übrig. Es stellt sich die Frage, wie lange Duschanbe unter diesen Bedingungen noch die grünste Hauptstadt Zentralasiens sein wird. Eigentlich verfügt Tadschikistan über einen so enormen Wasserreichtum, dass theoretisch der gesamte Energiebedarf durch Wasserkraft gedeckt werden könnte – wenn man ihn denn endlich effizient nutzen könnte.

Tadschikischer Kampftanz

Unterdessen vertreibt man die Kälte am besten mit warmen Gedanken – oder mit geselligem Beisammensein. Die häufigste Gelegenheit dafür hat man hier bei Hochzeiten, die ein geradezu alltägliches Phänomen darstellen. Nach vielen Erzählungen und einer Trockenübung konnte ich nun endlich zum ersten Mal auch an einer Feier teilnehmen. Herr Schosedow, der ehemalige Leiter des deutschen Lehrstuhls, mit dem ich mich recht gut verstehe, hatte mich eingeladen, da eine seiner Studentinnen heiratete. Wir trafen uns an einem Samstagmorgen vor seinem Haus. Mit von der Partie waren vier jüngere Studentinnen, die ich auch aus meinen Seminaren kenne, und Wero, die bei ihm wohnt (siehe letzter Eintrag). Auf der Fahrt zum Ort der Feier in einem Vorort war es wieder einmal überraschend, wie viele Menschen in einen Minibus hineinpassen können, der Fahrer könnte mit großem Erfolg auch bei „Wetten dass...?“ auftreten.

An Ort und Stelle angekommen, sahen wir sofort, dass die Eltern von Braut und/oder Bräutigam etwas betuchter waren als der Durchschnittstadschike: Das Lokal mit seinen dicken Teppichen, weißen Säulen (und vor allem guter Heizung) hätte auch auf einer deutschen Hochzeit als recht gediegen gelten können. Es war kurz vor zwölf Uhr. Die standesamtliche Trauung hatten wir nicht mitbekommen, ebenso wenig die religiöse Zeremonie, die in engerem Familienkreis durch einen Mullah durchgeführt wird, der ins Haus kommt und die Trauung gegen Bezahlung durchführt. Wir wurden gemeinsam an einen Tisch gesetzt, der brechend voll war mit Obst und Salaten, flankiert von Erfrischungsgetränken und einer Flasche Wodka. Wann denn das Brautpaar käme, fragte ich recht ungeduldig; das würde ich dann schon merken, meinte Wero. Der DJ machte einen Soundcheck, der einen kleinen Vorgeschmack auf die Lautstärke gab, mit der wir in den nächsten Stunden konfrontiert sein würden, und zeigte damit wieder einmal deutlich, dass die Tadschiken in vielerlei Hinsicht schmerzunempfindlich sind.

Wenige Minuten nach zwölf hörte ich dann aus Richtung des Eingangs einen ohrenbetäubenden Krach. Nach einer kleinen Vorhut von Verwandten erschien zunächst die Hochzeitsband. Am auffälligsten waren drei ältere Männer, die riesige Blasinstrumente hielten, sicherlich drei Meter lang, von Klang und Aussehen her vielleicht am ehesten mit tibetischen Ritualtrompeten vergleichbar; will heißen, sie waren weder besonders wohlklingend noch variantenreich, dafür aber sehr laut. Hinter den Musikern endlich schritt das Brautpaar, der junge Mann im dunklen Anzug, das Mädchen im weißen Kleid und verschleiert. Beide gingen extrem langsam, die Braut wurde von zwei anderen Frauen gestützt. Mir war nicht ganz klar, warum sie gestützt werden musste, ich bildete mir jedoch ein, dass sie tatsächlich ein wenig wackelig auf den Beinen schien. Im Verhältnis zum Rest ihres Körpers schien mir ihre Taille sehr eng zu sein, so dass ich vermutete, dass sie eine Art Korsett trug. Während sie zu einem kleinen Podium am anderen Ende des Saals schritten, sprach und scherzte der Mann mit vielen Freunden und Verwandten, die Frau jedoch hielt die ganze Zeit über den Blick gesenkt.

Nachdem beide das Podium erreicht hatten, begann auch schon der DJ aufzuspielen und brachte mit seinem tadschikischen Hochzeitstechno den Saal im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben. Zwischendurch ergriff auch ein älterer Sänger das Mikro und schmetterte zu den gleichen Beats traditionelle Weisen. In den Pausen zwischen den Titeln hielten die Verwandten Reden auf das Brautpaar, die gar kein Ende nehmen wollten. Die beiden standen unterdessen immer noch. Weiterhin blickte die Frau zu Boden und verzog kein einziges Mal die Miene. In Abständen von vielleicht zehn Sekunden senkte sie den Kopf noch etwas tiefer, wie zu einer kleinen Verbeugung. Damit, so erklärte mir Wero, müsse sie den versammelten Gästen Ehre erweisen. Ich ersparte mir die Frage, warum der Mann das nicht tun müsse.

An unserem Tisch wurde unterdessen ein fettreicher, fleischhaltiger Gang nach dem anderen aufgetischt. Die Studentinnen an unserem Tisch aßen jedoch nur recht wenig, schon nach einigen Minuten standen sie auf und begannen zu tanzen. Auch einige ältere Frauen in langen bunten Kleidern tanzten bereits. Sofort forderten die Studentinnen auch mich auf aufzustehen; ich entschuldigte mich damit, dass ich lieber noch warten wollte, bis auch andere Männer die Tanzfläche betraten, um mir ihren Tanzstil ein wenig abzugucken. Herr Schosedow fragte mich nach einer kurzen Weile, ob ich nicht ein wenig Wodka trinken wolle, das würde die Tanzstimmung sicher heben. Ich sagte nicht nein. Nach dem dritten Glas bekniete ich dann noch meinen jüngeren tadschikischen Tischnachbarn, ob er nicht endlich das Tanzbein schwingen wolle und mir ein paar Bewegungen zeigen könne. Er willigte ein, und so fanden wir uns in der Mitte eines Harems aus alten und jungen Frauen auf der Tanzfläche wieder, die uns angrinsten und antanzten. Ich sah mir ein wenig an, wie sich mein Geschlechtsgenosse bewegte, und fiel dann mit ein.

Der traditionelle tadschikische Tanz ist kein Paartanz, man berührt sich nicht, Frauen und Männer können sich zutanzen, oder auch Männer und Männer und Frauen und Frauen. Die Bewegungen sind recht langsam und fließend. Die Füße bewegen sich nicht allzu viel, ich habe auch keine feste Schrittfolge feststellen können; es scheint wichtig zu sein, die Hüften nicht allzu viel zu bewegen. Dagegen vollführen die Arme sehr ausladende Bewegungen. Hierbei ist sehr viel kreativer Freiraum gegeben, fast eher wie in einer Disco. Die Bewegungen der Frauen sind dabei sehr geschmeidig und nicht allzu abwechslungsreich, sie scheinen dabei – wie auch sonst im Leben – eher eine passive Rolle zu spielen. Wenn dagegen die Männer sich zutanzen, geht es erheblich lebendiger, ja rauer zu: Die Bewegungen muten teilweise wie eine Kampfsportübung an, man kommt fast bis auf Körperkontakt aufeinander zu, dreht sich blitzschnell weg, bisweilen schreit man sich auch kurz martialisch an. Auch ich wurde einige Male von anderen männlichen Tänzern zu einem kleinen Duell aufgefordert, während der DJ ständig schnellere und noch schnellere Lieder spielte. Es bereitet eine ungeheure Freude und ist sehr schweißtreibend. Die Studentinnen von meiner Uni grinsten wie Honigkuchenpferde, als sie ihren Dozenten so inmitten all des Trubels sahen.

