Mittwoch, 24. September 2008

Was ist Aufklärung?

Was ist das für ein Lachen? Heute war ich, nach längerer Wartezeit, endlich zu einer kurzen Vorstellung beim Rektor meiner Universität vorgeladen. Das geschah aus dem einzigen Grund, weil er persönlich noch meine Arbeitserlaubnis für die Pädagogische Universität unterschreiben musste (was mir einen monatlichen Verdienst von circa 70 Somoni sichern wird, das entspricht etwa 14 Euro; dazu kommt mein DAAD-Stipendium). Im Vorraum des Büros wartete ich kurze Zeit, bis Herr Saidov schließlich hinauskam und mir etwa zwei Minuten seiner Zeit widmete.

Er musterte mich einmal schnell von oben bis unten und ließ dann mit dröhnendem Organ in einem rasanten Russisch, in dem alle Sprechpausen getilgt schienen, folgendes verlauten: Die Vorbildfunktion des Hochschullehrers erfordere zu jeder Zeit ein tadelloses Äußeres; darum sei es wichtig, jeden Tag sein Schuhe zu putzen, Kreideflecken auf der Hose seien unmöglich; Bärte seien in Koranschulen Pflicht, und genau deswegen an der Staatlichen Pädagogischen Universität verboten; die Frisur müsse stets ordentlich sein. Abschließend zog er mir noch meine – zugegebenermaßen nicht besonders sauber gebundene – Krawatte ein ganzes Stück fester. Er selbst lachte während seiner kurzen Ansprache ununterbrochen, was wiederum von seinen Sekretärinnen und umstehenden Mitarbeitern jedes Mal mit einem Lachen beantwortet wurde. Trotz des scheinbar humoristischen Charakters der Situation zweifelte ich keinen Moment daran, dass dies kein Ratschlag, sondern eine Anweisung gewesen war. Die Pädagogische Universität ist berühmt-berüchtigt für ihre aus Sowjetzeiten überkommene Kleider- und Hygieneordnung, und so werde ich mich wohl vor dem nächsten Arbeitstag in der Uni schweren Herzens von meinem seit Jugendzeiten kultivierten Ziegenbärtchen trennen.

In sonderbarem Kontrast zu dieser hochnotpeinlichen Ordnung steht der Zustand der Toiletten auf dem Gelände der Universität, die sicher im Laufe des Tages jeder Student und Dozent aufsuchen muss: Sie können es selbst mit dem finstersten chinesischen Plumpsklo aufnehmen. Die Räumlichkeiten scheinen eine Art blinder Fleck des akademischen Betriebs zu sein. Es heißt ja, der deutlichste Indikator für den Grad des Fortschritts eines Landes sei der Zustand seiner Gefängnisse; da dies sich für Außenstehende nicht immer überprüfen lässt, würde ich vorschlagen, alternativ den Zustand der Toiletten zu Rate zu ziehen.

Auch am vergangenen Wochenende gab sich die vielköpfige Expat-Gemeinde Duschanbes wieder ein Stelldichein auf einer Party. Dieses Mal hatte uns einen Tag zuvor ein iranischer Kanadier darauf hingewiesen: Es gebe am Samstag eine Toga-Party in einer WG, bring your own beer. Alles und nichts erwartend, steckten wir Bettlaken und ein paar Flaschen Bier ein und machten uns auf den Weg. Im fünften Stock eines Mietshauses feierte eine Kanadierin ihren Geburtstag. Schon vor dem Eingang des Gebäudes empfingen uns betrunkene halbnackte Kanadier, die mehr oder weniger ästhetisch in Tischtücher gewickelt und mit Lorbeerkränzen gekrönt waren. Ich fragte mich sofort, welch einen Eindruck dies auf den Durschnittstadschiken von der Straße machen könnte; aber es gibt so viel für sie Seltsames, was wir tun, da spielt so etwas auch kaum mehr eine Rolle. Die Wohnung war vom Holzfußboden bis zur Decke komplett weiß gestrichen, was zu einer interessanten farblichen Einheit mit den weißen „Togen“ der Partygäste führte. Zwischendurch gab es eine halbe Stunde lang Stromausfall – das häuft sich in den letzten Tagen, ein Anzeichen dafür, dass der Herbst vor der Tür steht (es sind draußen auch nur noch 29 Grad). Später klingelte es einmal, und vor der Tür stand ein tadschikischer Polizist. Für einen kurzen Moment verfiel ich in einen schockartigen Zustand, ich wollte nur ungern doch noch etwas über den Zustand tadschikischer Gefängnisse herausfinden. Dann stellte sich aber heraus, dass es nur ein tadschikischer Bekannter der Gastgeberin war, der sich einen Scherz erlaubte. Spät in der Nacht stand ein hellhäutiger Tadschike nachdenklich an einem Fenster und rauchte. Während er dort so in seinem pseudogriechischen Gewand lehnte, schien er auf einmal einer Büste Alexanders des Großen zu gleichen, nachdenklich und doch gleichzeitig voll übermenschlicher Bestimmtheit. Vielleicht hatte ich tatsächlich einen Nachfahren einer gräko-baktrischen Kultur vor mir.

