Mittwoch, 12. November 2008

Ottos Mops

Es ist kalt geworden in Tadschikistan. Zwar sagt Kai aus, letztes Jahr im Dezember noch im Garten des Deutschen Hauses gesessen zu haben, dieses Jahr allerdings wird das wohl unmöglich sein. Heute trieben die ersten Schneeflocken durch die Stadt, und nachdem ich nun längere Zeit in einer kalten Wohnung ausgeharrt habe, um mich ein wenig für die wirklich eisige Zeit im Januar und Februar abzuhärten, habe ich gestern zum ersten Mal meine Elektroheizung angeschlossen, wie wohl die meisten anderen hier in der Stadt auch, abgesehen von denen, deren Wohnung über einen richtigen Ofen verfügt. Die sind bereits seit Wochen damit beschäftigt sich Brennholz zu beschaffen, keine leichte Aufgabe in einem Land, das schon so stark abgerodet ist; immer weiter müssen die Lieferanten mit ihren Eseln in die Berge vordringen, um an den kahlen Hängen noch ein paar Bäume und Sträucher zu finden, deren Holz sie dann unter großen Anstrengungen bis in ihre Dörfer oder in die Hauptstadt transportieren. Von einer nachhaltigen Holzwirtschaft kann in vielen Fällen wohl keine Rede sein, auch wenn das natürlich genau das ist, was die GTZ hier mit vielen Projekten anstrebt. Wenn die Hänge unbepflanzt sind, reicht schon ein kleiner Sturzregen, um ein ganzes Dorf oder eine Straße fortzuspülen.


Hier in der Stadt wiederum wissen viele sich kurzfristig ganz anders zu helfen: Schon mehrmals bin ich inzwischen morgens durch das Geräusch einer Motorsäge aufgewacht, das direkt aus meinem Innenhof kam. Einige stolze alte Pappeln haben bereits dran glauben müssen, viele sind dort jetzt nicht mehr übrig. Es stellt sich die Frage, wie lange Duschanbe unter diesen Bedingungen noch die grünste Hauptstadt Zentralasiens sein wird. Eigentlich verfügt Tadschikistan über einen so enormen Wasserreichtum, dass theoretisch der gesamte Energiebedarf durch Wasserkraft gedeckt werden könnte – wenn man ihn denn endlich effizient nutzen könnte.

Tadschikischer Kampftanz

Unterdessen vertreibt man die Kälte am besten mit warmen Gedanken – oder mit geselligem Beisammensein. Die häufigste Gelegenheit dafür hat man hier bei Hochzeiten, die ein geradezu alltägliches Phänomen darstellen. Nach vielen Erzählungen und einer Trockenübung konnte ich nun endlich zum ersten Mal auch an einer Feier teilnehmen. Herr Schosedow, der ehemalige Leiter des deutschen Lehrstuhls, mit dem ich mich recht gut verstehe, hatte mich eingeladen, da eine seiner Studentinnen heiratete. Wir trafen uns an einem Samstagmorgen vor seinem Haus. Mit von der Partie waren vier jüngere Studentinnen, die ich auch aus meinen Seminaren kenne, und Wero, die bei ihm wohnt (siehe letzter Eintrag). Auf der Fahrt zum Ort der Feier in einem Vorort war es wieder einmal überraschend, wie viele Menschen in einen Minibus hineinpassen können, der Fahrer könnte mit großem Erfolg auch bei „Wetten dass...?“ auftreten.

An Ort und Stelle angekommen, sahen wir sofort, dass die Eltern von Braut und/oder Bräutigam etwas betuchter waren als der Durchschnittstadschike: Das Lokal mit seinen dicken Teppichen, weißen Säulen (und vor allem guter Heizung) hätte auch auf einer deutschen Hochzeit als recht gediegen gelten können. Es war kurz vor zwölf Uhr. Die standesamtliche Trauung hatten wir nicht mitbekommen, ebenso wenig die religiöse Zeremonie, die in engerem Familienkreis durch einen Mullah durchgeführt wird, der ins Haus kommt und die Trauung gegen Bezahlung durchführt. Wir wurden gemeinsam an einen Tisch gesetzt, der brechend voll war mit Obst und Salaten, flankiert von Erfrischungsgetränken und einer Flasche Wodka. Wann denn das Brautpaar käme, fragte ich recht ungeduldig; das würde ich dann schon merken, meinte Wero. Der DJ machte einen Soundcheck, der einen kleinen Vorgeschmack auf die Lautstärke gab, mit der wir in den nächsten Stunden konfrontiert sein würden, und zeigte damit wieder einmal deutlich, dass die Tadschiken in vielerlei Hinsicht schmerzunempfindlich sind.

Wenige Minuten nach zwölf hörte ich dann aus Richtung des Eingangs einen ohrenbetäubenden Krach. Nach einer kleinen Vorhut von Verwandten erschien zunächst die Hochzeitsband. Am auffälligsten waren drei ältere Männer, die riesige Blasinstrumente hielten, sicherlich drei Meter lang, von Klang und Aussehen her vielleicht am ehesten mit tibetischen Ritualtrompeten vergleichbar; will heißen, sie waren weder besonders wohlklingend noch variantenreich, dafür aber sehr laut. Hinter den Musikern endlich schritt das Brautpaar, der junge Mann im dunklen Anzug, das Mädchen im weißen Kleid und verschleiert. Beide gingen extrem langsam, die Braut wurde von zwei anderen Frauen gestützt. Mir war nicht ganz klar, warum sie gestützt werden musste, ich bildete mir jedoch ein, dass sie tatsächlich ein wenig wackelig auf den Beinen schien. Im Verhältnis zum Rest ihres Körpers schien mir ihre Taille sehr eng zu sein, so dass ich vermutete, dass sie eine Art Korsett trug. Während sie zu einem kleinen Podium am anderen Ende des Saals schritten, sprach und scherzte der Mann mit vielen Freunden und Verwandten, die Frau jedoch hielt die ganze Zeit über den Blick gesenkt.

Nachdem beide das Podium erreicht hatten, begann auch schon der DJ aufzuspielen und brachte mit seinem tadschikischen Hochzeitstechno den Saal im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben. Zwischendurch ergriff auch ein älterer Sänger das Mikro und schmetterte zu den gleichen Beats traditionelle Weisen. In den Pausen zwischen den Titeln hielten die Verwandten Reden auf das Brautpaar, die gar kein Ende nehmen wollten. Die beiden standen unterdessen immer noch. Weiterhin blickte die Frau zu Boden und verzog kein einziges Mal die Miene. In Abständen von vielleicht zehn Sekunden senkte sie den Kopf noch etwas tiefer, wie zu einer kleinen Verbeugung. Damit, so erklärte mir Wero, müsse sie den versammelten Gästen Ehre erweisen. Ich ersparte mir die Frage, warum der Mann das nicht tun müsse.

An unserem Tisch wurde unterdessen ein fettreicher, fleischhaltiger Gang nach dem anderen aufgetischt. Die Studentinnen an unserem Tisch aßen jedoch nur recht wenig, schon nach einigen Minuten standen sie auf und begannen zu tanzen. Auch einige ältere Frauen in langen bunten Kleidern tanzten bereits. Sofort forderten die Studentinnen auch mich auf aufzustehen; ich entschuldigte mich damit, dass ich lieber noch warten wollte, bis auch andere Männer die Tanzfläche betraten, um mir ihren Tanzstil ein wenig abzugucken. Herr Schosedow fragte mich nach einer kurzen Weile, ob ich nicht ein wenig Wodka trinken wolle, das würde die Tanzstimmung sicher heben. Ich sagte nicht nein. Nach dem dritten Glas bekniete ich dann noch meinen jüngeren tadschikischen Tischnachbarn, ob er nicht endlich das Tanzbein schwingen wolle und mir ein paar Bewegungen zeigen könne. Er willigte ein, und so fanden wir uns in der Mitte eines Harems aus alten und jungen Frauen auf der Tanzfläche wieder, die uns angrinsten und antanzten. Ich sah mir ein wenig an, wie sich mein Geschlechtsgenosse bewegte, und fiel dann mit ein.

Der traditionelle tadschikische Tanz ist kein Paartanz, man berührt sich nicht, Frauen und Männer können sich zutanzen, oder auch Männer und Männer und Frauen und Frauen. Die Bewegungen sind recht langsam und fließend. Die Füße bewegen sich nicht allzu viel, ich habe auch keine feste Schrittfolge feststellen können; es scheint wichtig zu sein, die Hüften nicht allzu viel zu bewegen. Dagegen vollführen die Arme sehr ausladende Bewegungen. Hierbei ist sehr viel kreativer Freiraum gegeben, fast eher wie in einer Disco. Die Bewegungen der Frauen sind dabei sehr geschmeidig und nicht allzu abwechslungsreich, sie scheinen dabei – wie auch sonst im Leben – eher eine passive Rolle zu spielen. Wenn dagegen die Männer sich zutanzen, geht es erheblich lebendiger, ja rauer zu: Die Bewegungen muten teilweise wie eine Kampfsportübung an, man kommt fast bis auf Körperkontakt aufeinander zu, dreht sich blitzschnell weg, bisweilen schreit man sich auch kurz martialisch an. Auch ich wurde einige Male von anderen männlichen Tänzern zu einem kleinen Duell aufgefordert, während der DJ ständig schnellere und noch schnellere Lieder spielte. Es bereitet eine ungeheure Freude und ist sehr schweißtreibend. Die Studentinnen von meiner Uni grinsten wie Honigkuchenpferde, als sie ihren Dozenten so inmitten all des Trubels sahen.

Um Punkt 15 Uhr wurde die ganze Veranstaltung dann aber auch schon wieder beendet: Das Brautpaar verließ den Saal ebenso langsam, wie sie gekommen waren. Auf den Stufen vor dem Eingang wurde nach kurzer Ankündigung der Brautstrauß geworfen, der souverän von der ältesten der anwesenden noch nicht verheirateten Studentinnen aufgefangen wurde. Es war ein Regierungsangestellter anwesend, der zu überwachen hatte, dass die Veranstaltung tatsächlich nicht länger als drei Stunden dauerte, dass es nicht zu viele Gäste gab und dass nicht zu viel getrunken wurde. Wero und ich nahmen eine Marschrutka zurück ins Zentrum, die Studentinnen wollten lieber zu Fuß gehen, trotz Kälte und Regen: Wenn sie erst einmal wieder zu Hause waren, würde der Tag für sie gelaufen sein; und so wollten sie die Zeit und den besonderen Moment noch eine Weile zusammen auskosten.

Kick Out the Jams

Am vergangenen Samstag habe ich dann meinen Geburtstag gefeiert. Das Ganze eine Party zu nennen wäre etwas übertrieben, aber immerhin hatte ich zehn Gäste bei mir zu Hause. Da es mir bisher an Kochkenntnissen der tadschikischen Küche mangelt (was sich unbedingt noch ändern muss), habe ich einfach mit allen Zutaten, die sich hier auftreiben ließen, ein Chili con Carne gekocht. Sine Carne, um genau zu sein, denn das Hackfleisch, das ich auf den Märkten fand, war meistens doch schon ziemlich ergraut. Es kamen David, Wero, Daniel, der hier in der Fortbildung für Behindertenprojekte arbeitet, mein Chef Kai mit seinen beiden kleinen Kindern, drei meiner Studenten, die irgendwie bei ihren Eltern die Erlaubnis erwirkt hatten abends noch rauszugehen (natürlich nur Jungs – bei den Mädchen wäre diese Frage völlig indiskutabel) – und, ganz überraschend, Herr Schosedow, den Wero mitgebracht hatte. Ich bekam warme, bunte Socken aus dem Pamir geschenkt, eine kleine Zeichnung von Kais Sohn, CDs mit tadschikischer Musik und von meinen Studenten eine Wanduhr in Form Schiffruders, allerdings nicht aus Holz, sondern aus Plastik. Der praktische Nutzen überwog hier den ästhetischen Gewinn. Der plötzliche Auftritt ihres Lehrers und Meisters Schosedow irritierte die Studenten für einen Moment, kurz standen sie alle auf, als seien sie in einem Seminar in der Uni. Nachdem er jedoch das erste Bier geköpft hatte, griffen auch sie ganz ungeniert zur Flasche (nur ein wenig, versteht sich).