Um Punkt 15 Uhr wurde die ganze Veranstaltung dann aber auch schon wieder beendet: Das Brautpaar verließ den Saal ebenso langsam, wie sie gekommen waren. Auf den Stufen vor dem Eingang wurde nach kurzer Ankündigung der Brautstrauß geworfen, der souverän von der ältesten der anwesenden noch nicht verheirateten Studentinnen aufgefangen wurde. Es war ein Regierungsangestellter anwesend, der zu überwachen hatte, dass die Veranstaltung tatsächlich nicht länger als drei Stunden dauerte, dass es nicht zu viele Gäste gab und dass nicht zu viel getrunken wurde. Wero und ich nahmen eine Marschrutka zurück ins Zentrum, die Studentinnen wollten lieber zu Fuß gehen, trotz Kälte und Regen: Wenn sie erst einmal wieder zu Hause waren, würde der Tag für sie gelaufen sein; und so wollten sie die Zeit und den besonderen Moment noch eine Weile zusammen auskosten.

Kick Out the Jams

Am vergangenen Samstag habe ich dann meinen Geburtstag gefeiert. Das Ganze eine Party zu nennen wäre etwas übertrieben, aber immerhin hatte ich zehn Gäste bei mir zu Hause. Da es mir bisher an Kochkenntnissen der tadschikischen Küche mangelt (was sich unbedingt noch ändern muss), habe ich einfach mit allen Zutaten, die sich hier auftreiben ließen, ein Chili con Carne gekocht. Sine Carne, um genau zu sein, denn das Hackfleisch, das ich auf den Märkten fand, war meistens doch schon ziemlich ergraut. Es kamen David, Wero, Daniel, der hier in der Fortbildung für Behindertenprojekte arbeitet, mein Chef Kai mit seinen beiden kleinen Kindern, drei meiner Studenten, die irgendwie bei ihren Eltern die Erlaubnis erwirkt hatten abends noch rauszugehen (natürlich nur Jungs – bei den Mädchen wäre diese Frage völlig indiskutabel) – und, ganz überraschend, Herr Schosedow, den Wero mitgebracht hatte. Ich bekam warme, bunte Socken aus dem Pamir geschenkt, eine kleine Zeichnung von Kais Sohn, CDs mit tadschikischer Musik und von meinen Studenten eine Wanduhr in Form Schiffruders, allerdings nicht aus Holz, sondern aus Plastik. Der praktische Nutzen überwog hier den ästhetischen Gewinn. Der plötzliche Auftritt ihres Lehrers und Meisters Schosedow irritierte die Studenten für einen Moment, kurz standen sie alle auf, als seien sie in einem Seminar in der Uni. Nachdem er jedoch das erste Bier geköpft hatte, griffen auch sie ganz ungeniert zur Flasche (nur ein wenig, versteht sich).

Gegen zehn Uhr gingen plötzlich alle Lichter aus, wir hatten einen Stromausfall. Ein Blick auf die Straße zeigte, dass nicht wir allein betroffen waren, die Straßenbeleuchtung war auch ausgefallen. Sie kehrte nach einiger Zeit wieder, in meinem Mietshaus jedoch blieb es dunkel. Daniel lief kurz zum gegenüberliegenden Supermarkt und kaufte Kerzen, und der Akku meines Laptops hielt auch noch ein paar Stündchen, so dass es ohne Probleme weitergehen konnte, mit Musik und Kerzenschein. Herr Schosedow saß, wie es sich für einen ustod gehört, auf einem Sessel, während wir junges Volk auf dem Boden hockten, und kommentierte die pamirische Volksmusik, die wir hörten. Wero bemerkte dann auch, dass es so ja eigentlich ganz romantisch sei, worauf Herr Schosedow entgegnete, dass es für einen Abend sicher ganz romantisch sei, man jedoch nach mehreren Monaten ein wenig dagegen abstumpfe. Ich konnte sein leises Understatement einfach nur bewundern.

Am nächsten Tag blieb der Strom immer noch weg. Auf jegliche Entbehrung gefasst, stellte ich mich auf eine längere Periode der Dunkelheit und des kalten Wassers ein. Gegen Abend rief ich aber doch einmal bei meinem Vermieter an, der auf der gleichen Etage wohnt, um zu fragen, ob es sich um einen dauerhaften Ausfall handele. Als ich ihn endlich erwischte, war er offenbar gerade draußen. Man hörte die aufgeregten Stimmen anderer Männer um ihn herum. „Power station is burning!”, rief er lauthals ins Telefon, “We make new one now!”. Mehr konnte oder wollte er mir zu diesem Zeitpunkt nicht erklären. Was auch immer mit der „power station“ geschehen war, zwei Stunden später, ich lag bereits mit Buch und Kerzen im Bett, funktionierte der Strom wieder.

Trost der Dichtung

Auch an meiner Universität gab es wieder eine bemerkenswerte Begebenheit. Wie vielleicht schon einmal erwähnt, sind die Studenten eines Studienjahrs hier in Gruppen unterteilt, die man auch einfach als Schulklassen bezeichnen könnte. Überhaupt ist das ganze Studium extrem verschult, es gibt einen festen Stundenplan, der zum Beispiel für meine Studenten, die offiziell „Lehramt Deutsch/Englisch“ studieren, nicht nur Kurse in Deutsch, Englisch und Pädagogik umfasst, sondern auch ganz andere Fächer wie Mathematik, Körperertüchtigung, tadschikische Geschichte und Militärtheorie (wobei letzteres, wie mir gesagt wurde, vor allem eine Vorbereitung oder ein Training für die Zivilbevölkerung für Zeiten eines Bürgerkriegs sein soll). Dienstags nun unterrichte ich die sogenannte usbekische Gruppe (Studenten, deren Muttersprache Usbekisch ist). Wie für alle anderen Gruppen auch, gibt es für sie ein Klassenbuch, in dem wie an jeder normalen deutschen Schule die Unterrichtszeiten und –themen sowie die Anwesenheitsliste verzeichnet werden. Eine Studentin ist mit der Aufsicht über dieses Klassenbuch betreut und ist angehalten, es wie ihren Augapfel zu hüten. Als ich an diesem Dienstag den Seminarraum betrat (den Klassenraum, möchte ich fast sagen), war ein Tumult im Gange, der mich für einen Moment eher an eine Grundschulklasse denken ließ: die Studenten stritten sich lauthals, und in dem Moment, in dem ich hereinkam, flog eine Schultasche (pardon, eine Aktenmappe) quer durch den Raum und traf eine Studentin am Kopf. Sie begann zu weinen und den Werfer, einen rechten Rabauken, zu beschimpfen, der daraufhin aufsprang und offenbar ärgerer körperlicher Gewalt nachsann. Ich beendete die Situation und verschaffte mir Gehör.

Aufgrund der schlechten Deutschkenntnisse der Studenten dauerte es ein Weile, bis ich einigermaßen begriff: Das Mädchen, das die Mappe an den Kopf bekommen hatte, war offenbar die Wärterin des Klassenbuchs. Am vorigen Tag war ihr das Buch in der Uni irgendwie abhanden gekommen, und nun hatte sich erwiesen, dass es trotz gemeinsamer fieberhafter Suche des ganzen Kurses nicht wieder aufzufinden war, was bei der Dekanin der Fakultät großen Unmut hervorrief. Warum es dann im Anschluss zu Tätlichkeiten kommen musste, habe ich immer noch nicht verstanden. Ich versuchte die arg geknickte Studentin wie auch ihre Kommilitonen mit einigen Gedichten von Ernst Jandl wieder aufzumuntern, und spätestens, als sie die Zeilen „Ottos Mops kotzt / Otto: ogottogott“ vorlasen, war die Stimmung einigermaßen gerettet. Merke: Man muss nicht viel Deutsch verstehen, um Konkrete Poesie unterhaltsam zu finden.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Love and Marriage



Frauenpower?