Zu der Frage „Wo bin ich hier?“ gesellt sich mittlerweile eine zweite hinzu: Was mache ich hier eigentlich? Und wozu? In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile bei der Aufklärung angelangt, wo ich naturgemäß einige Zeit verweilen werde; zumal ich, ohne allzu kulturimperialistisch erscheinen zu wollen, einfach mal in den Raum werfe, dass Tadschikistan einen guten Schuss aufklärerischen Gedankenguts durchaus gebrauchen kann. Furchtlos näherten wir uns also Kants Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und gingen von da aus noch ein ganzes Stück weiter.

Noch am gleichen Tag erzählte mir Andre neue Details über den letzten Winter: Ganze Dörfer sind erfroren und verhungert, auch deswegen, weil die Regierung ausländische Nothilfeprogramme kategorisch ausgesperrt hat – ein Verhalten, das man ja bereits von der burmesischen Militärjunta kennt. Dies hat denn auch zu einigen verzweifelten Protesten im ländlichen Raum geführt, die, wie nicht anders zu erwarten, von der Regierung äußerst brutal beendet wurden. Das wiederum brachte die ehemaligen Kommandanten aus Bürgerkriegszeiten dazu, wieder einmal die Kalaschnikovs und Panzerfäuste zu ölen beziehungsweise sich neue aus Afghanistan zu bestellen. Der Präsident stand kurz vor einem Gegenschlag; auch drohte er damit, die Pamiris wüssten ja, welche mächtigen Freunde er habe – womit eindeutig Russland gemeint war (es sei dahingestellt, wie weit Russlands neue Großmachtgelüste im Moment wirklich reichen). Warum dennoch kein Krieg ausgebrochen ist, ist mir nicht ganz klar. Grundsätzlich besteht wohl zwischen der Regierung und den Kommandanten eine Art Stillhalteabkommen, das darauf basiert, dass die beiden sich die Einnahmen aus dem Opium- und Heroinhandel teilen.

Angesichts dieser Gesamtsituation stellt sich natürlich schon die Frage, welchen Sinn eigentlich unsere Arbeit hier hat. Der kategorische Imperativ Tadschikistans scheint eher zu lauten „Schlag zu und hau ab!“. Einer gewissen Anzahl an Studenten können wir es jedes Jahr ermöglichen, das Land für einige Zeit zu verlassen und frisches Know-How zu erwerben, aber was werden sie damit machen können, wenn sie zurückkommen?