Gegen zehn Uhr gingen plötzlich alle Lichter aus, wir hatten einen Stromausfall. Ein Blick auf die Straße zeigte, dass nicht wir allein betroffen waren, die Straßenbeleuchtung war auch ausgefallen. Sie kehrte nach einiger Zeit wieder, in meinem Mietshaus jedoch blieb es dunkel. Daniel lief kurz zum gegenüberliegenden Supermarkt und kaufte Kerzen, und der Akku meines Laptops hielt auch noch ein paar Stündchen, so dass es ohne Probleme weitergehen konnte, mit Musik und Kerzenschein. Herr Schosedow saß, wie es sich für einen ustod gehört, auf einem Sessel, während wir junges Volk auf dem Boden hockten, und kommentierte die pamirische Volksmusik, die wir hörten. Wero bemerkte dann auch, dass es so ja eigentlich ganz romantisch sei, worauf Herr Schosedow entgegnete, dass es für einen Abend sicher ganz romantisch sei, man jedoch nach mehreren Monaten ein wenig dagegen abstumpfe. Ich konnte sein leises Understatement einfach nur bewundern.

Am nächsten Tag blieb der Strom immer noch weg. Auf jegliche Entbehrung gefasst, stellte ich mich auf eine längere Periode der Dunkelheit und des kalten Wassers ein. Gegen Abend rief ich aber doch einmal bei meinem Vermieter an, der auf der gleichen Etage wohnt, um zu fragen, ob es sich um einen dauerhaften Ausfall handele. Als ich ihn endlich erwischte, war er offenbar gerade draußen. Man hörte die aufgeregten Stimmen anderer Männer um ihn herum. „Power station is burning!”, rief er lauthals ins Telefon, “We make new one now!”. Mehr konnte oder wollte er mir zu diesem Zeitpunkt nicht erklären. Was auch immer mit der „power station“ geschehen war, zwei Stunden später, ich lag bereits mit Buch und Kerzen im Bett, funktionierte der Strom wieder.

Trost der Dichtung

Auch an meiner Universität gab es wieder eine bemerkenswerte Begebenheit. Wie vielleicht schon einmal erwähnt, sind die Studenten eines Studienjahrs hier in Gruppen unterteilt, die man auch einfach als Schulklassen bezeichnen könnte. Überhaupt ist das ganze Studium extrem verschult, es gibt einen festen Stundenplan, der zum Beispiel für meine Studenten, die offiziell „Lehramt Deutsch/Englisch“ studieren, nicht nur Kurse in Deutsch, Englisch und Pädagogik umfasst, sondern auch ganz andere Fächer wie Mathematik, Körperertüchtigung, tadschikische Geschichte und Militärtheorie (wobei letzteres, wie mir gesagt wurde, vor allem eine Vorbereitung oder ein Training für die Zivilbevölkerung für Zeiten eines Bürgerkriegs sein soll). Dienstags nun unterrichte ich die sogenannte usbekische Gruppe (Studenten, deren Muttersprache Usbekisch ist). Wie für alle anderen Gruppen auch, gibt es für sie ein Klassenbuch, in dem wie an jeder normalen deutschen Schule die Unterrichtszeiten und –themen sowie die Anwesenheitsliste verzeichnet werden. Eine Studentin ist mit der Aufsicht über dieses Klassenbuch betreut und ist angehalten, es wie ihren Augapfel zu hüten. Als ich an diesem Dienstag den Seminarraum betrat (den Klassenraum, möchte ich fast sagen), war ein Tumult im Gange, der mich für einen Moment eher an eine Grundschulklasse denken ließ: die Studenten stritten sich lauthals, und in dem Moment, in dem ich hereinkam, flog eine Schultasche (pardon, eine Aktenmappe) quer durch den Raum und traf eine Studentin am Kopf. Sie begann zu weinen und den Werfer, einen rechten Rabauken, zu beschimpfen, der daraufhin aufsprang und offenbar ärgerer körperlicher Gewalt nachsann. Ich beendete die Situation und verschaffte mir Gehör.

Aufgrund der schlechten Deutschkenntnisse der Studenten dauerte es ein Weile, bis ich einigermaßen begriff: Das Mädchen, das die Mappe an den Kopf bekommen hatte, war offenbar die Wärterin des Klassenbuchs. Am vorigen Tag war ihr das Buch in der Uni irgendwie abhanden gekommen, und nun hatte sich erwiesen, dass es trotz gemeinsamer fieberhafter Suche des ganzen Kurses nicht wieder aufzufinden war, was bei der Dekanin der Fakultät großen Unmut hervorrief. Warum es dann im Anschluss zu Tätlichkeiten kommen musste, habe ich immer noch nicht verstanden. Ich versuchte die arg geknickte Studentin wie auch ihre Kommilitonen mit einigen Gedichten von Ernst Jandl wieder aufzumuntern, und spätestens, als sie die Zeilen „Ottos Mops kotzt / Otto: ogottogott“ vorlasen, war die Stimmung einigermaßen gerettet. Merke: Man muss nicht viel Deutsch verstehen, um Konkrete Poesie unterhaltsam zu finden.

Sonntag, 26. Oktober 2008

Love and Marriage



Frauenpower?

Der heilige Gral des Toleranzgedankens und der Interkulturalität in Deutschland ist immer noch die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“. Was böte sich also in einer Vorlesung über deutsche Literatur, in einem Land wie Tadschikistan eher an, wenn man sowieso schon gezwungen ist, die Literaturgeschichte von ganz hinten aufzurollen? Mit großem Interesse lasen die Studenten dann auch die wenigen Seiten, die das Fundament des modernen Multikulturalismus darstellen.

Im Anschluss an die Vorlesung sprachen wir in kleinerer Runde noch etwas ausführlicher über den Toleranzgedanken. In begnadeter Einfallslosigkeit lenkte ich das Gespräch auf das Thema Kopftuchverbot, das, wie im letzten Eintrag zu lesen war, hier ein genauso heißes Eisen ist wie in Deutschland, Frankreich oder der Türkei. Die Meinung der Studenten war genauso zwiespältig wie die Hauptfronten der Diskussion im Westen: Einerseits waren alle, Jungs wie Mädchen sich einig, dass das Kopftuch an sich kein rein religiöses Symbol sei, sondern mit individuellem modischem Gefühl oder auch persönlichem Sicherheitsempfinden zu tun habe. Auf die Frage an die Studentinnen, was sie denn machen würden, wenn sie einen Mann heiraten würden, der von ihnen verlange, das Kopftuch zu tragen, gaben sie dann aber zur Antwort (zumindest diejenigen, die überhaupt den Mund aufmachten): So einen Mann wollten sie überhaupt nicht erst heiraten. Einige der Jungs entgegneten, dass sei doch aber nun einmal gang und gebe in Tadschikistan, wenn die Hochzeit stattgefunden habe, habe die Frau nichts mehr zu sagen. Immer mehr Frauen seien verschleiert. Die Studentin, die sich zuvor am vehementesten dagegen ausgesprochen hatte, blickte zwischen den Jungs, ihren Kommilitoninnen und mir wild hin und her. Die Emanzipation in Tadschikistan ist ein fragiles Gebilde.

Hinzu kommt, dass Frauen und Männer in ihrer Ehe ohnehin nicht viel voneinander haben: Mindestens eine Million tadschikische Männer leben zur Zeit in Russland (eine unvorstellbare Zahl, da Tadschikistan nur sieben Millionen Einwohner hat), wo sie eine Art Gastarbeiterstatus haben und für billige Löhne und gegen widerwärtige rassistische Anfeindungen nahezu der ganzen russischen Bevölkerung arbeiten, vor allem im Baugewerbe. Annemarie Berger in Chudschand hatte uns bereits von tadschikischen Kolleginnen erzählt, deren Männer seit zwei oder drei Jahren in Russland lebten. Manche kehren irgendwann wieder für eine Weile zurück, wie die Männer die ich bei meiner Ankunft am Flughafen gesehen habe. Andere melden sich überhaupt nicht mehr bei ihren Frauen und sind verschwunden. Mein Taxifahrer, den ich etwa jeden dritten Tag treffe und der eine akademische Ausbildung hat, meinte kürzlich, in naher Zukunft werde es in Tadschikistan nur noch zwei Berufe geben: Taxifahrer und Polizisten, die die Taxifahrer grundlos anhalten und von ihnen Bakschisch kassieren.

Männersache?

Einen Tag später war ich mit zwei Studenten zum Essen verabredet. Wir fuhren mit einer Marschrutka etwa 20 Minuten, bis in einen Vorort, in dem es einen großen Lebensmittelbasar gab. An den Basar angeschlossen gab es ein großes tadschikisches Lokal. In einer hohen Säulenhalle waren zahlreiche Tische aufgestellt; Meine Studenten steuerten jedoch direkt eine Seitenwand des Restaurants an: Dort waren in die gekälkte Wand nebeneinander mehrere kleine Kabinette oder Separées in die Wand eingelassen. Im Inneren befand sich ein längerer niedriger Tisch und zwei bequeme Sofas, auf denen man sich gegenübersaß. An den Tischen wie in den Kabinetten saßen größtenteils Tadschiken in traditioneller Kleidung, essend, teetrinkend oder Wasserpfeife rauchend. Hier gebe es das beste Osch der ganzen Stadt, versicherten mir die beiden. Osch ist der tadschikische Name für Plov, oder auch Pilau, ein äußerst fettiges Reisgericht mit Hammelfleisch sowie sehr viel Knoblauch und Gemüse je nach Saison. „Osch“ wie auch „Plov“ klingt recht lautmalerisch, und das ist nicht untertrieben: Das Osch blockiert den Magen über mehrere Stunden hinweg völlig und führt zu nahezu vollkommener Bewegungslosigkeit, der nur mit sehr viel Tee abgeholfen werden kann. Das führte automatisch dazu, dass wir sehr lange auf den gemütlichen Sofas sitzen blieben, von der dröhnenden Außenwelt abgeschirmt. Hier, das merkte man, waren die Tadschiken ganz bei sich.

Ich brachte das Gespräch noch einmal aufs Heiraten. Die Inszenierung der Hochzeit, die die Studenten für die Deutschen veranstaltet hatten, war nicht ohne Bezug zur Realität: Tatsächlich, so erfuhr ich, würde der Junge, der den Ehemann gespielt hatte (im letzten Eintrag ist er auf dem Foto zu sehen, er trägt den bunten Mantel), im kommenden Jahr bereits heiraten. Er ist, wie die meisten anderen seines Studienjahres, 20 Jahre alt. Seine zukünftige Frau hat er noch nicht kennengelernt, das geschieht erst wenige Tage vor der Hochzeit, wenn es zu verschiedenen offiziellen Treffen zwischen den beiden Familien kommt. Die Abmachung über die Hochzeit haben sein Eltern und die Eltern der Braut allerdings schon längst getroffen. Die Hochzeit ist meist ein aufwändiges Großereignis, zu dem stets Hunderte von Gästen geladen, zahlreiche Tiere geschlachtet und verschwenderische Aussteuern gezahlt werden. So exzessiv ist der Aufwand, dass Präsident Rahmon im letzten Jahr gesetzliche Obergrenzen für die Ausrichtung von Hochzeitsfeiern erließ. Ein beliebtes Geschenk ist ein Auto, wie man auf dem Bild oben sehen kann.

Ich fragte die beiden, wie das denn bei ihnen sei mit dem Heiraten. Nun, eigentlich wollten sie noch nicht heiraten, sondern lieber erstmal studieren (am liebsten in Deutschland; ein Wink mit dem Zaunpfahl bezüglich ihrer noch nicht ausgewerteten Stipendienbewerbung. Ich überhörte das geflissentlich und sah zu, dass ich mein Essen am Ende selbst bezahlte). Ihre Eltern, speziell ihre Mütter, sähen das aber anders: Möglichst bald müsse eine Frau ins Haus, die ihr, der Mutter, im Haushalt helfen könne. Was solle man da machen? Wie die Studentinnen aus ihrer Gruppe das denn sähen, fragte ich noch. Da gäbe es solche und solche: Einige, besonders die, die gestern so leidenschaftlich diskutiert hatten, wollten gar nicht heiraten. Besonders gäbe es da eine Studentin (es war diejenige, die von allen Stipendienbewerbern die beste Bewerbung abgegeben hatte), die sei – und bei diesen Worten schwang eindeutig so etwas wie Furcht in den Stimmen der jungen Männer mit – nun, die sei – sehr speziell. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle sagten sie mir noch, diese Gegend hier sei bekannt dafür, dass man abends viele Prostituierte finde. Ob sie damit schon Erfahrungen hätte, fragte ich; sie lachten nur.