Der heilige Gral des Toleranzgedankens und der Interkulturalität in Deutschland ist immer noch die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“. Was böte sich also in einer Vorlesung über deutsche Literatur, in einem Land wie Tadschikistan eher an, wenn man sowieso schon gezwungen ist, die Literaturgeschichte von ganz hinten aufzurollen? Mit großem Interesse lasen die Studenten dann auch die wenigen Seiten, die das Fundament des modernen Multikulturalismus darstellen.

Im Anschluss an die Vorlesung sprachen wir in kleinerer Runde noch etwas ausführlicher über den Toleranzgedanken. In begnadeter Einfallslosigkeit lenkte ich das Gespräch auf das Thema Kopftuchverbot, das, wie im letzten Eintrag zu lesen war, hier ein genauso heißes Eisen ist wie in Deutschland, Frankreich oder der Türkei. Die Meinung der Studenten war genauso zwiespältig wie die Hauptfronten der Diskussion im Westen: Einerseits waren alle, Jungs wie Mädchen sich einig, dass das Kopftuch an sich kein rein religiöses Symbol sei, sondern mit individuellem modischem Gefühl oder auch persönlichem Sicherheitsempfinden zu tun habe. Auf die Frage an die Studentinnen, was sie denn machen würden, wenn sie einen Mann heiraten würden, der von ihnen verlange, das Kopftuch zu tragen, gaben sie dann aber zur Antwort (zumindest diejenigen, die überhaupt den Mund aufmachten): So einen Mann wollten sie überhaupt nicht erst heiraten. Einige der Jungs entgegneten, dass sei doch aber nun einmal gang und gebe in Tadschikistan, wenn die Hochzeit stattgefunden habe, habe die Frau nichts mehr zu sagen. Immer mehr Frauen seien verschleiert. Die Studentin, die sich zuvor am vehementesten dagegen ausgesprochen hatte, blickte zwischen den Jungs, ihren Kommilitoninnen und mir wild hin und her. Die Emanzipation in Tadschikistan ist ein fragiles Gebilde.

Hinzu kommt, dass Frauen und Männer in ihrer Ehe ohnehin nicht viel voneinander haben: Mindestens eine Million tadschikische Männer leben zur Zeit in Russland (eine unvorstellbare Zahl, da Tadschikistan nur sieben Millionen Einwohner hat), wo sie eine Art Gastarbeiterstatus haben und für billige Löhne und gegen widerwärtige rassistische Anfeindungen nahezu der ganzen russischen Bevölkerung arbeiten, vor allem im Baugewerbe. Annemarie Berger in Chudschand hatte uns bereits von tadschikischen Kolleginnen erzählt, deren Männer seit zwei oder drei Jahren in Russland lebten. Manche kehren irgendwann wieder für eine Weile zurück, wie die Männer die ich bei meiner Ankunft am Flughafen gesehen habe. Andere melden sich überhaupt nicht mehr bei ihren Frauen und sind verschwunden. Mein Taxifahrer, den ich etwa jeden dritten Tag treffe und der eine akademische Ausbildung hat, meinte kürzlich, in naher Zukunft werde es in Tadschikistan nur noch zwei Berufe geben: Taxifahrer und Polizisten, die die Taxifahrer grundlos anhalten und von ihnen Bakschisch kassieren.

Männersache?

Einen Tag später war ich mit zwei Studenten zum Essen verabredet. Wir fuhren mit einer Marschrutka etwa 20 Minuten, bis in einen Vorort, in dem es einen großen Lebensmittelbasar gab. An den Basar angeschlossen gab es ein großes tadschikisches Lokal. In einer hohen Säulenhalle waren zahlreiche Tische aufgestellt; Meine Studenten steuerten jedoch direkt eine Seitenwand des Restaurants an: Dort waren in die gekälkte Wand nebeneinander mehrere kleine Kabinette oder Separées in die Wand eingelassen. Im Inneren befand sich ein längerer niedriger Tisch und zwei bequeme Sofas, auf denen man sich gegenübersaß. An den Tischen wie in den Kabinetten saßen größtenteils Tadschiken in traditioneller Kleidung, essend, teetrinkend oder Wasserpfeife rauchend. Hier gebe es das beste Osch der ganzen Stadt, versicherten mir die beiden. Osch ist der tadschikische Name für Plov, oder auch Pilau, ein äußerst fettiges Reisgericht mit Hammelfleisch sowie sehr viel Knoblauch und Gemüse je nach Saison. „Osch“ wie auch „Plov“ klingt recht lautmalerisch, und das ist nicht untertrieben: Das Osch blockiert den Magen über mehrere Stunden hinweg völlig und führt zu nahezu vollkommener Bewegungslosigkeit, der nur mit sehr viel Tee abgeholfen werden kann. Das führte automatisch dazu, dass wir sehr lange auf den gemütlichen Sofas sitzen blieben, von der dröhnenden Außenwelt abgeschirmt. Hier, das merkte man, waren die Tadschiken ganz bei sich.

Ich brachte das Gespräch noch einmal aufs Heiraten. Die Inszenierung der Hochzeit, die die Studenten für die Deutschen veranstaltet hatten, war nicht ohne Bezug zur Realität: Tatsächlich, so erfuhr ich, würde der Junge, der den Ehemann gespielt hatte (im letzten Eintrag ist er auf dem Foto zu sehen, er trägt den bunten Mantel), im kommenden Jahr bereits heiraten. Er ist, wie die meisten anderen seines Studienjahres, 20 Jahre alt. Seine zukünftige Frau hat er noch nicht kennengelernt, das geschieht erst wenige Tage vor der Hochzeit, wenn es zu verschiedenen offiziellen Treffen zwischen den beiden Familien kommt. Die Abmachung über die Hochzeit haben sein Eltern und die Eltern der Braut allerdings schon längst getroffen. Die Hochzeit ist meist ein aufwändiges Großereignis, zu dem stets Hunderte von Gästen geladen, zahlreiche Tiere geschlachtet und verschwenderische Aussteuern gezahlt werden. So exzessiv ist der Aufwand, dass Präsident Rahmon im letzten Jahr gesetzliche Obergrenzen für die Ausrichtung von Hochzeitsfeiern erließ. Ein beliebtes Geschenk ist ein Auto, wie man auf dem Bild oben sehen kann.

Ich fragte die beiden, wie das denn bei ihnen sei mit dem Heiraten. Nun, eigentlich wollten sie noch nicht heiraten, sondern lieber erstmal studieren (am liebsten in Deutschland; ein Wink mit dem Zaunpfahl bezüglich ihrer noch nicht ausgewerteten Stipendienbewerbung. Ich überhörte das geflissentlich und sah zu, dass ich mein Essen am Ende selbst bezahlte). Ihre Eltern, speziell ihre Mütter, sähen das aber anders: Möglichst bald müsse eine Frau ins Haus, die ihr, der Mutter, im Haushalt helfen könne. Was solle man da machen? Wie die Studentinnen aus ihrer Gruppe das denn sähen, fragte ich noch. Da gäbe es solche und solche: Einige, besonders die, die gestern so leidenschaftlich diskutiert hatten, wollten gar nicht heiraten. Besonders gäbe es da eine Studentin (es war diejenige, die von allen Stipendienbewerbern die beste Bewerbung abgegeben hatte), die sei – und bei diesen Worten schwang eindeutig so etwas wie Furcht in den Stimmen der jungen Männer mit – nun, die sei – sehr speziell. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle sagten sie mir noch, diese Gegend hier sei bekannt dafür, dass man abends viele Prostituierte finde. Ob sie damit schon Erfahrungen hätte, fragte ich; sie lachten nur.