Im Moment lese ich den Roman „Churramabod, Stadt der Freude“ des russisch-tadschikischen Autors Andrej Wolos, ein Kessel Buntes voller episodenhafter Erzählungen über das Zusammenleben von Russen und Tadschiken in einer fiktiven tadschikischen Stadt, in einer undefinierbaren Zeit zwischen 1920 und 1990. Darin taucht ein unwahrscheinlicher oder zumindest ungewöhnlicher Charakter auf, ein Russe, der zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts für einige Monate nach Churramabod gehen soll. Seine Stelle wird nicht verlängert, und so bleibt er schließlich in dieser fremden Stadt in einer völlig fremden Kultur hängen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als in dieser Kultur endlich voll und ganz anzukommen, islamisiert oder persifiziert seinen eigenen Namen, arbeitet auf dem Basar bei einem Lebensmittelhändler und hat nach einigen Jahren nur noch tadschikische Freunde. Als plötzlich zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb der „tadschikischen“ Bevölkerung (was ist das eigentlich?) blutige Konflikte ausbrechen, sieht er sich in einer gefährlichen nächtlichen Straßenszene gezwungen, über seine eigene Identität Auskunft zu geben, indem er als eine Art Codewort ein tadschikisches Sprichwort vervollständigen soll. Er meistert das Sprichwort bravourös, seine Aussprache ist nicht vom tadschikischen „Original“ zu unterscheiden – und sofort wird er von seinem Gegenüber erstochen. Er hat sich damit als jemand von genau der falschen Front erwiesen, als Erzfeind der anderen.
Versteht man irgendwann, wie das Spiel hier läuft? Nach einem Jahr? Nach vier Jahren, nach einem halben Leben? Ich gebe mich im Moment nicht der Illusion hin, hier irgendwann einmal „wirklich dazuzugehören“, so sympathisch mir die Menschen auch sind. Ich wohne seit letztem Samstag in meiner eigenen Wohnung, mit zwei Zimmern und größer als alle anderen, die ich jemals hatte. Sie ist ruhig, die Fenster zur Straße sind leicht abgedunkelt, es gibt deutsches Satellitenfernsehen und ich kann meine eigene Musik hören. Erst wenn ich die Wohnung verlasse, ist plötzlich alles anders.

Von einem echten Alltagsleben bin ich noch weit entfernt, dafür passieren ständig zu viele neue Dinge. Ich habe nun auch endlich wieder angefangen Russisch zu lernen, bei einer privaten Russischlehrerin (ich fühle mich doch noch allzu oft verloren mit meinen Basiskenntnissen, daran muss ich nun arbeiten). Die deutsche Studentengruppe ist angekommen, und morgen gibt es dann endlich auch ein Zusammentreffen mit meinen begegnungshungrigen tadschikischen Studenten. Ein wenig Sorgen macht mir deren Konkurrenzdenken bei den Bewerbungen um die Stipendien, deren Bewerbungsfristen zum Teil schon in einer Woche ablaufen: Am liebsten würde jeder von ihnen mich ganz alleine als persönlichen Bewerbungscoach haben (was bei vielen auch durchaus notwendig wäre – ihre Kenntnis von Dingen wie Lebenslauf, Motivationsschreiben und Online-Formular hält sich sehr in Grenzen). Einer von ihnen gestand mir heute seine große Angst ein, seinen „Gegnern“, also den Kommilitonen in seinem Seminar, zu unterliegen; ich solle die Bewerbungstipps doch bitte nicht im Seminar thematisieren, sondern nur denjenigen geben, die mich persönlich danach fragen. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Existenzdruck, der auf den Jungen und Mädchen an der Uni hier lastet.

Am Sonntag fliege ich nach Khudjand zur Bildungsmesse und werde wohl am Dienstag mit der Marschrutka nach Duschanbe zurückfahren – eine Fahrt, die dieses Mal etwa zwölf Stunden dauern wird, da der Tunnel durch die Fan-Berge, den die Chinesen gebaut haben, im Moment blockiert ist. Es gibt also sicher bald wieder etwas zu berichten. Anbei nur ein kleines Bildchen von unserem letzten Ausflug in die Berge. Ich bin ein bisschen fotofaul, muss ich zugeben, was auch mit meiner derzeitigen Ausruestung zu tun hat: Ich mache zahlreiche Dia-Bilder, aber die werde ich halt fruehestens Weihnachten zu Gesicht bekommen.



Sonntag, 14. September 2008

Der Krieger erwacht



Wo bin ich hier eigentlich? Das wird sich der geneigte Leser hin und wieder fragen, aber auch ich selbst frage mich das nach wie vor. Anstatt längerer Erzählungen breite ich dieses Mal lieber ein buntes Kaleidoskop von Beobachtungen aus, vielleicht entsteht dadurch ein etwas anderes Bild.