Gestern Abend gab es dann noch die allwöchentliche Ausländerbespaßung, dieses Mal mit einer gelungenen Überraschung: Im Irish Pub spielte Rockband aus Kabul, „White City“, die nur aus Angehörigen internationaler Organisationen besteht, die unter anderem aus Frankreich, Schweden, Australien, Dänemark, Spanien und dem Iran kommen. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass sie in einer extrem wechselnden Besetzung spielen. Das zog natürlich eine Menge Leute an, wahrscheinlich war an diesem Abend die gesamte internationale Gemeinde Duschanbes versammelt. Trotzdem bemerkte der Saxofonist der Band mir gegenüber, das sei ja alles sehr überschaubar bei uns hier drüben, kein Vergleich zu Kabul. Die Westler scheinen dort in ihrer eigenen Welt leben, anders kann man sich das Zustandekommen solcher subkulturellen Phänomene wohl kaum erklären. Die Band hatte ihr komplettes professionelles Equipment mitgebracht, inklusive eines DJ-Pultes, wo in der Pause und nach dem Konzert Housebeats aufgelegt wurden. Es wurde ausgiebig getanzt und gesprungen. Kabul, das war mir nach diesem Abend klar, ist ein eigener Planet.

Heute habe ich dann noch einmal eine kleine Wanderung unternommen, mit Wero, einer Freiburger Ethnologin, die hier über die Arbeitsmigration der tadschikischen Männer nach Russland forschen will, und Martina, einer polnischen Lehrerin, die an der Uni Polnisch unterrichtet. Wir fuhren mit der Marschrutka bis ins Takob-Tal, das von einer kleinen Sogdisch sprechenden Minderheit bewohnt wird. Es war wunderschönes herbstlich-frisches Wetter, die Pappelalleen schimmerten goldgelb und der Schnee reichte schon fast bis an die Dörfer heran.





Mittwoch, 22. Oktober 2008

Rock The Kasbah

Die Umstände haben es erfordert, eine längere Schreibpause einzulegen; dies führt nun natürlich zu einem Stau von Geschichten und Erlebnissen, die der junge, ungestüme Schreiber verarbeiten muss. Kürzer fassen kann ich mich leider auch nicht, man möge mir also verzeihen. Auch muss ich euch einige der attraktiveren Bilder vorenthalten, weil viele davon nur auf Diafilm gebannt und noch nicht entwickelt sind. Zu Beginn, ein wenig aus dem Kontext gerissen, ein Bild, das eine tadschikische Hochzeit zeigt, die einige meiner Studenten für die deutsche Studentengruppe als Theaterstück inszeniert haben. Es war sehr anschaulich und sehr lustig, und gleichzeitig auch ernst, wenn man bedenkt, dass die meisten hier in diesem Alter tatsächlich bereits schon heiraten und viele Akteure so ihre eigene nahe Zukunft vor Augen hatten. Vielleicht noch der Hinweise, dass die Bilder jetzt in etwas größerem Format hochgeladen sind, es lohnt sich also jetzt sie anzuklicken.




Clubbing in Tadschikistan

Es beginnt, leider unvermeidlich, erneut mit der Berichterstattung übers Nachtleben. An dem Wochenende, an dem wir nach Chudjand geflogen sind, hatten wir zuvor noch erstmals die Gelegenheit, eine tadschikische Disco zu besuchen. Mussadas, die hin und wieder für den DAAD arbeitet und in den letzten Wochen die deutsche Studentengruppe betreut hat, flog am Sonntag für ein Jahr nach Deutschland (sie wird ein DaF-Studium in Bochum beginnen) und wollte ihren Abschied im Club Dior feiern, einer von drei Diskotheken in Duschanbe (zumindest habe ich bisher nur von dreien gehört). Um halb zehn abends traf ich mich mit ihr und den deutschen Studenten. Der Club, im ersten Stock eines Geschäftshauses gelegen, erinnerte mich spontan an den allerersten Club, den ich in meinem Leben zu Gesicht bekam: die Schülerdisco im englischen Seebad Eastbourne, in der man als 14jähriger nachmitttags mit Cola und Sprite zu Dr. Alban tanzen konnte. Hier gab es allerdings auch Bier und Wodka. Auf unbequemen Stahlstühlen saß man an Glastischen, auch etwas zu essen konnte man bestellen. Neben uns saß ein kleines Grüppchen von Jugendlichen zusammengedrängt an einem Tisch und blickte argwöhnisch auf die leere Tanzfläche, an deren zwei Wandseiten große Spiegelflächen installiert waren wie in einem Ballettstudio. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren und verstärkte die unterkühlte Atmosphäre. Wir saßen uns gegenüber, aufgrund der Lautstärke der Musik unfähig uns zu unterhalten, und begannen mit enormem Tempo die Wodkaflaschen, die auf den Tisch gestellt wurden, in die Gläser und dann in unsere Speiseröhren zu entleeren. Das Grüppchen am Nebentisch hatte ihr gemütliches Abendessen im Stroboskoplicht beendet, und wie auf Kommando standen nun alle auf, drängten auf die Tanzfläche und begannen sofort intensiv und leidenschaftlich zu tanzen. Es lief ein Mix aus russischem Techno und tanzbaren Klängen aus allen Ecken des Orients; so durfte auch Tarkan an diesem Abend nicht fehlen. Auch die deutsche Gruppe hielt es nun nicht mehr auf den Plätzen. Sie waren zuvor in einem Nachmittagskurs in traditionellem tadschikischem Tanz geschult worden und konnten jetzt mit ihren Kenntnissen triumphieren.

Auch ich schwang ein Weilchen das Tanzbein. David und mir, inzwischen bereits geschulte Expats, war diese Anbiederung an die Landeskultur dann aber doch zuviel, da wir ernsthaften Schaden für unsere Ohren befürchteten; auch durfte man auf der Tanzfläche nicht rauchen. Wir verließen das Dior und gingen zielstrebig zum bereits erwähnten Irish Pub. Wie jeden Freitag standen in langen Reihen davor bereits die Jeeps aller staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen versammelt. Ihre Fahrer waren teils bereits merklich angeheitert, was viele allerdings nicht daran hinderte, sich später noch ans Steuer zu setzen. Nach einiger Zeit in der feinen westlichen Gesellschaft entstand der kollektive Wunsch, den Abend im Port Said zu beenden, dem zweiten der drei erwähnten Clubs. Sonja hatte mir zuvor davon abgeraten, das Port Said sei unterste Sohle und eigentlich nichts weiter als ein schlecht kaschierter Puff. Das war uns nun egal oder sogar recht, wir schlossen uns den anderen betrunkenen Westlern an und ließen uns mit dem Taxi fahren. Der Laden war eigentlich ganz gemütlich, die Musik erheblich besser und nicht ganz so laut. Mir gegenüber auf einem schwarzen Ledersofa saß ein älterer grauhaariger Westler, der mutig sein Hemd aufgeknöpft hatte, um seinen Brustpelz zu präsentieren. Mit seinen Armen hielt er zwei junge Tadschikinnen umschlungen, die ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen schienen, was sicherlich nicht kostenlos geschah. Ach ja, die Heimat ist weit weg und irgendwie muss man sich ja trösten.

Bildungsmesse, Nr. 1

Am Samstag hatte das DAAD-Team dann einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt: Die erste von vier nationalen Bildungsmessen, die von der Soros Foundation beziehungsweise dem Open Society Institute organisiert wurden, fand in Duschanbe statt. Nachdem Kai uns mit T-Shirts ausgestattet hatte, die einen tadschikischen DAAD-Aufdruck tragen, konnte man uns noch weniger übersehen als ohnehin schon (aufgrund von Größe und Hautfarbe). In den klimatisierten Räumen des VEFA-Centers angekommen, mussten wir als einzige deutsche Organisation neben den vielen Amerikanern natürlich ordnungsgemäß repräsentieren, und so wurde unser Stand ein kleines Wunder des Messebaus, im Vergleich zu den anderen, die lediglich mit ein paar Fähnchen und Posterchen aufwarten konnten. Als dann die Massen der bildungshungrigen jungen Tadschiken in die Halle strömten, gehorchten sie den gleichen Gesetzen wie wohl alle Messebesucher weltweit: Alles was bunt und kostenlos ist, wird so schnell wie möglich abgegriffen. Hochschulsommerkurse, internationale Masterprogramme, Wissenschaftleraustausch, Bolognaprozess – man steckte einfach mal alles ein, auch wenn sich die Sprachkenntnisse und das Wissen über Deutschland oft auf die letzte Fußball-WM beschränkten.

Allgemeine Dysfunktionalität

Am Sonntagmorgen sollte es dann also nach Chudschand gehen, mit dem Flugzeug. Am späten Samstagabend jedoch geriet dieser Plan in Gefahr, als mir mein Wohnungsschlüssel im Schloss abbrach. Ich verbrachte die Nacht noch einmal bei David auf dem Sofa. Am nächsten Morgen rief mein Vermieter den „Schlüsseldienst“ an, und bald rückte dann auch ein kleiner alter Mann an, der mit einem riesigen Schraubenzieher, einem Hammer, einem ziemlich demolierten Schlagbohrer und einer Kreissäge bewaffnet war. Hammer und Schraubenzieher reichten schließlich aus, um das Schloss zu zerstören und die Tür zu öffnen, und nachdem ich meine Sachen in den Rucksack geworfen hatte, fuhr ich schnell weiter zum Büro und dann zum Flughafen. Martina, eine polnische Lehrerin, hatte mir bereits versichert, kaputte Schlösser und abgebrochene Schlüssel seien kein Grund sich aufzuregen, das geschehe hier jeden Tag; ein Symptom der allgemeinen Dysfunktionalität, die die ganze tadschikische Gesellschaft ergriffen hat. Jede Busfahrt, jeder Griff zum Lichtschalter kann zum Abenteuer werden.

So war es dann auch nur wenig überraschend, dass unser Flug drei Stunden Verspätung hatte. Drei Stunden lang harrten die Fluggäste in der stickigen Wartehalle aus, ohne dass eine einzige Durchsage erklang. Auch machte niemand Anstalten nachzufragen oder sich gar zu beschweren – was sicherlich auch kaum sinnvoll gewesen wäre. Krisen im Verkehr und in staatlichen Angelegenheiten sind hier scheinbar ein Teil der Naturgewalten.

Endlich wuchteten wir – David, Zarrina (meine tadschikische Kollegin) und ich – unser Messegepäck ins Flugzeug. Der Flug selbst war dann relativ unspektakulär, durch die dichte Wolkendecke konnten wir nur selten einen Blick auf die darunterliegenden schneebedeckten Berge werfen. Kurz vor der Landung überflogen wir dann noch das breite, beinahe türkise Band des Syr Darja.

Diesseits des Jaxartes

Was ihre Siedlungsgeschichte angeht, könnten Duschanbe und Chudschand kaum unterschiedlicher sein: Duschanbe wurde erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von den Sowjets gegründet, zuvor gab es hier lediglich ein Dorf, in dem ein wöchentlicher Markt stattfand („Duschanbe“ heißt „Montag“ und bezeichnet den Tag, an dem der Markt stattfand). Chudschand dagegen ist wohl eins der ältesten Zeugnisse der langen Geschichte von Eroberungen in Zentralasien: Vor 2500 Jahren wurde es von Alexander dem Großen gegründet, als eine Befestigung gegen die Skythen, die er bis hinter den Syr Darja (der damals Jaxartes hieß) zurückgedrängt hatte. Schon damals also fransten „Europa“ und Asien, sesshaft-urbane und nomadische Kultur hier aus.