Gestern Abend gab es dann noch die allwöchentliche Ausländerbespaßung, dieses Mal mit einer gelungenen Überraschung: Im Irish Pub spielte Rockband aus Kabul, „White City“, die nur aus Angehörigen internationaler Organisationen besteht, die unter anderem aus Frankreich, Schweden, Australien, Dänemark, Spanien und dem Iran kommen. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass sie in einer extrem wechselnden Besetzung spielen. Das zog natürlich eine Menge Leute an, wahrscheinlich war an diesem Abend die gesamte internationale Gemeinde Duschanbes versammelt. Trotzdem bemerkte der Saxofonist der Band mir gegenüber, das sei ja alles sehr überschaubar bei uns hier drüben, kein Vergleich zu Kabul. Die Westler scheinen dort in ihrer eigenen Welt leben, anders kann man sich das Zustandekommen solcher subkulturellen Phänomene wohl kaum erklären. Die Band hatte ihr komplettes professionelles Equipment mitgebracht, inklusive eines DJ-Pultes, wo in der Pause und nach dem Konzert Housebeats aufgelegt wurden. Es wurde ausgiebig getanzt und gesprungen. Kabul, das war mir nach diesem Abend klar, ist ein eigener Planet.

Heute habe ich dann noch einmal eine kleine Wanderung unternommen, mit Wero, einer Freiburger Ethnologin, die hier über die Arbeitsmigration der tadschikischen Männer nach Russland forschen will, und Martina, einer polnischen Lehrerin, die an der Uni Polnisch unterrichtet. Wir fuhren mit der Marschrutka bis ins Takob-Tal, das von einer kleinen Sogdisch sprechenden Minderheit bewohnt wird. Es war wunderschönes herbstlich-frisches Wetter, die Pappelalleen schimmerten goldgelb und der Schnee reichte schon fast bis an die Dörfer heran.





Mittwoch, 22. Oktober 2008

Rock The Kasbah

Die Umstände haben es erfordert, eine längere Schreibpause einzulegen; dies führt nun natürlich zu einem Stau von Geschichten und Erlebnissen, die der junge, ungestüme Schreiber verarbeiten muss. Kürzer fassen kann ich mich leider auch nicht, man möge mir also verzeihen. Auch muss ich euch einige der attraktiveren Bilder vorenthalten, weil viele davon nur auf Diafilm gebannt und noch nicht entwickelt sind. Zu Beginn, ein wenig aus dem Kontext gerissen, ein Bild, das eine tadschikische Hochzeit zeigt, die einige meiner Studenten für die deutsche Studentengruppe als Theaterstück inszeniert haben. Es war sehr anschaulich und sehr lustig, und gleichzeitig auch ernst, wenn man bedenkt, dass die meisten hier in diesem Alter tatsächlich bereits schon heiraten und viele Akteure so ihre eigene nahe Zukunft vor Augen hatten. Vielleicht noch der Hinweise, dass die Bilder jetzt in etwas größerem Format hochgeladen sind, es lohnt sich also jetzt sie anzuklicken.




Clubbing in Tadschikistan

Es beginnt, leider unvermeidlich, erneut mit der Berichterstattung übers Nachtleben. An dem Wochenende, an dem wir nach Chudjand geflogen sind, hatten wir zuvor noch erstmals die Gelegenheit, eine tadschikische Disco zu besuchen. Mussadas, die hin und wieder für den DAAD arbeitet und in den letzten Wochen die deutsche Studentengruppe betreut hat, flog am Sonntag für ein Jahr nach Deutschland (sie wird ein DaF-Studium in Bochum beginnen) und wollte ihren Abschied im Club Dior feiern, einer von drei Diskotheken in Duschanbe (zumindest habe ich bisher nur von dreien gehört). Um halb zehn abends traf ich mich mit ihr und den deutschen Studenten. Der Club, im ersten Stock eines Geschäftshauses gelegen, erinnerte mich spontan an den allerersten Club, den ich in meinem Leben zu Gesicht bekam: die Schülerdisco im englischen Seebad Eastbourne, in der man als 14jähriger nachmitttags mit Cola und Sprite zu Dr. Alban tanzen konnte. Hier gab es allerdings auch Bier und Wodka. Auf unbequemen Stahlstühlen saß man an Glastischen, auch etwas zu essen konnte man bestellen. Neben uns saß ein kleines Grüppchen von Jugendlichen zusammengedrängt an einem Tisch und blickte argwöhnisch auf die leere Tanzfläche, an deren zwei Wandseiten große Spiegelflächen installiert waren wie in einem Ballettstudio. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren und verstärkte die unterkühlte Atmosphäre. Wir saßen uns gegenüber, aufgrund der Lautstärke der Musik unfähig uns zu unterhalten, und begannen mit enormem Tempo die Wodkaflaschen, die auf den Tisch gestellt wurden, in die Gläser und dann in unsere Speiseröhren zu entleeren. Das Grüppchen am Nebentisch hatte ihr gemütliches Abendessen im Stroboskoplicht beendet, und wie auf Kommando standen nun alle auf, drängten auf die Tanzfläche und begannen sofort intensiv und leidenschaftlich zu tanzen. Es lief ein Mix aus russischem Techno und tanzbaren Klängen aus allen Ecken des Orients; so durfte auch Tarkan an diesem Abend nicht fehlen. Auch die deutsche Gruppe hielt es nun nicht mehr auf den Plätzen. Sie waren zuvor in einem Nachmittagskurs in traditionellem tadschikischem Tanz geschult worden und konnten jetzt mit ihren Kenntnissen triumphieren.

Auch ich schwang ein Weilchen das Tanzbein. David und mir, inzwischen bereits geschulte Expats, war diese Anbiederung an die Landeskultur dann aber doch zuviel, da wir ernsthaften Schaden für unsere Ohren befürchteten; auch durfte man auf der Tanzfläche nicht rauchen. Wir verließen das Dior und gingen zielstrebig zum bereits erwähnten Irish Pub. Wie jeden Freitag standen in langen Reihen davor bereits die Jeeps aller staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen versammelt. Ihre Fahrer waren teils bereits merklich angeheitert, was viele allerdings nicht daran hinderte, sich später noch ans Steuer zu setzen. Nach einiger Zeit in der feinen westlichen Gesellschaft entstand der kollektive Wunsch, den Abend im Port Said zu beenden, dem zweiten der drei erwähnten Clubs. Sonja hatte mir zuvor davon abgeraten, das Port Said sei unterste Sohle und eigentlich nichts weiter als ein schlecht kaschierter Puff. Das war uns nun egal oder sogar recht, wir schlossen uns den anderen betrunkenen Westlern an und ließen uns mit dem Taxi fahren. Der Laden war eigentlich ganz gemütlich, die Musik erheblich besser und nicht ganz so laut. Mir gegenüber auf einem schwarzen Ledersofa saß ein älterer grauhaariger Westler, der mutig sein Hemd aufgeknöpft hatte, um seinen Brustpelz zu präsentieren. Mit seinen Armen hielt er zwei junge Tadschikinnen umschlungen, die ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen schienen, was sicherlich nicht kostenlos geschah. Ach ja, die Heimat ist weit weg und irgendwie muss man sich ja trösten.