Die Party des Jahres, zumindest die ungewöhnlichste, fand gestern Abend statt. Garth, ein Amerikaner, arbeitet hier für Relief International, eine Organisation, die versucht, hier ein Projekt ähnlich wie „Schulen ans Netz“ zu etablieren, vor allem im ländlichen Raum, in Dorfschulen, und zwar speziell zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs. Dieser Garth nun scheint wirklich schon ein alter Hase der Expat-Szene zu sein. Es gibt hier, etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt, einen Kletterfelsen, der seit Sowjetzeiten benutzt wird, und es hat sich seit einiger Zeit eine kleine Klettergruppe aus Expats und einigen Russen und Tadschiken etabliert, die den Ort auch weiterhin nutzen. Garth ist nun auf die Idee gekommen, die kürzer werdenden Tage weiterhin zu nutzen, indem er nach Einbruch der Dunkelheit den Kletterfelsen anleuchtet; das wollte er bewerkstelligen, indem er einen Dieselgenerator mitbringt, an den er eine lange Kette von Glühbirnen koppelt, die dann am Fels angebracht werden sollten. Zur ersten Erprobung dieser Idee lud er zu einer kleinen Party und hatte außer dem Generator auch körbeweise Feuerholz, einen Schaschlikgrill, Zelte und jede Menge eisgekühltes Baltika-Bier mitgebracht.

Nach einer gewissen Vorbereitungszeit erglühte die Lichterkette dann tatsächlich, und der Kletterfels wurde angeleuchtet wie ein überdimensionaler Weihnachtsbaum. Die geladene Menge aus Russen, Tadschiken, Franzosen, Deutschen, Schweizern, Afghanen, Engländern und Amerikanern applaudierte, und bald begannen die ersten sich auf die Felswand zu wagen, die Russen nahezu ungesichert, dafür mit Helmen, die ihnen bei einem Fall aus 20 Metern Höhe allerdings auch kaum geholfen hätten.. Ich hielt mich weise zurück, es schien mir nicht angebracht, meine ersten Klettererfahrungen im Halbdunkeln und angefeuert von alkoholisierten Partygästen zu machen. Kurz nach Beginn der Kletterparty traf unerwartet eine Familie auf dem felsig-staubigen Gelände ein, die ich sofort freudig erkannte: Judith und Dominik, die ich aus dem Oscar-Romero-Haus in Bonn kenne, kamen gerade mit ihren zwei Kindern und einer deutschen Freundin von einer zehntägigen Trekkingtour in den Fan-Bergen zurück. Der Situation entsprechend waren die beiden Kleinen ziemlich quengelig und aufgekratzt, Dominik unterließ es dennoch nicht, zumindest eine Zeit lang den DJ zu spielen. So erschallte dann zwischen russischen und amerikanischen Songs auf einmal „Der Krieger erwacht“ der Fantastischen Vier durchs mondhelle Tal des Varzob.

Der Unabhängigkeitstag ein paar Tage zuvor, am 9. September war weniger spektakulär als gedacht. Um acht Uhr morgens hörte man von irgendwoher eine Ansprache und laute Musik, weiter geschah allerdings kaum etwas an diesem Tag, außer dass tadschikische Familien sich im Park neben dem neuen Präsidentenpalast tummelten. Vor der Statue von Somoni wurden David und ich unversehens von zwei Polizisten angesprochen. Zunächst dachten wir, wir hätten uns irgendeines imaginären Vergehens schuldig gemacht, doch dann stellte sich heraus, dass sie uns schlichtweg anbettelten; das tadschikische Polizistengehalt sei so mies, sie hätten Familien zu ernähren, könnten wir ihnen nicht vielleicht ein bisschen...?

Abends sahen wir ein Tanztheaterstück einer tadschikischen Gruppe, die mit einer französischen Choreographin zusammengearbeitet hatten. Wir empfanden es, gemessen an unseren Erwartungen, als unerhört modern, politisch und sexuell aufgeladen. Männer- und Frauenleiber schlungen sich sekundenlang ineinander; Darsteller prügelten sich um eine Wasserflasche; einer, der einen Dichter oder Intellektuellen darstellte, las zunächst einen Text von Blättern ab, die er aber später, frustriert oder irritiert von ihrem Inhalt, einzeln zerknüllte und begann, eine Frau damit zu steinigen; Männer begannen, Frauen in Kopftücher einzuhüllen, die dies freudig über sich ergehen ließen – ein deutlicher Hinweis auf die schleichende Re-Islamisierung des Landes (auch heute sieht man nur wenige Frauen mit Kopftuch auf den Straßen, aber noch vor zwei oder drei Jahren war dies wohl noch völlig unüblich). Vieles war uneindeutig, eine Herausforderung für die westlichen Zuschauer, aber noch mehr vielleicht für viele Tadschiken, für die avantgardistische kulturelle Entwicklungen des 20. Jahrhunderts oftmals absolutes Neuland sind.