Auf unserer Fahrt in die Stadt sahen wir allerdings wenig Antikes. Annemarie, die hier am Goethe-Gymnasium Deutsch unterrichtet, hatte uns vom Flughafen abgeholt und zeigte uns nun in den verbleibenden Stunden des Tages etwas von der Stadt. Die Nähe des Gebirges ist hier noch präsenter als in Duschanbe, von jedem Punkt in der Stadt aus kann man irgendwie auf die dunklen Felswände blicken. Im Süden steigen sie direkt hinter dem Rand der Stadt auf. Dazwischen liegt lediglich noch der Syr Darja, der schon hier fast so breit ist wie der Rhein. Die Hauptstraße in der relativ kleinen Stadt heißt hier immer noch Ulitsa Lenina, und in der Nähe der Staatlichen Universität ragt tatsächlich immer noch ein vergoldeter Lenin empor und weist mit dem Finger in eine ebenso goldene Zukunft.

Von der Gegenwart scheint der Lack jedoch einigermaßen abgeblättert zu sein: Nach Annemaries Schilderungen führt sie hier ein recht hartes Leben, zumindest in den Wintermonaten. Duschanbe hatte sogar im harten letzten Winter nur ein paar Wochen lang ernsthafte Energieprobleme, hier dagegen begannen bereits jetzt, Ende September die Stromabschaltungen. Etwa fünf Monate lang, bis Anfang März also lassen Kälte und Dunkelheit die Stadt erstarren. Einen kleinen Vorgeschmack darauf bekamen wir, als wir abends nach einem Restaurantbesuch durch einige nahezu lichtlose Nebenstraßen streiften, ständig in der Sorge, plötzlich in eine der vielen ungesicherten Kanalöffnungen zu fallen. Auch ansonsten hat Annemarie hier wohl keinen leichten Stand; vor allem, da sie eine von nur ungefähr zehn AusländerInnen in der Stadt ist und ihr der Aufbau von Freundschaften zu Tadschiken ziemlich schwerfällt (ein Phänomen, von dem mir bisher nahezu alle Ausländer in Tadschikistan berichtet haben – sogar Multikulti-Veteranen wie Judith und Dominik).

Tücken des Internetzeitalters

Die Bildungsmesse in Chudschand fand in einem kleinen Gebäude in der Technologischen Universität statt und unterschied sich kaum von der in Duschanbe, war allerdings noch kleiner und hatte viel weniger Besucher. 200 Studenten verirrten sich in die Halle. Wie ich gehört habe, hat das auch damit zu tun, das hier, im fruchtbaren Norden des Landes, zu dieser Jahreszeit alle Studenten dazu verpflichtet werden, in der Baumwollernte mitzuhelfen, eine körperliche Schwerstarbeit, die sie von September bis Dezember beansprucht; fast das ganze Wintersemester über kann also praktisch kein geregelter akademischer Betrieb stattfinden. Gegen eine saftige Bestechungsgebühr können sich die Studenten allerdings ein Attest erkaufen, das sie von der Arbeit auf den Feldern befreit. Aber das kann sich natürlich nicht jeder leisten.

Am darauffolgenden Tag hatte ich am Lehrstuhl für Deutsche Sprache noch eine besondere Mission: Mit den Studenten, die sich für Sommerkurse oder Semesterstipendien beworben hatten, sollte ich einen Einstufungstest durchführen, um ihre Sprachkenntnisse zu überprüfen. Der sogenannte OnDaF wird im Internet durchgeführt und kam bei uns in diesem Jahr zum ersten Mal zum Einsatz: Nachdem ein Teilnehmer sich eingeloggt hat, wird ein C-Test generiert, also mehrere Lückentexte, in denen automatisch die Hälfte jedes vierten oder fünften Wortes entfernt wurde. Der Test dauert 50 Minuten und wird dann automatisch beendet. Der Betreuer des Tests loggt sich an einem anderen Computer auf der Seite von OnDaF ein (möglichst im gleichen Raum) und verwaltet die Ergebnisse, gleichzeitig beaufsichtigt er die Teilnehmer. Direkt im Anschluss wird automatisch ein Zertifikat als pdf-Dokument generiert, das man sofort ausdrucken kann. Das zeigt dann mehr oder weniger aussagekräftig an, welches Niveau der Teilnehmer erreicht hat. Innerhalb von knapp einer Stunde kann so jeder an jedem Ort der Welt ein offizielles Sprachzertifikat erhalten. Mir erscheint diese Prüfungsmethode manchmal etwas fragwürdig, dennoch scheint sie so etwas wie die Heilige Kuh der neueren Sprachlehrforschung zu sein.

Soweit die Theorie. In der Praxis musste ich zunächst einmal etwa eine Stunde warten, bis alle Teilnehmer eingetrudelt waren. Als wir dann im Internetcafé der Uni waren, stellte ich schnell fest, dass nur sechs der zehn Computer tatsächlich einsatzbereit waren. Das nächste Problem entstand, als die ersten Teilnehmer sich einloggen sollten: Nun kam heraus, dass die meisten sich noch gar nicht registriert hatten, eine Prozedur, die mit Usern, die des Deutschen kaum mächtig sind und für die ein Computer immer noch eine Wundermaschine ist, etwas länger dauern kann. Nachdem die Registrierung abgeschlossen war, mussten sie sich nun einloggen; dies scheiterte jedoch zunächst daran, dass die meisten sich Passwort wie auch Benutzernamen, die sie sich Minuten zuvor selbst ausgedacht hatten, nicht gemerkt oder aufgeschrieben hatten. Um beides noch einmal zu erfahren, mussten sie in ihren E-Mailposteingang schauen, wo die Registrierung bestätigt wurde. Hier war nun die nächste Hürde zu nehmen: Die meisten Teilnehmer konnten sich nämlich auch nicht mehr an das Passwort ihres E-Mailaccounts erinnern. Einige fanden es heraus, indem sie Familienangehörige oder Freunde anriefen, die aus irgendwelchen Gründen über dieses geheime Wissen verfügten; andere allerdings mussten sich noch einmal neu registrieren, unter strenger Beobachtung, damit sie sich dieses Mal das Passwort und den Benutzernamen wirklich aufschrieben.

Nun endlich konnte der erste Durchlauf beginnen. Einige Computer stürzten zwischenzeitlich noch ab, was bei den Testteilnehmern eine verständliche Panik auslöste – auch sie konnten aber schlussendlich den Test beenden. Ich musste lediglich die Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls davon abhalten, ihren Studenten während des Tests über die Schulter zu blicken und zu helfen, was sie in jedem scheinbar unbeobachteten Moment probierten. Als ich schließlich wie ein Zeremonienmeister vor dem einzigen Drucker der Universität saß und die Zertifikate ausdruckte, war ich von einer riesigen Traube von Studenten umringt, die sich hier – vielleicht zurecht? – in einer Art Fegefeuer wähnten, das über ihre Zukunft entschied; eine Rolle, in der ich mich nicht völlig wohl fühlte. Einer der Studenten bot sich uns als Stadtführer an. Ich war mir schon vorher sicher, dass er das Stipendium nicht bekommen würde, und war ihm gegenüber sehr befangen.

Die arische Zivilisation

An dem halben Tag, der uns noch blieb, besuchten wir den Panschanbe-Basar („Panschanbe“ bedeutet Freitag – siehe obige Anmerkung), der in einer wunderschönen neoklassizistischen Markthalle aus den 20er Jahren untergebracht ist. Dort trafen wir auch zwei etwa zwölfjährige Schülerinnen einer türkischen Privatschule, die, wie so oft, „ihr Englisch verbessern“ wollten; verblüffend war schlichtweg, dass sie überhaupt schon so gut Englisch sprachen. Türkische Schulen, so erfuhren wir später von Dominik, genießen in Tadschikistan inzwischen sogar einen besseren Ruf als amerikanische; unter anderem, weil dort sehr viel mehr Disziplin gefragt ist. David dagegen besuchte, während ich die Tests durchführte, die einzige Waldorfschule Tadschikistans und zeigte sich erfreut über die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder dort Deutsch lernten, Flöte spielten und einem selbstbestimmten Leben zugeführt wurden.

In einem brandneuen Museum, das in einer Nachbildung der historischen Stadtmauer untergebracht ist (vergleichbar denen in Chiwa und Buchara), lernten wir dann anhand vieler bunter Dioramen und knapper Texte einiges über den Ursprung, die Entwicklung und die beeindruckende Kontinuität der arischen Zivilisation, als deren Teil sich viele Tadschiken begreifen. Der Ausstellung zufolge besteht sie seit etwa 20.000 Jahren. Einige Tage später versuchte mir ein Hochschullehrer in Duschanbe allen Ernstes zu erklären, Tadschiken und Iraner seien ursprünglich ein germanisches Volk gewesen, das aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands nach Mittelasien gezogen sei. Zurecht verwies die Ausstellung dagegen auf große Wissenschaftler und Poeten, die aus Tadschikistan kamen – Avicenna, Firdausi oder Rumi. Ungewollt komisch war jedoch wiederum die Anmerkung „In the 11th century, Tajik civilization reached its peak“.

Grubenfahrt

Am Mittwoch, den ersten Oktober, wollten wir nach Duschanbe zurückkehren. Zarrina hatte bereits am Montag das Flugzeug genommen, weil sie wieder arbeiten musste. Wir hatten uns jedoch vorgenommen, den Landweg auszuprobieren. Da an diesem Tag das Ende des Ramadan ins Haus stand, was von den allermeisten Familien privat zu Hause gefeiert wird, war es nicht ganz einfach, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Einen öffentlichen Straßenverkehr gibt es in Tadschikistan praktisch nicht. Eine einzige Eisenbahnstrecke gibt es zwar, doch sie kam für uns nicht in Frage, da der Zug nur etwa zweimal pro Woche fährt (Abfahrtstage ungewiss) und darüber hinaus einen grotesken Umweg über Turkmenistan und Usbekistan fährt, der etwa 30 Stunden dauert (man möge es sich auf der Landkarte vergegenwärtigen). So bleibt nur die Fahrt mit einem Sammeltaxi oder einem Jeep. Ersteres kam auch nicht in Frage, da auch hier die Dauer der Fahrt extrem ungewiss ist und wir beide am nächsten Tag arbeiten mussten. So organisierten wir uns schließlich einen kleinen chinesischen Jeep mit tadschikischem Fahrer, der außer uns noch seine russische Ehefrau und einen weiteren Passagier mitnahm.

Während der Fahrt wurde mir schnell klar, dass das Bild, das ich von den nördlichen Bergketten hatte, völlig falsch war: Auf der Landkarte sehen die Zarafschan- und die Hissarkette im Vergleich zum Pamir aus wie eine kleine Reihe von Hügelchen. Tatsächlich aber waren wir schon bald nach Beginn der Fahrt von schneebedeckten 5000ern umgeben und schraubten uns auf der holperigen Passstraße sehr schnell höher, vorbei an schwindelerregenden Abgründen. Diese erste Passhöhe konnten wir nicht umgehen: Zwar bauen die chinesischen Straßenbauteams auch hier an einem monumentalen Tunnel, es ist aber noch nicht klar, wann er fertiggestellt sein wird. An Baustellen am Straßenrand sahen wir auch immer wieder die chinesischen Arbeiter, sonnenverbrannt und schmutzig, die in improvisierten Zelten aus den berühmten blau-weiß-roten Plastikplanen Schutz vor Wind und Sonne suchten. Ich fragte einige Tage später noch einmal Dominik, was die Chinesen denn nun eigentlich so an Tadschikistan interessiere, dass sie für einen feuchten Händedruck eine hypermoderne Straße durchs halbe Land bauen. Er wusste es auch nicht mit Sicherheit, meinte aber, die neue Straße sei sicherlich breit genug, dass drei chinesische Panzer darauf nebeneinander fahren könnten.

Nach der Passhöhe fuhren wir tief ins Tal des Zarafschan hinab, durch oasenartige Dörfer, die aus Lehmhütten bestanden, umgeben von steilen rötlich schimmernden Felsflanken. Die Frau unseres Fahrers plauderte die ganze Zeit über wie ein Wasserfall. Zwischendurch lästerte sie auch über den Rektor der Staatlichen Universität von Chudschand: Sicherlich gäbe es in ganz Tadschikistan keinen Hochschulangehörigen, der noch korrupter sei; das sei aber auch kein Wunder, schließlich sei er ja Jude. Schweigen breitete sich im Wagen aus.