Bildungsmesse, Nr. 1

Am Samstag hatte das DAAD-Team dann einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt: Die erste von vier nationalen Bildungsmessen, die von der Soros Foundation beziehungsweise dem Open Society Institute organisiert wurden, fand in Duschanbe statt. Nachdem Kai uns mit T-Shirts ausgestattet hatte, die einen tadschikischen DAAD-Aufdruck tragen, konnte man uns noch weniger übersehen als ohnehin schon (aufgrund von Größe und Hautfarbe). In den klimatisierten Räumen des VEFA-Centers angekommen, mussten wir als einzige deutsche Organisation neben den vielen Amerikanern natürlich ordnungsgemäß repräsentieren, und so wurde unser Stand ein kleines Wunder des Messebaus, im Vergleich zu den anderen, die lediglich mit ein paar Fähnchen und Posterchen aufwarten konnten. Als dann die Massen der bildungshungrigen jungen Tadschiken in die Halle strömten, gehorchten sie den gleichen Gesetzen wie wohl alle Messebesucher weltweit: Alles was bunt und kostenlos ist, wird so schnell wie möglich abgegriffen. Hochschulsommerkurse, internationale Masterprogramme, Wissenschaftleraustausch, Bolognaprozess – man steckte einfach mal alles ein, auch wenn sich die Sprachkenntnisse und das Wissen über Deutschland oft auf die letzte Fußball-WM beschränkten.

Allgemeine Dysfunktionalität

Am Sonntagmorgen sollte es dann also nach Chudschand gehen, mit dem Flugzeug. Am späten Samstagabend jedoch geriet dieser Plan in Gefahr, als mir mein Wohnungsschlüssel im Schloss abbrach. Ich verbrachte die Nacht noch einmal bei David auf dem Sofa. Am nächsten Morgen rief mein Vermieter den „Schlüsseldienst“ an, und bald rückte dann auch ein kleiner alter Mann an, der mit einem riesigen Schraubenzieher, einem Hammer, einem ziemlich demolierten Schlagbohrer und einer Kreissäge bewaffnet war. Hammer und Schraubenzieher reichten schließlich aus, um das Schloss zu zerstören und die Tür zu öffnen, und nachdem ich meine Sachen in den Rucksack geworfen hatte, fuhr ich schnell weiter zum Büro und dann zum Flughafen. Martina, eine polnische Lehrerin, hatte mir bereits versichert, kaputte Schlösser und abgebrochene Schlüssel seien kein Grund sich aufzuregen, das geschehe hier jeden Tag; ein Symptom der allgemeinen Dysfunktionalität, die die ganze tadschikische Gesellschaft ergriffen hat. Jede Busfahrt, jeder Griff zum Lichtschalter kann zum Abenteuer werden.

So war es dann auch nur wenig überraschend, dass unser Flug drei Stunden Verspätung hatte. Drei Stunden lang harrten die Fluggäste in der stickigen Wartehalle aus, ohne dass eine einzige Durchsage erklang. Auch machte niemand Anstalten nachzufragen oder sich gar zu beschweren – was sicherlich auch kaum sinnvoll gewesen wäre. Krisen im Verkehr und in staatlichen Angelegenheiten sind hier scheinbar ein Teil der Naturgewalten.

Endlich wuchteten wir – David, Zarrina (meine tadschikische Kollegin) und ich – unser Messegepäck ins Flugzeug. Der Flug selbst war dann relativ unspektakulär, durch die dichte Wolkendecke konnten wir nur selten einen Blick auf die darunterliegenden schneebedeckten Berge werfen. Kurz vor der Landung überflogen wir dann noch das breite, beinahe türkise Band des Syr Darja.

Diesseits des Jaxartes

Was ihre Siedlungsgeschichte angeht, könnten Duschanbe und Chudschand kaum unterschiedlicher sein: Duschanbe wurde erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von den Sowjets gegründet, zuvor gab es hier lediglich ein Dorf, in dem ein wöchentlicher Markt stattfand („Duschanbe“ heißt „Montag“ und bezeichnet den Tag, an dem der Markt stattfand). Chudschand dagegen ist wohl eins der ältesten Zeugnisse der langen Geschichte von Eroberungen in Zentralasien: Vor 2500 Jahren wurde es von Alexander dem Großen gegründet, als eine Befestigung gegen die Skythen, die er bis hinter den Syr Darja (der damals Jaxartes hieß) zurückgedrängt hatte. Schon damals also fransten „Europa“ und Asien, sesshaft-urbane und nomadische Kultur hier aus.

Auf unserer Fahrt in die Stadt sahen wir allerdings wenig Antikes. Annemarie, die hier am Goethe-Gymnasium Deutsch unterrichtet, hatte uns vom Flughafen abgeholt und zeigte uns nun in den verbleibenden Stunden des Tages etwas von der Stadt. Die Nähe des Gebirges ist hier noch präsenter als in Duschanbe, von jedem Punkt in der Stadt aus kann man irgendwie auf die dunklen Felswände blicken. Im Süden steigen sie direkt hinter dem Rand der Stadt auf. Dazwischen liegt lediglich noch der Syr Darja, der schon hier fast so breit ist wie der Rhein. Die Hauptstraße in der relativ kleinen Stadt heißt hier immer noch Ulitsa Lenina, und in der Nähe der Staatlichen Universität ragt tatsächlich immer noch ein vergoldeter Lenin empor und weist mit dem Finger in eine ebenso goldene Zukunft.

Von der Gegenwart scheint der Lack jedoch einigermaßen abgeblättert zu sein: Nach Annemaries Schilderungen führt sie hier ein recht hartes Leben, zumindest in den Wintermonaten. Duschanbe hatte sogar im harten letzten Winter nur ein paar Wochen lang ernsthafte Energieprobleme, hier dagegen begannen bereits jetzt, Ende September die Stromabschaltungen. Etwa fünf Monate lang, bis Anfang März also lassen Kälte und Dunkelheit die Stadt erstarren. Einen kleinen Vorgeschmack darauf bekamen wir, als wir abends nach einem Restaurantbesuch durch einige nahezu lichtlose Nebenstraßen streiften, ständig in der Sorge, plötzlich in eine der vielen ungesicherten Kanalöffnungen zu fallen. Auch ansonsten hat Annemarie hier wohl keinen leichten Stand; vor allem, da sie eine von nur ungefähr zehn AusländerInnen in der Stadt ist und ihr der Aufbau von Freundschaften zu Tadschiken ziemlich schwerfällt (ein Phänomen, von dem mir bisher nahezu alle Ausländer in Tadschikistan berichtet haben – sogar Multikulti-Veteranen wie Judith und Dominik).

Tücken des Internetzeitalters

Die Bildungsmesse in Chudschand fand in einem kleinen Gebäude in der Technologischen Universität statt und unterschied sich kaum von der in Duschanbe, war allerdings noch kleiner und hatte viel weniger Besucher. 200 Studenten verirrten sich in die Halle. Wie ich gehört habe, hat das auch damit zu tun, das hier, im fruchtbaren Norden des Landes, zu dieser Jahreszeit alle Studenten dazu verpflichtet werden, in der Baumwollernte mitzuhelfen, eine körperliche Schwerstarbeit, die sie von September bis Dezember beansprucht; fast das ganze Wintersemester über kann also praktisch kein geregelter akademischer Betrieb stattfinden. Gegen eine saftige Bestechungsgebühr können sich die Studenten allerdings ein Attest erkaufen, das sie von der Arbeit auf den Feldern befreit. Aber das kann sich natürlich nicht jeder leisten.