Bereits nach Einbruch der Dunkelheit wurden wir vor einer Brücke durch eine Straßensperre aufgehalten. Es hatte sich bereits eine kleine Schlange von Wagen vor uns gebildet. Jeder Fahrer stieg nun aus und schien mit den Brückenwächtern über irgendetwas zu verhandeln. Schließlich sah man, wie Geldscheine die Besitzer wechselten. Wir überquerten die Brücke, und wenige Minuten später wurde uns klar, wofür unser Fahrer bezahlt hatte: der erste Tunnel, den Chinesen gebaut haben, war zwar bereits fertiggestellt, zur Zeit jedoch gesperrt, wegen verschiedener baulicher Mängel, die dazu führten, das beständig Wasser hineinlief und ihn überflutete. Gegen eine geringe Bestechungsgebühr konnte man offenbar aber trotzdem hineinfahren. Ob man auch hindurchfahren konnte, würden wir jetzt herausfinden. Der vielleicht fünf Kilometer lange Tunnel unter dem Hissarmassiv war gänzlich unbeleuchtet. Schon nach wenigen Metern stand das Wasser uns fast bis zur Karosserie. Tapfer steuerte der Fahrer dennoch mit Schrittgeschwindigkeit den Wagen über die zeitweilig zum Kanal gewordene Trasse. Beunruhigend war vor allem, dass wir nie genau wussten, wie die Bodenbeschaffenheit unterhalb der Wasseroberfläche war. Es hätte mich nicht überrascht, wenn wir irgendwann in ein riesiges unsichtbares Schlagloch gefahren und versunken wären. Dennoch erreichten wir sicher das andere Ende des Tunnels, und danach begann auch schon der bereits befestigte Teil der Straße nach Duschanbe.

Der Multikulti-Irrtum

In Duschanbe schleusten wir in den nächsten Tagen weitere 50 Teilnehmer durch den OnDaF-Test und sammelten ihre weiteren Bewerbungsunterlagen ein. Inzwischen habe ich 25 von ihnen ausgewählt, die am kommenden Mittwoch zu einem Auswahlgespräch im DAAD-Büro eingeladen werden. Mir fiel das alles andere als leicht, zumal ich einige der Bewerber inzwischen persönlich kenne. Neutralität zu wahren ist dabei nicht gerade einfach. Zwei Auswahlinterviews habe ich jetzt schon selbst gemacht, mit zwei Bewerberinnen aus Chorog im Pamir, die extra deswegen angereist waren und also scheinbar wirklich alles daransetzen, um nach Deutschland zu kommen (zwei Monatsgehälter waren dafür sicherlich notwendig). Jetzt weiß ich also, wie es sich in einem Bewerbungsgespräch auf der anderen Seite anfühlt.

Ansonsten hatte ich ungefähr zwei Wochen lang Durchfall, mit wechselnder Intensität. Ein Gewichtsverlust hat sich dadurch noch kaum bemerkbar gemacht, die Minusdiät hat also noch nicht begonnen. In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile beim Sturm und Drang angekommen. Mit dem bereits erwähnten etwas eigenwilligen Rektor der Universität gab es noch eine weitere Begegnung, wenn auch nur aus der Distanz. Eines Vormittags, während ich ein Seminar hielt, sah ich ihn durch die Glastür in einem gegenüberliegenden Unterrichtsraum stehen und aufgeregt mit einigen Kollegen des Lehrstuhls sprechen. Dass er ungehalten war, war bereits seiner Mimik und Gestik wie auch seinem hochroten Kopf anzusehen. Innerhalb einer Minute steigerte sich seine Laune nun jedoch zu einem zügellosen Wutanfall, in dessen Verlauf er die Kollegen und auch vorbeigehende Studierende wild anbrüllte. Meine Studenten empfahlen mir, mich von der Glastür zu entfernen, damit ich nicht auch noch seinen Unwillen errege. Endlich raste er davon, türenknallend und weiterhin fluchend und brüllend.

Erst am Abend fand ich heraus, worüber er sich so echauffiert hatte. Zusammen mit drei der deutschen Studenten, die an meiner Uni einen Tadschikischkurs besuchen, war ich bei Herrn Schosedow eingeladen, dem ehemaligen Leiter des Lehrstuhls, ein überaus besonnener und freundlicher älterer Mann, der aus dem Pamir stammt, in Moskau und Deutschland studiert und geforscht hat und zur Zeit zusammen mit Lutz Rzehak an der Fertigstellung eines großen Tadschikisch-Deutschen Wörterbuchs arbeitet. Als wir so auf Matten am Boden saßen oder lagen und ein üppiges Büffet genossen, brachte ich das Gespräch schließlich auf den Rektor und seinen Ausfall. Ja, so sei er eben, unser Rektor, meinte Herr Schosedow. Der komme aus Kulyab, woher auch Präsident Rahmon und seine Machtclique stammen. Die Menschen dort seien immer schon heißblütig und leicht reizbar gewesen. Die Studenten aus dem Sprachkurs klärten den Vorfall aber noch weiter auf: In dem Tadschikischkurs gab es eine deutsche Teilnehmerin aus Berlin, die mit einem Muslim verheiratet ist und seinen Glauben angenommen hat – was sie auch äußerlich repräsentiert, indem sie stets das klassische schwarze Kopftuch trägt, das den Haaransatz komplett verdeckt. Als ich sie das erste Mal sah, hielt ich sie zunächst für eine Tadschikin (obwohl diese Art des Kopftuchs auch hier nicht besonders verbreitet ist), dann für eine Deutschtürkin und wusste überhaupt nicht, wie ich sie ansprechen sollte. Von dem Tuch abgesehen schien sie eine normale westliche junge Frau zu sein, sie rauchte, lachte und ging abends immer mit den anderen weg. Gerade dieser Gegensatz verwirrte mich und erregte auch meine Wut: Wie konnte sie, die aus unserer aufgeklärten Gesellschaft kommt, sich dafür hergeben, dieses Tuch zu tragen? Meine Aversion jedoch war wohl gar nichts gegen die Reaktion des Rektors, als er ihr in der Universität über den Weg lief. Wie ich ja schon erfahren hatte, ist alles, was auch nur im entferntesten ein Ausdruck muslimischer Religiosität sein könnte, auf dem Gelände der Uni verboten. Als der Rektor nun der deutschen Studentin auf dem Gang begegnete, soll er sich nur zischend mit ihr unterhalten haben: Sie solle stehen bleiben; was sie denn da trage? Sie solle das sofort ablegen und sich hier nie wieder so zeigen. Erst danach stapfte er ins Kollegium und entlud seinen Zorn. An dieser Stelle schaltete sich Herr Schosedow noch einmal ins Gespräch ein: Herr Saidow habe wahrscheinlich sehr persönliche Gründe für den strikten Umgang mit dem Islam; Erlebnisse während des Bürgerkriegs mit der muslimischen Opposition und mit den Mudschahedin hätten zu seiner Einstellung geführt. Genaueres müsse man ihn dann aber schon selber fragen. Lieber nicht, dachte ich mir. Das Aufeinandertreffen eines fragwürdigen Multikulturalismus und eines radikalen Säkularismus könnte jedenfalls kaum spannungsreicher sein als bei dieser Begegnung.

Let There Be Rock

Unbedingt erwähnenswert ist noch ein Kulturereignis. In den letzten Wochen gab es gleich vier Empfänge der deutschen Botschaft hintereinander: Zwei davon anlässlich des Tages der deutschen Einheit – es gab Warsteiner aus der Dose und Bockwürstchen, der Chor einer Schule sang die deutsche und die tadschikische Nationalhymne; einen in der Residenz der Botschafterin, für ausgewählte Gäste aus den Reihen der Kulturmittler, anlässlich des Besuchs der Jugendbuchautorin Tamara Bach, die hier in Schulen aus ihrem neuen Buch vorgelesen hatte, auf Einladung des Goetheinstituts Taschkent; und schließlich einen Empfang anlässlich des Konzerts der mir bis dato unbekannten deutschen Rockband „Fotos“.

Das Konzert war bereits vor über einem Monat angekündigt worden. Es handelte sich dabei um den letzten Teil einer kleinen Tournee durch Zentralasien, die die Band absolvierte, ebenfalls auf Einladung des Goetheinstituts. Letztlich war es nichts weiter als Promotion für das neue Projekt „Schulen – Partner der Zukunft“ des Goetheinstituts, das den Deutschunterricht an ausgewählten Schulen in Entwicklungs- oder Schwellenländern fördern soll. Die Band hatte zuvor bereits in Taschkent, Samarkand und Buchara gespielt, ein Auftritt in Aschgabad wurde abgesagt, da sich das turkmenische Außenministerium gegenüber Ausländern ähnlich gastfreundlich verhielt wie die Volksrepublik Nordkorea.

Seit Wochen hingen also die Plakate für das Konzert an allen möglichen Unis und Schulen aus, Tickets wurden kostenlos verteilt. Es gab gewisse Befürchtungen, was den Zeitpunkt des Konzerts anging: 19 Uhr ist eine Uhrzeit, zu der die meisten Schüler und auch Studenten bereits zu Hause bei ihren Eltern sein müssen (die meisten Studenten sind zwischen 17 und 22 Jahren alt und wohnen bei ihren Eltern – einen Auszug gibt es meist erst nach der Hochzeit). Später am Abend fahren dann keine Busse mehr in die Vororte, und Taxis sind zu teuer für die meisten. Hatte sich das Goetheinstitut verkalkuliert? Und überhaupt, wie würde das ankommen, ein Rockkonzert in Tadschikistan, in diesem schwarzen Loch zwischen den Kulturen, immer noch dezivilisiert vom Bürgerkrieg und mit Hörgewohnheiten, die bei Westlern nahezu körperliche Schmerzen verursachen?

Der große Saal des Kinotheaters Kochi Dschomi war nahezu bis auf den letzten Platz belegt. Unmöglich zu sagen, ob es nun mehr Schüler oder Studenten waren; jung, sehr jung waren sie auf jeden Fall alle, und sehr aufgeregt. Schon lange vor Beginn des Konzerts waren alle Blicke konzentriert auf die Bühne gerichtet. Wir, die wenigen konzerterfahrenen Ausländer, machten uns weiterhin ein wenig Sorgen um den Ablauf: Es gab nur Sitzplätze, und außerdem weder Alkohol noch Zigaretten – kann ein Rockkonzert so überhaupt funktionieren? Und dann standen da auch noch zwei Milizionäre im Saal, die den ordnungsgemäßen Ablauf sicherstellen sollten. Der Direktor des Taschkenter Goetheinstituts kündigte die Band an, und es ging los. Verhalten war die Lautstärke, und musikalisch hatten sie den Blues auch nicht gerade neu erfunden; eine Kopie von Franz Ferdinand mit deutschen Texten. Alle Tadschiken im Saal – etwa 800 werden es gewesen sein – begannen jedoch sofort frenetisch zu jubeln, zu brüllen und zu klatschen. Mädchen kreischten kollektiv, als stünden da gerade Tokyo Hotel auf der Bühne (oder meinetwegen auch die Beatles). Die Jungs aus Deutschland konnten außerdem damit punkten, dass sie einige Ansagen brav auf Tadschikisch gelernt hatten. Es dauerte dann auch kaum länger als zwei Songs, bis sich nahezu das ganze Publikum erhoben hatte und wüst zu tanzen und zu springen begann, als seien es die ersten Tage von The Clash oder Rage against the Machine. Jungs wie Mädchen entbaten mit Zeigefinger und kleinem Finger der Band satanische Grüße. Eine kleine, aber beeindruckende Gruppe von Langhaarigen und Schwarzgekleideten (nie zuvor hatte ich hier solche Menschen gesehen oder erwartet) begannen einen zünftigen Pogo und ließen wild ihre Köpfe kreisen – eine Verhaltensweise, die die beiden Milizionäre dermaßen irritierte, dass sie die Headbanger nach kurzer Zeit aus dem Saal schmissen. Mit der großen Masse der Besucher, deren Benehmen nun auch mehr und mehr aus den Fugen geriet, konnte ihnen das allerdings nicht gelingen. Verloren und fast verängstigt wirkten die beiden Männchen mit ihren grünen Uniformen und viel zu großen Hüten, wie sie so durch die Reihen streiften und mal hier, mal da versuchten, die außer Kontrolle geratenen Tänzer dazu zu bewegen, sich wieder hinzusetzen.

Nach dem Konzert blieben viele Besucher noch lange vor dem Eingang stehen – weil es sonst nichts mehr zu tun gab an diesem Montagabend, weil sie nicht nach Hause wollten und weil man darüber sprechen musste, was man gerade erlebt und gemacht hatte. Alle meine Studenten waren da, ja sogar der gesamte Lehrstuhl meiner Uni, Dozenten jeden Alters waren gekommen. Die Studenten fragten mich, wann „Fotos“ wieder nach Duschanbe kommen würden – denn wiederkommen würde sie doch ganz bestimmt? Man sah etwas Neues, ganz anderes in den Gesichtern. Viele lächelten, bei anderen bemerkte man einfach nur einen seltsam strahlenden Blick.

Bei dem anschließenden Empfang traten auch ältere traditionelle Musiker an die Band heran, die das Konzert offenbar mit Begeisterung gesehen hatten. Sie wirkten ziemlich schüchtern, ihre Freude über das Zusammentreffen mit diesen jungen Kollegen aus einer ganz anderen künstlerischen Welt erschien sehr ehrlich. Der Soundtechniker der Band erklärte mir, nach den Konzerten in Usbekistan (und nach einer Tournee in China, wo sie ebenfalls fürs Goetheinstitut aufgetreten waren), auf denen die Euphorie sich in Grenzen gehalten habe, sei in Duschanbe die Stimmung eindeutig am besten gewesen. Der Hunger nach Neuem und Anderem könnte jedenfalls kaum irgendwo größer sein als hier, wo doch das ganze Land passiv in seiner durch Armut und Korruption verursachten Paralyse zu verharren scheint. Ich werde nun auf jeden Fall zusehen, dass ich meine Studenten mit weiterer adrenalinfördernder Musik versorge. Let There Be Rock.

Mittwoch, 24. September 2008

Was ist Aufklärung?

Was ist das für ein Lachen? Heute war ich, nach längerer Wartezeit, endlich zu einer kurzen Vorstellung beim Rektor meiner Universität vorgeladen. Das geschah aus dem einzigen Grund, weil er persönlich noch meine Arbeitserlaubnis für die Pädagogische Universität unterschreiben musste (was mir einen monatlichen Verdienst von circa 70 Somoni sichern wird, das entspricht etwa 14 Euro; dazu kommt mein DAAD-Stipendium). Im Vorraum des Büros wartete ich kurze Zeit, bis Herr Saidov schließlich hinauskam und mir etwa zwei Minuten seiner Zeit widmete.

Er musterte mich einmal schnell von oben bis unten und ließ dann mit dröhnendem Organ in einem rasanten Russisch, in dem alle Sprechpausen getilgt schienen, folgendes verlauten: Die Vorbildfunktion des Hochschullehrers erfordere zu jeder Zeit ein tadelloses Äußeres; darum sei es wichtig, jeden Tag sein Schuhe zu putzen, Kreideflecken auf der Hose seien unmöglich; Bärte seien in Koranschulen Pflicht, und genau deswegen an der Staatlichen Pädagogischen Universität verboten; die Frisur müsse stets ordentlich sein. Abschließend zog er mir noch meine – zugegebenermaßen nicht besonders sauber gebundene – Krawatte ein ganzes Stück fester. Er selbst lachte während seiner kurzen Ansprache ununterbrochen, was wiederum von seinen Sekretärinnen und umstehenden Mitarbeitern jedes Mal mit einem Lachen beantwortet wurde. Trotz des scheinbar humoristischen Charakters der Situation zweifelte ich keinen Moment daran, dass dies kein Ratschlag, sondern eine Anweisung gewesen war. Die Pädagogische Universität ist berühmt-berüchtigt für ihre aus Sowjetzeiten überkommene Kleider- und Hygieneordnung, und so werde ich mich wohl vor dem nächsten Arbeitstag in der Uni schweren Herzens von meinem seit Jugendzeiten kultivierten Ziegenbärtchen trennen.

In sonderbarem Kontrast zu dieser hochnotpeinlichen Ordnung steht der Zustand der Toiletten auf dem Gelände der Universität, die sicher im Laufe des Tages jeder Student und Dozent aufsuchen muss: Sie können es selbst mit dem finstersten chinesischen Plumpsklo aufnehmen. Die Räumlichkeiten scheinen eine Art blinder Fleck des akademischen Betriebs zu sein. Es heißt ja, der deutlichste Indikator für den Grad des Fortschritts eines Landes sei der Zustand seiner Gefängnisse; da dies sich für Außenstehende nicht immer überprüfen lässt, würde ich vorschlagen, alternativ den Zustand der Toiletten zu Rate zu ziehen.

Auch am vergangenen Wochenende gab sich die vielköpfige Expat-Gemeinde Duschanbes wieder ein Stelldichein auf einer Party. Dieses Mal hatte uns einen Tag zuvor ein iranischer Kanadier darauf hingewiesen: Es gebe am Samstag eine Toga-Party in einer WG, bring your own beer. Alles und nichts erwartend, steckten wir Bettlaken und ein paar Flaschen Bier ein und machten uns auf den Weg. Im fünften Stock eines Mietshauses feierte eine Kanadierin ihren Geburtstag. Schon vor dem Eingang des Gebäudes empfingen uns betrunkene halbnackte Kanadier, die mehr oder weniger ästhetisch in Tischtücher gewickelt und mit Lorbeerkränzen gekrönt waren. Ich fragte mich sofort, welch einen Eindruck dies auf den Durschnittstadschiken von der Straße machen könnte; aber es gibt so viel für sie Seltsames, was wir tun, da spielt so etwas auch kaum mehr eine Rolle. Die Wohnung war vom Holzfußboden bis zur Decke komplett weiß gestrichen, was zu einer interessanten farblichen Einheit mit den weißen „Togen“ der Partygäste führte. Zwischendurch gab es eine halbe Stunde lang Stromausfall – das häuft sich in den letzten Tagen, ein Anzeichen dafür, dass der Herbst vor der Tür steht (es sind draußen auch nur noch 29 Grad). Später klingelte es einmal, und vor der Tür stand ein tadschikischer Polizist. Für einen kurzen Moment verfiel ich in einen schockartigen Zustand, ich wollte nur ungern doch noch etwas über den Zustand tadschikischer Gefängnisse herausfinden. Dann stellte sich aber heraus, dass es nur ein tadschikischer Bekannter der Gastgeberin war, der sich einen Scherz erlaubte. Spät in der Nacht stand ein hellhäutiger Tadschike nachdenklich an einem Fenster und rauchte. Während er dort so in seinem pseudogriechischen Gewand lehnte, schien er auf einmal einer Büste Alexanders des Großen zu gleichen, nachdenklich und doch gleichzeitig voll übermenschlicher Bestimmtheit. Vielleicht hatte ich tatsächlich einen Nachfahren einer gräko-baktrischen Kultur vor mir.

Zu der Frage „Wo bin ich hier?“ gesellt sich mittlerweile eine zweite hinzu: Was mache ich hier eigentlich? Und wozu? In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile bei der Aufklärung angelangt, wo ich naturgemäß einige Zeit verweilen werde; zumal ich, ohne allzu kulturimperialistisch erscheinen zu wollen, einfach mal in den Raum werfe, dass Tadschikistan einen guten Schuss aufklärerischen Gedankenguts durchaus gebrauchen kann. Furchtlos näherten wir uns also Kants Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und gingen von da aus noch ein ganzes Stück weiter.

Noch am gleichen Tag erzählte mir Andre neue Details über den letzten Winter: Ganze Dörfer sind erfroren und verhungert, auch deswegen, weil die Regierung ausländische Nothilfeprogramme kategorisch ausgesperrt hat – ein Verhalten, das man ja bereits von der burmesischen Militärjunta kennt. Dies hat denn auch zu einigen verzweifelten Protesten im ländlichen Raum geführt, die, wie nicht anders zu erwarten, von der Regierung äußerst brutal beendet wurden. Das wiederum brachte die ehemaligen Kommandanten aus Bürgerkriegszeiten dazu, wieder einmal die Kalaschnikovs und Panzerfäuste zu ölen beziehungsweise sich neue aus Afghanistan zu bestellen. Der Präsident stand kurz vor einem Gegenschlag; auch drohte er damit, die Pamiris wüssten ja, welche mächtigen Freunde er habe – womit eindeutig Russland gemeint war (es sei dahingestellt, wie weit Russlands neue Großmachtgelüste im Moment wirklich reichen). Warum dennoch kein Krieg ausgebrochen ist, ist mir nicht ganz klar. Grundsätzlich besteht wohl zwischen der Regierung und den Kommandanten eine Art Stillhalteabkommen, das darauf basiert, dass die beiden sich die Einnahmen aus dem Opium- und Heroinhandel teilen.

Angesichts dieser Gesamtsituation stellt sich natürlich schon die Frage, welchen Sinn eigentlich unsere Arbeit hier hat. Der kategorische Imperativ Tadschikistans scheint eher zu lauten „Schlag zu und hau ab!“. Einer gewissen Anzahl an Studenten können wir es jedes Jahr ermöglichen, das Land für einige Zeit zu verlassen und frisches Know-How zu erwerben, aber was werden sie damit machen können, wenn sie zurückkommen?

Im Moment lese ich den Roman „Churramabod, Stadt der Freude“ des russisch-tadschikischen Autors Andrej Wolos, ein Kessel Buntes voller episodenhafter Erzählungen über das Zusammenleben von Russen und Tadschiken in einer fiktiven tadschikischen Stadt, in einer undefinierbaren Zeit zwischen 1920 und 1990. Darin taucht ein unwahrscheinlicher oder zumindest ungewöhnlicher Charakter auf, ein Russe, der zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts für einige Monate nach Churramabod gehen soll. Seine Stelle wird nicht verlängert, und so bleibt er schließlich in dieser fremden Stadt in einer völlig fremden Kultur hängen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als in dieser Kultur endlich voll und ganz anzukommen, islamisiert oder persifiziert seinen eigenen Namen, arbeitet auf dem Basar bei einem Lebensmittelhändler und hat nach einigen Jahren nur noch tadschikische Freunde. Als plötzlich zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb der „tadschikischen“ Bevölkerung (was ist das eigentlich?) blutige Konflikte ausbrechen, sieht er sich in einer gefährlichen nächtlichen Straßenszene gezwungen, über seine eigene Identität Auskunft zu geben, indem er als eine Art Codewort ein tadschikisches Sprichwort vervollständigen soll. Er meistert das Sprichwort bravourös, seine Aussprache ist nicht vom tadschikischen „Original“ zu unterscheiden – und sofort wird er von seinem Gegenüber erstochen. Er hat sich damit als jemand von genau der falschen Front erwiesen, als Erzfeind der anderen.
Versteht man irgendwann, wie das Spiel hier läuft? Nach einem Jahr? Nach vier Jahren, nach einem halben Leben? Ich gebe mich im Moment nicht der Illusion hin, hier irgendwann einmal „wirklich dazuzugehören“, so sympathisch mir die Menschen auch sind. Ich wohne seit letztem Samstag in meiner eigenen Wohnung, mit zwei Zimmern und größer als alle anderen, die ich jemals hatte. Sie ist ruhig, die Fenster zur Straße sind leicht abgedunkelt, es gibt deutsches Satellitenfernsehen und ich kann meine eigene Musik hören. Erst wenn ich die Wohnung verlasse, ist plötzlich alles anders.

Von einem echten Alltagsleben bin ich noch weit entfernt, dafür passieren ständig zu viele neue Dinge. Ich habe nun auch endlich wieder angefangen Russisch zu lernen, bei einer privaten Russischlehrerin (ich fühle mich doch noch allzu oft verloren mit meinen Basiskenntnissen, daran muss ich nun arbeiten). Die deutsche Studentengruppe ist angekommen, und morgen gibt es dann endlich auch ein Zusammentreffen mit meinen begegnungshungrigen tadschikischen Studenten. Ein wenig Sorgen macht mir deren Konkurrenzdenken bei den Bewerbungen um die Stipendien, deren Bewerbungsfristen zum Teil schon in einer Woche ablaufen: Am liebsten würde jeder von ihnen mich ganz alleine als persönlichen Bewerbungscoach haben (was bei vielen auch durchaus notwendig wäre – ihre Kenntnis von Dingen wie Lebenslauf, Motivationsschreiben und Online-Formular hält sich sehr in Grenzen). Einer von ihnen gestand mir heute seine große Angst ein, seinen „Gegnern“, also den Kommilitonen in seinem Seminar, zu unterliegen; ich solle die Bewerbungstipps doch bitte nicht im Seminar thematisieren, sondern nur denjenigen geben, die mich persönlich danach fragen. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Existenzdruck, der auf den Jungen und Mädchen an der Uni hier lastet.