Am darauffolgenden Tag hatte ich am Lehrstuhl für Deutsche Sprache noch eine besondere Mission: Mit den Studenten, die sich für Sommerkurse oder Semesterstipendien beworben hatten, sollte ich einen Einstufungstest durchführen, um ihre Sprachkenntnisse zu überprüfen. Der sogenannte OnDaF wird im Internet durchgeführt und kam bei uns in diesem Jahr zum ersten Mal zum Einsatz: Nachdem ein Teilnehmer sich eingeloggt hat, wird ein C-Test generiert, also mehrere Lückentexte, in denen automatisch die Hälfte jedes vierten oder fünften Wortes entfernt wurde. Der Test dauert 50 Minuten und wird dann automatisch beendet. Der Betreuer des Tests loggt sich an einem anderen Computer auf der Seite von OnDaF ein (möglichst im gleichen Raum) und verwaltet die Ergebnisse, gleichzeitig beaufsichtigt er die Teilnehmer. Direkt im Anschluss wird automatisch ein Zertifikat als pdf-Dokument generiert, das man sofort ausdrucken kann. Das zeigt dann mehr oder weniger aussagekräftig an, welches Niveau der Teilnehmer erreicht hat. Innerhalb von knapp einer Stunde kann so jeder an jedem Ort der Welt ein offizielles Sprachzertifikat erhalten. Mir erscheint diese Prüfungsmethode manchmal etwas fragwürdig, dennoch scheint sie so etwas wie die Heilige Kuh der neueren Sprachlehrforschung zu sein.

Soweit die Theorie. In der Praxis musste ich zunächst einmal etwa eine Stunde warten, bis alle Teilnehmer eingetrudelt waren. Als wir dann im Internetcafé der Uni waren, stellte ich schnell fest, dass nur sechs der zehn Computer tatsächlich einsatzbereit waren. Das nächste Problem entstand, als die ersten Teilnehmer sich einloggen sollten: Nun kam heraus, dass die meisten sich noch gar nicht registriert hatten, eine Prozedur, die mit Usern, die des Deutschen kaum mächtig sind und für die ein Computer immer noch eine Wundermaschine ist, etwas länger dauern kann. Nachdem die Registrierung abgeschlossen war, mussten sie sich nun einloggen; dies scheiterte jedoch zunächst daran, dass die meisten sich Passwort wie auch Benutzernamen, die sie sich Minuten zuvor selbst ausgedacht hatten, nicht gemerkt oder aufgeschrieben hatten. Um beides noch einmal zu erfahren, mussten sie in ihren E-Mailposteingang schauen, wo die Registrierung bestätigt wurde. Hier war nun die nächste Hürde zu nehmen: Die meisten Teilnehmer konnten sich nämlich auch nicht mehr an das Passwort ihres E-Mailaccounts erinnern. Einige fanden es heraus, indem sie Familienangehörige oder Freunde anriefen, die aus irgendwelchen Gründen über dieses geheime Wissen verfügten; andere allerdings mussten sich noch einmal neu registrieren, unter strenger Beobachtung, damit sie sich dieses Mal das Passwort und den Benutzernamen wirklich aufschrieben.

Nun endlich konnte der erste Durchlauf beginnen. Einige Computer stürzten zwischenzeitlich noch ab, was bei den Testteilnehmern eine verständliche Panik auslöste – auch sie konnten aber schlussendlich den Test beenden. Ich musste lediglich die Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls davon abhalten, ihren Studenten während des Tests über die Schulter zu blicken und zu helfen, was sie in jedem scheinbar unbeobachteten Moment probierten. Als ich schließlich wie ein Zeremonienmeister vor dem einzigen Drucker der Universität saß und die Zertifikate ausdruckte, war ich von einer riesigen Traube von Studenten umringt, die sich hier – vielleicht zurecht? – in einer Art Fegefeuer wähnten, das über ihre Zukunft entschied; eine Rolle, in der ich mich nicht völlig wohl fühlte. Einer der Studenten bot sich uns als Stadtführer an. Ich war mir schon vorher sicher, dass er das Stipendium nicht bekommen würde, und war ihm gegenüber sehr befangen.

Die arische Zivilisation

An dem halben Tag, der uns noch blieb, besuchten wir den Panschanbe-Basar („Panschanbe“ bedeutet Freitag – siehe obige Anmerkung), der in einer wunderschönen neoklassizistischen Markthalle aus den 20er Jahren untergebracht ist. Dort trafen wir auch zwei etwa zwölfjährige Schülerinnen einer türkischen Privatschule, die, wie so oft, „ihr Englisch verbessern“ wollten; verblüffend war schlichtweg, dass sie überhaupt schon so gut Englisch sprachen. Türkische Schulen, so erfuhren wir später von Dominik, genießen in Tadschikistan inzwischen sogar einen besseren Ruf als amerikanische; unter anderem, weil dort sehr viel mehr Disziplin gefragt ist. David dagegen besuchte, während ich die Tests durchführte, die einzige Waldorfschule Tadschikistans und zeigte sich erfreut über die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder dort Deutsch lernten, Flöte spielten und einem selbstbestimmten Leben zugeführt wurden.

In einem brandneuen Museum, das in einer Nachbildung der historischen Stadtmauer untergebracht ist (vergleichbar denen in Chiwa und Buchara), lernten wir dann anhand vieler bunter Dioramen und knapper Texte einiges über den Ursprung, die Entwicklung und die beeindruckende Kontinuität der arischen Zivilisation, als deren Teil sich viele Tadschiken begreifen. Der Ausstellung zufolge besteht sie seit etwa 20.000 Jahren. Einige Tage später versuchte mir ein Hochschullehrer in Duschanbe allen Ernstes zu erklären, Tadschiken und Iraner seien ursprünglich ein germanisches Volk gewesen, das aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands nach Mittelasien gezogen sei. Zurecht verwies die Ausstellung dagegen auf große Wissenschaftler und Poeten, die aus Tadschikistan kamen – Avicenna, Firdausi oder Rumi. Ungewollt komisch war jedoch wiederum die Anmerkung „In the 11th century, Tajik civilization reached its peak“.

Grubenfahrt

Am Mittwoch, den ersten Oktober, wollten wir nach Duschanbe zurückkehren. Zarrina hatte bereits am Montag das Flugzeug genommen, weil sie wieder arbeiten musste. Wir hatten uns jedoch vorgenommen, den Landweg auszuprobieren. Da an diesem Tag das Ende des Ramadan ins Haus stand, was von den allermeisten Familien privat zu Hause gefeiert wird, war es nicht ganz einfach, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Einen öffentlichen Straßenverkehr gibt es in Tadschikistan praktisch nicht. Eine einzige Eisenbahnstrecke gibt es zwar, doch sie kam für uns nicht in Frage, da der Zug nur etwa zweimal pro Woche fährt (Abfahrtstage ungewiss) und darüber hinaus einen grotesken Umweg über Turkmenistan und Usbekistan fährt, der etwa 30 Stunden dauert (man möge es sich auf der Landkarte vergegenwärtigen). So bleibt nur die Fahrt mit einem Sammeltaxi oder einem Jeep. Ersteres kam auch nicht in Frage, da auch hier die Dauer der Fahrt extrem ungewiss ist und wir beide am nächsten Tag arbeiten mussten. So organisierten wir uns schließlich einen kleinen chinesischen Jeep mit tadschikischem Fahrer, der außer uns noch seine russische Ehefrau und einen weiteren Passagier mitnahm.

Während der Fahrt wurde mir schnell klar, dass das Bild, das ich von den nördlichen Bergketten hatte, völlig falsch war: Auf der Landkarte sehen die Zarafschan- und die Hissarkette im Vergleich zum Pamir aus wie eine kleine Reihe von Hügelchen. Tatsächlich aber waren wir schon bald nach Beginn der Fahrt von schneebedeckten 5000ern umgeben und schraubten uns auf der holperigen Passstraße sehr schnell höher, vorbei an schwindelerregenden Abgründen. Diese erste Passhöhe konnten wir nicht umgehen: Zwar bauen die chinesischen Straßenbauteams auch hier an einem monumentalen Tunnel, es ist aber noch nicht klar, wann er fertiggestellt sein wird. An Baustellen am Straßenrand sahen wir auch immer wieder die chinesischen Arbeiter, sonnenverbrannt und schmutzig, die in improvisierten Zelten aus den berühmten blau-weiß-roten Plastikplanen Schutz vor Wind und Sonne suchten. Ich fragte einige Tage später noch einmal Dominik, was die Chinesen denn nun eigentlich so an Tadschikistan interessiere, dass sie für einen feuchten Händedruck eine hypermoderne Straße durchs halbe Land bauen. Er wusste es auch nicht mit Sicherheit, meinte aber, die neue Straße sei sicherlich breit genug, dass drei chinesische Panzer darauf nebeneinander fahren könnten.

Nach der Passhöhe fuhren wir tief ins Tal des Zarafschan hinab, durch oasenartige Dörfer, die aus Lehmhütten bestanden, umgeben von steilen rötlich schimmernden Felsflanken. Die Frau unseres Fahrers plauderte die ganze Zeit über wie ein Wasserfall. Zwischendurch lästerte sie auch über den Rektor der Staatlichen Universität von Chudschand: Sicherlich gäbe es in ganz Tadschikistan keinen Hochschulangehörigen, der noch korrupter sei; das sei aber auch kein Wunder, schließlich sei er ja Jude. Schweigen breitete sich im Wagen aus.

Bereits nach Einbruch der Dunkelheit wurden wir vor einer Brücke durch eine Straßensperre aufgehalten. Es hatte sich bereits eine kleine Schlange von Wagen vor uns gebildet. Jeder Fahrer stieg nun aus und schien mit den Brückenwächtern über irgendetwas zu verhandeln. Schließlich sah man, wie Geldscheine die Besitzer wechselten. Wir überquerten die Brücke, und wenige Minuten später wurde uns klar, wofür unser Fahrer bezahlt hatte: der erste Tunnel, den Chinesen gebaut haben, war zwar bereits fertiggestellt, zur Zeit jedoch gesperrt, wegen verschiedener baulicher Mängel, die dazu führten, das beständig Wasser hineinlief und ihn überflutete. Gegen eine geringe Bestechungsgebühr konnte man offenbar aber trotzdem hineinfahren. Ob man auch hindurchfahren konnte, würden wir jetzt herausfinden. Der vielleicht fünf Kilometer lange Tunnel unter dem Hissarmassiv war gänzlich unbeleuchtet. Schon nach wenigen Metern stand das Wasser uns fast bis zur Karosserie. Tapfer steuerte der Fahrer dennoch mit Schrittgeschwindigkeit den Wagen über die zeitweilig zum Kanal gewordene Trasse. Beunruhigend war vor allem, dass wir nie genau wussten, wie die Bodenbeschaffenheit unterhalb der Wasseroberfläche war. Es hätte mich nicht überrascht, wenn wir irgendwann in ein riesiges unsichtbares Schlagloch gefahren und versunken wären. Dennoch erreichten wir sicher das andere Ende des Tunnels, und danach begann auch schon der bereits befestigte Teil der Straße nach Duschanbe.

Der Multikulti-Irrtum

In Duschanbe schleusten wir in den nächsten Tagen weitere 50 Teilnehmer durch den OnDaF-Test und sammelten ihre weiteren Bewerbungsunterlagen ein. Inzwischen habe ich 25 von ihnen ausgewählt, die am kommenden Mittwoch zu einem Auswahlgespräch im DAAD-Büro eingeladen werden. Mir fiel das alles andere als leicht, zumal ich einige der Bewerber inzwischen persönlich kenne. Neutralität zu wahren ist dabei nicht gerade einfach. Zwei Auswahlinterviews habe ich jetzt schon selbst gemacht, mit zwei Bewerberinnen aus Chorog im Pamir, die extra deswegen angereist waren und also scheinbar wirklich alles daransetzen, um nach Deutschland zu kommen (zwei Monatsgehälter waren dafür sicherlich notwendig). Jetzt weiß ich also, wie es sich in einem Bewerbungsgespräch auf der anderen Seite anfühlt.

Ansonsten hatte ich ungefähr zwei Wochen lang Durchfall, mit wechselnder Intensität. Ein Gewichtsverlust hat sich dadurch noch kaum bemerkbar gemacht, die Minusdiät hat also noch nicht begonnen. In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile beim Sturm und Drang angekommen. Mit dem bereits erwähnten etwas eigenwilligen Rektor der Universität gab es noch eine weitere Begegnung, wenn auch nur aus der Distanz. Eines Vormittags, während ich ein Seminar hielt, sah ich ihn durch die Glastür in einem gegenüberliegenden Unterrichtsraum stehen und aufgeregt mit einigen Kollegen des Lehrstuhls sprechen. Dass er ungehalten war, war bereits seiner Mimik und Gestik wie auch seinem hochroten Kopf anzusehen. Innerhalb einer Minute steigerte sich seine Laune nun jedoch zu einem zügellosen Wutanfall, in dessen Verlauf er die Kollegen und auch vorbeigehende Studierende wild anbrüllte. Meine Studenten empfahlen mir, mich von der Glastür zu entfernen, damit ich nicht auch noch seinen Unwillen errege. Endlich raste er davon, türenknallend und weiterhin fluchend und brüllend.

Erst am Abend fand ich heraus, worüber er sich so echauffiert hatte. Zusammen mit drei der deutschen Studenten, die an meiner Uni einen Tadschikischkurs besuchen, war ich bei Herrn Schosedow eingeladen, dem ehemaligen Leiter des Lehrstuhls, ein überaus besonnener und freundlicher älterer Mann, der aus dem Pamir stammt, in Moskau und Deutschland studiert und geforscht hat und zur Zeit zusammen mit Lutz Rzehak an der Fertigstellung eines großen Tadschikisch-Deutschen Wörterbuchs arbeitet. Als wir so auf Matten am Boden saßen oder lagen und ein üppiges Büffet genossen, brachte ich das Gespräch schließlich auf den Rektor und seinen Ausfall. Ja, so sei er eben, unser Rektor, meinte Herr Schosedow. Der komme aus Kulyab, woher auch Präsident Rahmon und seine Machtclique stammen. Die Menschen dort seien immer schon heißblütig und leicht reizbar gewesen. Die Studenten aus dem Sprachkurs klärten den Vorfall aber noch weiter auf: In dem Tadschikischkurs gab es eine deutsche Teilnehmerin aus Berlin, die mit einem Muslim verheiratet ist und seinen Glauben angenommen hat – was sie auch äußerlich repräsentiert, indem sie stets das klassische schwarze Kopftuch trägt, das den Haaransatz komplett verdeckt. Als ich sie das erste Mal sah, hielt ich sie zunächst für eine Tadschikin (obwohl diese Art des Kopftuchs auch hier nicht besonders verbreitet ist), dann für eine Deutschtürkin und wusste überhaupt nicht, wie ich sie ansprechen sollte. Von dem Tuch abgesehen schien sie eine normale westliche junge Frau zu sein, sie rauchte, lachte und ging abends immer mit den anderen weg. Gerade dieser Gegensatz verwirrte mich und erregte auch meine Wut: Wie konnte sie, die aus unserer aufgeklärten Gesellschaft kommt, sich dafür hergeben, dieses Tuch zu tragen? Meine Aversion jedoch war wohl gar nichts gegen die Reaktion des Rektors, als er ihr in der Universität über den Weg lief. Wie ich ja schon erfahren hatte, ist alles, was auch nur im entferntesten ein Ausdruck muslimischer Religiosität sein könnte, auf dem Gelände der Uni verboten. Als der Rektor nun der deutschen Studentin auf dem Gang begegnete, soll er sich nur zischend mit ihr unterhalten haben: Sie solle stehen bleiben; was sie denn da trage? Sie solle das sofort ablegen und sich hier nie wieder so zeigen. Erst danach stapfte er ins Kollegium und entlud seinen Zorn. An dieser Stelle schaltete sich Herr Schosedow noch einmal ins Gespräch ein: Herr Saidow habe wahrscheinlich sehr persönliche Gründe für den strikten Umgang mit dem Islam; Erlebnisse während des Bürgerkriegs mit der muslimischen Opposition und mit den Mudschahedin hätten zu seiner Einstellung geführt. Genaueres müsse man ihn dann aber schon selber fragen. Lieber nicht, dachte ich mir. Das Aufeinandertreffen eines fragwürdigen Multikulturalismus und eines radikalen Säkularismus könnte jedenfalls kaum spannungsreicher sein als bei dieser Begegnung.