Am Sonntag fliege ich nach Khudjand zur Bildungsmesse und werde wohl am Dienstag mit der Marschrutka nach Duschanbe zurückfahren – eine Fahrt, die dieses Mal etwa zwölf Stunden dauern wird, da der Tunnel durch die Fan-Berge, den die Chinesen gebaut haben, im Moment blockiert ist. Es gibt also sicher bald wieder etwas zu berichten. Anbei nur ein kleines Bildchen von unserem letzten Ausflug in die Berge. Ich bin ein bisschen fotofaul, muss ich zugeben, was auch mit meiner derzeitigen Ausruestung zu tun hat: Ich mache zahlreiche Dia-Bilder, aber die werde ich halt fruehestens Weihnachten zu Gesicht bekommen.



Sonntag, 14. September 2008

Der Krieger erwacht



Wo bin ich hier eigentlich? Das wird sich der geneigte Leser hin und wieder fragen, aber auch ich selbst frage mich das nach wie vor. Anstatt längerer Erzählungen breite ich dieses Mal lieber ein buntes Kaleidoskop von Beobachtungen aus, vielleicht entsteht dadurch ein etwas anderes Bild.

Die Party des Jahres, zumindest die ungewöhnlichste, fand gestern Abend statt. Garth, ein Amerikaner, arbeitet hier für Relief International, eine Organisation, die versucht, hier ein Projekt ähnlich wie „Schulen ans Netz“ zu etablieren, vor allem im ländlichen Raum, in Dorfschulen, und zwar speziell zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs. Dieser Garth nun scheint wirklich schon ein alter Hase der Expat-Szene zu sein. Es gibt hier, etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt, einen Kletterfelsen, der seit Sowjetzeiten benutzt wird, und es hat sich seit einiger Zeit eine kleine Klettergruppe aus Expats und einigen Russen und Tadschiken etabliert, die den Ort auch weiterhin nutzen. Garth ist nun auf die Idee gekommen, die kürzer werdenden Tage weiterhin zu nutzen, indem er nach Einbruch der Dunkelheit den Kletterfelsen anleuchtet; das wollte er bewerkstelligen, indem er einen Dieselgenerator mitbringt, an den er eine lange Kette von Glühbirnen koppelt, die dann am Fels angebracht werden sollten. Zur ersten Erprobung dieser Idee lud er zu einer kleinen Party und hatte außer dem Generator auch körbeweise Feuerholz, einen Schaschlikgrill, Zelte und jede Menge eisgekühltes Baltika-Bier mitgebracht.

Nach einer gewissen Vorbereitungszeit erglühte die Lichterkette dann tatsächlich, und der Kletterfels wurde angeleuchtet wie ein überdimensionaler Weihnachtsbaum. Die geladene Menge aus Russen, Tadschiken, Franzosen, Deutschen, Schweizern, Afghanen, Engländern und Amerikanern applaudierte, und bald begannen die ersten sich auf die Felswand zu wagen, die Russen nahezu ungesichert, dafür mit Helmen, die ihnen bei einem Fall aus 20 Metern Höhe allerdings auch kaum geholfen hätten.. Ich hielt mich weise zurück, es schien mir nicht angebracht, meine ersten Klettererfahrungen im Halbdunkeln und angefeuert von alkoholisierten Partygästen zu machen. Kurz nach Beginn der Kletterparty traf unerwartet eine Familie auf dem felsig-staubigen Gelände ein, die ich sofort freudig erkannte: Judith und Dominik, die ich aus dem Oscar-Romero-Haus in Bonn kenne, kamen gerade mit ihren zwei Kindern und einer deutschen Freundin von einer zehntägigen Trekkingtour in den Fan-Bergen zurück. Der Situation entsprechend waren die beiden Kleinen ziemlich quengelig und aufgekratzt, Dominik unterließ es dennoch nicht, zumindest eine Zeit lang den DJ zu spielen. So erschallte dann zwischen russischen und amerikanischen Songs auf einmal „Der Krieger erwacht“ der Fantastischen Vier durchs mondhelle Tal des Varzob.

Der Unabhängigkeitstag ein paar Tage zuvor, am 9. September war weniger spektakulär als gedacht. Um acht Uhr morgens hörte man von irgendwoher eine Ansprache und laute Musik, weiter geschah allerdings kaum etwas an diesem Tag, außer dass tadschikische Familien sich im Park neben dem neuen Präsidentenpalast tummelten. Vor der Statue von Somoni wurden David und ich unversehens von zwei Polizisten angesprochen. Zunächst dachten wir, wir hätten uns irgendeines imaginären Vergehens schuldig gemacht, doch dann stellte sich heraus, dass sie uns schlichtweg anbettelten; das tadschikische Polizistengehalt sei so mies, sie hätten Familien zu ernähren, könnten wir ihnen nicht vielleicht ein bisschen...?

Abends sahen wir ein Tanztheaterstück einer tadschikischen Gruppe, die mit einer französischen Choreographin zusammengearbeitet hatten. Wir empfanden es, gemessen an unseren Erwartungen, als unerhört modern, politisch und sexuell aufgeladen. Männer- und Frauenleiber schlungen sich sekundenlang ineinander; Darsteller prügelten sich um eine Wasserflasche; einer, der einen Dichter oder Intellektuellen darstellte, las zunächst einen Text von Blättern ab, die er aber später, frustriert oder irritiert von ihrem Inhalt, einzeln zerknüllte und begann, eine Frau damit zu steinigen; Männer begannen, Frauen in Kopftücher einzuhüllen, die dies freudig über sich ergehen ließen – ein deutlicher Hinweis auf die schleichende Re-Islamisierung des Landes (auch heute sieht man nur wenige Frauen mit Kopftuch auf den Straßen, aber noch vor zwei oder drei Jahren war dies wohl noch völlig unüblich). Vieles war uneindeutig, eine Herausforderung für die westlichen Zuschauer, aber noch mehr vielleicht für viele Tadschiken, für die avantgardistische kulturelle Entwicklungen des 20. Jahrhunderts oftmals absolutes Neuland sind.

Vieles ist hier nicht so, wie es scheint, sagt Sonja. Die Menschen scheinen alle entspannt zu sein, im Sommer gibt es fast alles zu kaufen, was man sich wünschen kann, in Bars und Restaurants wird Alkohol ausgeschenkt (zum Beispiel im einzigen Irish Pub Tadschikistans, in dem jedes Wochenende die einzige tadschikische Bluesband „Wonderful Tonight“ von Eric Clapton spielt). Nur ganz nebenbei bemerkt man, dass die ganze Stadt voll ist mit Polizisten, rund um die Uhr und vor allem in der Nähe des Präsidentenpalastes; genauso an den Eingangstoren der Stadt, wo jedes Fahrzeug angehalten wird und die Personalien der Fahrer überprüft werden. Präsident Rachmon oder die Regierung – was aufs gleiche hinausläuft – scheinen irgendwie nervös zu sein. Und das hat natürlich, wie Sonja erzählt, mit der anderen, der östlichen Hälfte des Landes zu tun, mit der autonomen Region Gorno-Badakshan, wo die Warlords aus Bürgerkriegszeiten weiter ihr Volk oder ihre Völker unangefochten regieren und großen Wert darauf legen, dass ihre Autonomie nicht nur auf dem Papier existiert. Während des schon öfter erwähnten letzten katastrophalen Winters gab es Anschläge in Duschanbe, und für einige Zeit war die Stimmung in der Stadt extrem angespannt und aggressiv, Gerüchte über die Evakuierung aller Ausländer machten die Runde, und hin und wieder hörte man nachts in den Straßen etwas, das wie Schüsse klang. Dann wurde es wieder wärmer, und mit den Minustemperaturen verschwanden auch die Gerüchte über ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs.

Dessen ungeachtet scheint das asiatische Ausland Tadschikistan als guten Ort für Konferenzen anzusehen. Als ich angekommen bin, fand ja gerade noch die Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) statt (auf der Russland von China einen kleinen Rüffel wegen der Unterstützung separatistischer Minderheiten erhielt), mit einem unfassbar massiven Aufgebot an Diplomaten, Beratern, Wirtschaftsleuten und sonstigem Personal, das die Kapazitäten Duschanbes vollkommen gesprengt haben muss. So habe ich denn dann auch gehört, dass die zahllosen Angehörigen der russischen Delegation im nagelneuen Hyatt Hotel untergebracht werden sollten, der neuen ersten Adresse vor Ort. Das Problem bestand allerdings darin, dass das Hotel eigentlich erst im Februar 2009 eröffnet werden soll, und demzufolge war noch kein einziges Zimmer mit Möbeln ausgestattet – ein Problem, das den Veranstaltern aber erst drei Tage vor Beginn der Konferenz auffiel. Fieberhaft suchte man nach irgendeiner Lösung, um es sich mit den Russen nicht zu verscherzen, und verfiel schließlich darauf, über Ikea in Russland temporäres Mobiliar für die gebuchten Suiten des Luxushotels zu bestellen, eine gigantische Expresslieferung, die innerhalb zwei Tagen stattfand; ein Heer von Mitarbeitern muss Tag und Nacht damit beschäftigt gewesen sein, all die Billys und Lacks aufzubauen. Jetzt, nach der Konferenz werden die Möbel natürlich nicht mehr benötigt und billig wieder verscherbelt. Demnächst, wenn ich umziehe, werde ich wohl einen Schreibtisch benötigen; vielleicht frage ich mal beim Hyatt nach.

Bei mir selbst gibt es auch ein paar Neuigkeiten: Ich unterrichte ab jetzt statt vier zwölf Wochenstunden an der Uni. Die Hörer meiner Literaturvorlesung bestehen aus vier Gruppen (gestaffelt nach Deutschkenntnissen), für die ich dann jeweils einzeln auch noch ein Seminar anbiete. Ich bin mittlerweile bei der Lyrik des 30jährigen Krieges angelangt, was hier auch ganz interessant werden könnte, angesichts der Bürgerkriegsvergangenheit des Landes (auch wenn keiner meiner Studenten diese Zeit bewusst miterlebt haben dürfte). Dann werde ich auch noch, wohl im Wechsel mit David, einen Oberstufenkurs Deutsch im Kulturzentrum Bactria unterrichten, für Leute, die schon sehr gut sind, aber einfach einen großen Konversationsbedarf haben. Dann gibt es noch einen Tadschikisch-Intensiv-Kurs für deutsche Studenten, der ab morgen an meiner Uni stattfindet und geradezu nach einem „Come Together“ mit meinen Studenten schreit. Und in zwei Wochen werden wir wohl für ein paar Tage nach Khudjand im Norden des Landes fahren oder fliegen, da dort eine kleine Bildungsmesse stattfindet, auf der auch der DAAD einen Stand hat (ich würde eigentlich ganz gerne fahren, auch wenn eine Fahrt ungefähr acht Stunden dauert; es ist auf jeden Fall möglich, seit die Chinesen eine neue fantastische Straße ins Gebirge gehauen oder gesprengt haben. Die chinesischen Straßenbauarbeiter, die angeblich Sträflinge sind, haben wir schon desöfteren gesehen). Ab nächsten Mittwoch werde ich privaten Russisch-Unterricht nehmen, damit es da auch endlich mal weitergeht. Und irgendwann muss ich dann auch wirklich mal umziehen, auch wenn David mich immer noch mit sehr viel Gleichmut erträgt.
Anbei noch ein Bild vom wunderschönen traditionellen Teehaus Rochat, in dem man unbedingt Schaschliki gegessen haben muss.

Montag, 8. September 2008

Annäherungsversuche

Als David und ich uns gestern um sechs Uhr dreißig auf den Weg machten, um unsere Studenten zu treffen, überlegten wir, was das wohl für ein Ausflug sein könnte, zu dem sie uns eingeladen hatten. Wir vermuteten, dass wir ein bisschen am Fluss, dem Varzob entlangspazieren und dann irgendwo Tee trinken würden. Wir sollten uns gründlich getäuscht haben.