Let There Be Rock

Unbedingt erwähnenswert ist noch ein Kulturereignis. In den letzten Wochen gab es gleich vier Empfänge der deutschen Botschaft hintereinander: Zwei davon anlässlich des Tages der deutschen Einheit – es gab Warsteiner aus der Dose und Bockwürstchen, der Chor einer Schule sang die deutsche und die tadschikische Nationalhymne; einen in der Residenz der Botschafterin, für ausgewählte Gäste aus den Reihen der Kulturmittler, anlässlich des Besuchs der Jugendbuchautorin Tamara Bach, die hier in Schulen aus ihrem neuen Buch vorgelesen hatte, auf Einladung des Goetheinstituts Taschkent; und schließlich einen Empfang anlässlich des Konzerts der mir bis dato unbekannten deutschen Rockband „Fotos“.

Das Konzert war bereits vor über einem Monat angekündigt worden. Es handelte sich dabei um den letzten Teil einer kleinen Tournee durch Zentralasien, die die Band absolvierte, ebenfalls auf Einladung des Goetheinstituts. Letztlich war es nichts weiter als Promotion für das neue Projekt „Schulen – Partner der Zukunft“ des Goetheinstituts, das den Deutschunterricht an ausgewählten Schulen in Entwicklungs- oder Schwellenländern fördern soll. Die Band hatte zuvor bereits in Taschkent, Samarkand und Buchara gespielt, ein Auftritt in Aschgabad wurde abgesagt, da sich das turkmenische Außenministerium gegenüber Ausländern ähnlich gastfreundlich verhielt wie die Volksrepublik Nordkorea.

Seit Wochen hingen also die Plakate für das Konzert an allen möglichen Unis und Schulen aus, Tickets wurden kostenlos verteilt. Es gab gewisse Befürchtungen, was den Zeitpunkt des Konzerts anging: 19 Uhr ist eine Uhrzeit, zu der die meisten Schüler und auch Studenten bereits zu Hause bei ihren Eltern sein müssen (die meisten Studenten sind zwischen 17 und 22 Jahren alt und wohnen bei ihren Eltern – einen Auszug gibt es meist erst nach der Hochzeit). Später am Abend fahren dann keine Busse mehr in die Vororte, und Taxis sind zu teuer für die meisten. Hatte sich das Goetheinstitut verkalkuliert? Und überhaupt, wie würde das ankommen, ein Rockkonzert in Tadschikistan, in diesem schwarzen Loch zwischen den Kulturen, immer noch dezivilisiert vom Bürgerkrieg und mit Hörgewohnheiten, die bei Westlern nahezu körperliche Schmerzen verursachen?

Der große Saal des Kinotheaters Kochi Dschomi war nahezu bis auf den letzten Platz belegt. Unmöglich zu sagen, ob es nun mehr Schüler oder Studenten waren; jung, sehr jung waren sie auf jeden Fall alle, und sehr aufgeregt. Schon lange vor Beginn des Konzerts waren alle Blicke konzentriert auf die Bühne gerichtet. Wir, die wenigen konzerterfahrenen Ausländer, machten uns weiterhin ein wenig Sorgen um den Ablauf: Es gab nur Sitzplätze, und außerdem weder Alkohol noch Zigaretten – kann ein Rockkonzert so überhaupt funktionieren? Und dann standen da auch noch zwei Milizionäre im Saal, die den ordnungsgemäßen Ablauf sicherstellen sollten. Der Direktor des Taschkenter Goetheinstituts kündigte die Band an, und es ging los. Verhalten war die Lautstärke, und musikalisch hatten sie den Blues auch nicht gerade neu erfunden; eine Kopie von Franz Ferdinand mit deutschen Texten. Alle Tadschiken im Saal – etwa 800 werden es gewesen sein – begannen jedoch sofort frenetisch zu jubeln, zu brüllen und zu klatschen. Mädchen kreischten kollektiv, als stünden da gerade Tokyo Hotel auf der Bühne (oder meinetwegen auch die Beatles). Die Jungs aus Deutschland konnten außerdem damit punkten, dass sie einige Ansagen brav auf Tadschikisch gelernt hatten. Es dauerte dann auch kaum länger als zwei Songs, bis sich nahezu das ganze Publikum erhoben hatte und wüst zu tanzen und zu springen begann, als seien es die ersten Tage von The Clash oder Rage against the Machine. Jungs wie Mädchen entbaten mit Zeigefinger und kleinem Finger der Band satanische Grüße. Eine kleine, aber beeindruckende Gruppe von Langhaarigen und Schwarzgekleideten (nie zuvor hatte ich hier solche Menschen gesehen oder erwartet) begannen einen zünftigen Pogo und ließen wild ihre Köpfe kreisen – eine Verhaltensweise, die die beiden Milizionäre dermaßen irritierte, dass sie die Headbanger nach kurzer Zeit aus dem Saal schmissen. Mit der großen Masse der Besucher, deren Benehmen nun auch mehr und mehr aus den Fugen geriet, konnte ihnen das allerdings nicht gelingen. Verloren und fast verängstigt wirkten die beiden Männchen mit ihren grünen Uniformen und viel zu großen Hüten, wie sie so durch die Reihen streiften und mal hier, mal da versuchten, die außer Kontrolle geratenen Tänzer dazu zu bewegen, sich wieder hinzusetzen.

Nach dem Konzert blieben viele Besucher noch lange vor dem Eingang stehen – weil es sonst nichts mehr zu tun gab an diesem Montagabend, weil sie nicht nach Hause wollten und weil man darüber sprechen musste, was man gerade erlebt und gemacht hatte. Alle meine Studenten waren da, ja sogar der gesamte Lehrstuhl meiner Uni, Dozenten jeden Alters waren gekommen. Die Studenten fragten mich, wann „Fotos“ wieder nach Duschanbe kommen würden – denn wiederkommen würde sie doch ganz bestimmt? Man sah etwas Neues, ganz anderes in den Gesichtern. Viele lächelten, bei anderen bemerkte man einfach nur einen seltsam strahlenden Blick.

Bei dem anschließenden Empfang traten auch ältere traditionelle Musiker an die Band heran, die das Konzert offenbar mit Begeisterung gesehen hatten. Sie wirkten ziemlich schüchtern, ihre Freude über das Zusammentreffen mit diesen jungen Kollegen aus einer ganz anderen künstlerischen Welt erschien sehr ehrlich. Der Soundtechniker der Band erklärte mir, nach den Konzerten in Usbekistan (und nach einer Tournee in China, wo sie ebenfalls fürs Goetheinstitut aufgetreten waren), auf denen die Euphorie sich in Grenzen gehalten habe, sei in Duschanbe die Stimmung eindeutig am besten gewesen. Der Hunger nach Neuem und Anderem könnte jedenfalls kaum irgendwo größer sein als hier, wo doch das ganze Land passiv in seiner durch Armut und Korruption verursachten Paralyse zu verharren scheint. Ich werde nun auf jeden Fall zusehen, dass ich meine Studenten mit weiterer adrenalinfördernder Musik versorge. Let There Be Rock.