Sowohl von Davids Uni (der Slawischen Universität) wie auch aus meiner Vorlesung (an der Pädagogischen Universität) kamen ein paar Studenten – ein kleines Experiment der Begegnung, denn in den Bewerbungen um Stipendienplätze stehen die Angehörigen beider Unis in Konkurrenz zueinander, und meine Jungs hatten sich bereits einmal darüber beschwert, dass die von der Slawischen immer die meisten Plätze abbekommen. Wir waren pünktlich um sieben Uhr morgen zur Stelle, am Varzob-Markt im Norden der Stadt, wo die Marschrutkas (Minibusse) in die nördlichen Berge und nach Khudjand abfahren. Sowohl Davids als auch meine Studenten waren allerdings erst etwa eine halbe Stunde später da; wenn man es weiß, kann man die „tadschikische halbe Stunde“ eigentlich ganz gut einplanen. Nach einer etwa einstündigen Diskussion mit Busfahrern über die besten Preise ging es dann los, wir stiegen in zwei Marschrutkas und fuhren schon nach ein paar Minuten aus der Stadt hinaus und ins felsige Tal des Varzob.

Nach 20 Kilometern verließen wir die Straße und erreichten ein kleines Dörfchen, von dem aus ein recht breiter Pfad in die Berge begann. Offenbar ließen wir uns doch auf eine richtige Wanderung ein, wenn auch die ganze Zeit über nicht zu erfahren war, was uns erwartete; und mit ihren Turnschühchen und Plastiktüten mit Verpflegung erschienen die anderen auch nicht wirklich gut gerüstet.

Doch tatsächlich führte der Weg immer weiter und höher in die fast kahlen, stark zerklüfteten Berge hinein. Ein kleiner Zufluss des Varzob brauste tief unter uns durch eine Schlucht. Bis auf zwei ältere Beerensammlerinnen aus der Stadt begegneten wir niemandem. Zwischendurch stiegen wir in eine enge Klamm, um einen Wasserfall zu besichtigen. Die Studenten waren eifrig und auch etwas angestrengt bestrebt, uns in Gespräche über Deutschland zu verwickeln. Besonders meine drei etwas spätpubertären Studierenden drängten sicher gerne ein wenig in den Vordergrund, sicher auch, um vor den anderen von der Slawischen eine gute Figur zu machen. Eine Zeitlang war deutsche Musik ein ausfüllendes Thema, und wir erfuhren, dass Rammstein oder auch der allseits beliebte Song „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ auch hier gut ankommen (auch bei Hörern, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind). Ein anderes wichtiges Thema waren, wie ich vorher schon vermutet hatte, deutsche Autos, deren Preise und Qualität, ein Thema, das mich allerdings nach einiger Zeit ermüdete. Die Exkursionsteilnehmer von „der Slawischen“, größtenteils junge Mädchen, hielten sich weiterhin meist zurück.

Nach einigen Stunden erreichten wir, verschwitzt und eingestaubt, eine Stelle am Fluss, wo es im Schatten einiger dürrer Bäumchen eine ebene Fläche gab, und schlugen dort unser Lager auf, um ein Picknick abzuhalten. Nun erwies sich, was alles in den Plastiktüten gesteckt hatte: Berge von Obst, Gemüse und Brot türmten sich auf dem Zeitungspapier, das als Picknickdecke herhielt. Ein russischer Begleiter der Studenten von „der Slawischen“, der offenbar ihr Sportlehrer war, holte sogar zwei kleine Fläschchen mit tadschikischem Wein hervor, dessen Existenz mir vorher nicht bekannt war (und der mit „Dessertwein“ noch recht euphemistisch beschrieben wird). Merkwürdigerweise zogen sich meine drei Jungs von „der Pädagogischen“ in ihr eigenes Lager zurück und wollten sich auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht zur Tafel der anderen dazugesellen. Sie erklärten das damit, dass sie nicht eingeladen worden seien. Nach kurzer Zeit legten sie sich nieder und dösten weg. Schon sahen wir einen Schatten über unserem akademischen Begegnungsprojekt, wollten uns aber auch nicht weiter darum kümmern.

Der Sportlehrer und sein Begleiter verzogen sich zu einem natürlichen Swimmingpool, den der Fluss hier bildete, und planschten in den eisigen Fluten. David und ich dagegen zeigten das typische Verhalten von Deutschen im Gebirge und konnten es nicht lassen, einen kleinen nahegelegenen Gipfel zu erklimmen.

Bei unserer Rückkehr stellten wir zu unserer Freude fest, dass die von „der Pädagogischen“ und die von „der Slawischen“ begonnen hatten, miteinander Karten zu spielen. Tatsächlich saß sogar ein Student von meiner Uni etwas abseits der anderen zusammen mit einer Studentin der „verfeindeten“ Einrichtung, sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, und ich meine mich erinnern zu können, dass sie sich dabei ziemlich tief in die Augen sahen. Nach der Beendigung des Picknicks begannen die Studenten wie von selbst, den Müll in die leeren Plastiktüten zu räumen und nahmen ihn mit (ich vermute ganz stark, dass sie dies vor allem wegen unserer Anwesenheit taten – die Westler schleppen eben gerne ihren Müll durch die Gegend und werden ärgerlich, wenn man es selber nicht tut). Im frühen Abendsonnenschein stiegen wir wieder ins Tal hinunter, der Student von der Pädagogischen und die Studentin von der Slawischen hielten zwischendurch Händchen.

Ansonsten gibt es nicht viel Neues zu berichten. Ich habe noch immer keine Wohnung, aber immerhin eine Aussicht darauf, wahlweise eine in der Nähe von Davids Wohnung (mit einem russischen Supermarkt nebenan, der die ganze Woche bis 23 Uhr geöffnet ist), oder in einer WG . Randnotizen wären noch, dass es in der letzten Woche hier bereits zwei Erdbeben gegeben hat (ich habe aber beide verschlafen). Heute morgen habe ich mitten in der Innenstadt einen alten weißbärtigen Mann gesehen, der einen mittelgroßen Bären an einer Leine führte. Laut Kai ist das ein Tanzbär, der morgen wahrscheinlich zum Einsatz kommen wird; denn morgen ist der tadschikische Nationalfeiertag, an dem wohl in der ganzen Stadt Paraden und Tanzaufführungen stattfinden. Sollte ich den Bären nochmal erwischen, werde ich auf jeden Fall ein Foto einstellen.

Samstag, 6. September 2008

Mondlandung



„Die meisten Menschen wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über Tadschikistan“ – ein Satz aus meinem Reiseführer, der ja auf gewisse Weise impliziert, dass die Mondoberfläche und die kleine zentralasiatische Republik irgendetwas gemeinsam haben. Nach nicht ganz einer Woche in Duschanbe kann ich dazu noch nicht viel sagen, aber es ist hier eindeutig lebendiger als auf dem Mond.

Am Montagmorgen um drei Uhr Ortszeit – drei Stunden später als in Deutschland – bin ich am Flughafen angekommen, und während ich am Gepäckband wartete, bereute ich bald, dass ich das Gepäcklimit von Turkish Airlines nicht weiter ausgereizt hatte (30 Kilo sind offiziell erlaubt). Was da übers Band lief und was die tadschikischen Gastarbeiter, die aus Moskau zurückkehrten, hinunterhievten, stellte alles in den Schatten, was sonst in Passagiermaschinen transportiert wird: So brachte einer der Arbeiter unter anderem drei große Farbfernseher als Souvenir mit, die er mühsam auf einem Gepäckwagen balancierte. Andere Gepäckstücke waren nichts als unförmige Pakete von Menschengröße, die durch nichts als Panzerklebeband zusammengehalten wurden. Ich hätte also meine Trekkingsandalen ruhig noch einpacken können, nun vermisse ich sie, bei 35 Grad Hitze und Straßenverhältnissen, die das Tragen von schicken schwarzen Lederschuhen nicht immer begünstigen.

David, der hier einer ähnlichen Tätigkeit nachgeht wie ich, hat mich vom Flughafen abgeholt und erstmal bei sich einquartiert, bis ich selbst eine akzeptable (und vor allem winterfeste) Wohnung gefunden habe. Nach etwas mehr als 24 Stunden und nachdem ich in der ersten Nacht bereits die Bekanntschaft der halbwilden Hundebanden machen konnte, die um die Häuser streifen und ihr Revier verteidigen, stand mir am Dienstagmorgen auch schon die erste Lehrveranstaltung bevor.

Ich war einigermaßen darauf vorbereitet, ein Seminar zur deutschen Literaturgeschichte anzubieten, aber nicht auf die Gruppe von Studenten: Im brütend heißen Hörsaal der Staatlichen Pädagogischen Universität saßen etwa 50 Studenten, die sofort mucksmäuschenstill wurden und aufstanden, als ich den Raum betrat. Grinsend und erwartungsfroh blickten sie mich an, die Jungs eine uniformierte Menge mit weißen Hemden und schwarzen Schlipsen (wie ich auch), die jungen Frauen wiesen einige bunte modische Abweichungen auf. Einen Moment lang überlegte ich noch, ob es wirklich eine gute Idee von Kai gewesen war, mit mittelhochdeutscher Minnelyrik zu beginnen; dann aber legte ich einfach los und trug vor: „Du bist min, ich bin din...“

Überraschenderweise begeistern sich viele Studenten für Liebeslyrik und begannen sofort mit Inbrunst zu interpretieren. Viele Herren in den hinteren Reihen konnten allerdings wenig beziehungsweise nichts zu meinen Ausführungen sagen, sie werden mich auch kaum verstanden haben. Als ich in der zweiten Stunde dann „Unter der Linden“ von Walther von der Vogelweide intonierte, sangen die anderen jedoch nach kurzer Zeit bereits inbrünstig mit. Nun kann ich mich im Laufe des Semesters getrost bis zu Ernst Jandl oder auch PeterLicht durcharbeiten.

Mir ist schnell klar geworden, dass die meisten Studenten (deren Sprachkenntnisse es realistisch erscheinen lassen) nichts sehnlicher wollen als in Deutschland zu studieren – sehr verständlich angesichts der wirtschaftlichen Lage ihres Landes. Sie dabei zu unterstützen wird ja meine zweite Hauptaufgabe hier sein, im Informationszentrum des DAAD werde ich Stipendienberatungen machen; zum Teil auch auf Russisch, was mehr als abenteuerlich zu werden verspricht.

Die Sehenswürdigkeiten der Stadt, von denen es gar nicht wenige gibt, habe ich mir bis jetzt kaum angesehen; ich bin noch zu sehr damit beschäftigt, mich diversen Leuten der deutschen und internationalen Community vorzustellen, Adressen von Supermärkten zu finden (mangels Straßennamen und Hausnummern oft schwierig) und natürlich eine Wohnung zu suchen. Wir hören immer von neuem Horrorgeschichten über den letzten Winter und sind zu dem Schluss gekommen, dass das einzige, was eine Wohnung hier einigermaßen winterfest macht, ein Ofen für Holz oder Öl ist; wenn die Versorgung mit Gas, Strom und Wasser komplett zusammenbricht, scheint das der einzige Weg zu sein. Man wird sehen; man ist ja nicht aus Zucker, und auch den letzten Winter haben noch alle überlebt (zumindest alle Ausländer). Einstweilen genieße ich das „spätsommerliche“ knallheiße Wetter. Morgen werden David und ich einen Ausflug in die Berge machen, zusammen mit einer kleinen Gruppe unserer Studenten, ins Varzob-Tal.

Ab jetzt wird es hoffentlich regelmäßige Einträge geben, wenn ich Zeit habe und das WLAN im Café La Grande Dame auch weiterhin gut funktioniert. Und dann gibt es bald auch Fotos.

Ach ja: Das Titelbild des Blogs zeigt die Statue von Somoni (849-907), dem Begründer der Samanidendynastie, der von den Tadschiken außerdem auch als Begründer ihrer Nation angesehen wird. In Fachkreisen gibt es dazu unterschiedliche Ansichten, wie bei so vielen historischen und politischen Themen in dieser Region.

Montag, 25. August 2008

Der Reiseonkel ist bald wieder unterwegs!

Am 31. August fliegt Reiseonkel Tim nach Zentralasien, um die lokale Bevölkerung in der deutschen Sprache zu unterweisen und Ihnen die Vorteile eines Studiums in seiner Heimat schmackhaft zu machen. Er ist schon ganz aufgeregt und freut sich über viel Post und Aufmunterungsversuche von seinen Freunden.