Vieles ist hier nicht so, wie es scheint, sagt Sonja. Die Menschen scheinen alle entspannt zu sein, im Sommer gibt es fast alles zu kaufen, was man sich wünschen kann, in Bars und Restaurants wird Alkohol ausgeschenkt (zum Beispiel im einzigen Irish Pub Tadschikistans, in dem jedes Wochenende die einzige tadschikische Bluesband „Wonderful Tonight“ von Eric Clapton spielt). Nur ganz nebenbei bemerkt man, dass die ganze Stadt voll ist mit Polizisten, rund um die Uhr und vor allem in der Nähe des Präsidentenpalastes; genauso an den Eingangstoren der Stadt, wo jedes Fahrzeug angehalten wird und die Personalien der Fahrer überprüft werden. Präsident Rachmon oder die Regierung – was aufs gleiche hinausläuft – scheinen irgendwie nervös zu sein. Und das hat natürlich, wie Sonja erzählt, mit der anderen, der östlichen Hälfte des Landes zu tun, mit der autonomen Region Gorno-Badakshan, wo die Warlords aus Bürgerkriegszeiten weiter ihr Volk oder ihre Völker unangefochten regieren und großen Wert darauf legen, dass ihre Autonomie nicht nur auf dem Papier existiert. Während des schon öfter erwähnten letzten katastrophalen Winters gab es Anschläge in Duschanbe, und für einige Zeit war die Stimmung in der Stadt extrem angespannt und aggressiv, Gerüchte über die Evakuierung aller Ausländer machten die Runde, und hin und wieder hörte man nachts in den Straßen etwas, das wie Schüsse klang. Dann wurde es wieder wärmer, und mit den Minustemperaturen verschwanden auch die Gerüchte über ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs.

Dessen ungeachtet scheint das asiatische Ausland Tadschikistan als guten Ort für Konferenzen anzusehen. Als ich angekommen bin, fand ja gerade noch die Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) statt (auf der Russland von China einen kleinen Rüffel wegen der Unterstützung separatistischer Minderheiten erhielt), mit einem unfassbar massiven Aufgebot an Diplomaten, Beratern, Wirtschaftsleuten und sonstigem Personal, das die Kapazitäten Duschanbes vollkommen gesprengt haben muss. So habe ich denn dann auch gehört, dass die zahllosen Angehörigen der russischen Delegation im nagelneuen Hyatt Hotel untergebracht werden sollten, der neuen ersten Adresse vor Ort. Das Problem bestand allerdings darin, dass das Hotel eigentlich erst im Februar 2009 eröffnet werden soll, und demzufolge war noch kein einziges Zimmer mit Möbeln ausgestattet – ein Problem, das den Veranstaltern aber erst drei Tage vor Beginn der Konferenz auffiel. Fieberhaft suchte man nach irgendeiner Lösung, um es sich mit den Russen nicht zu verscherzen, und verfiel schließlich darauf, über Ikea in Russland temporäres Mobiliar für die gebuchten Suiten des Luxushotels zu bestellen, eine gigantische Expresslieferung, die innerhalb zwei Tagen stattfand; ein Heer von Mitarbeitern muss Tag und Nacht damit beschäftigt gewesen sein, all die Billys und Lacks aufzubauen. Jetzt, nach der Konferenz werden die Möbel natürlich nicht mehr benötigt und billig wieder verscherbelt. Demnächst, wenn ich umziehe, werde ich wohl einen Schreibtisch benötigen; vielleicht frage ich mal beim Hyatt nach.

Bei mir selbst gibt es auch ein paar Neuigkeiten: Ich unterrichte ab jetzt statt vier zwölf Wochenstunden an der Uni. Die Hörer meiner Literaturvorlesung bestehen aus vier Gruppen (gestaffelt nach Deutschkenntnissen), für die ich dann jeweils einzeln auch noch ein Seminar anbiete. Ich bin mittlerweile bei der Lyrik des 30jährigen Krieges angelangt, was hier auch ganz interessant werden könnte, angesichts der Bürgerkriegsvergangenheit des Landes (auch wenn keiner meiner Studenten diese Zeit bewusst miterlebt haben dürfte). Dann werde ich auch noch, wohl im Wechsel mit David, einen Oberstufenkurs Deutsch im Kulturzentrum Bactria unterrichten, für Leute, die schon sehr gut sind, aber einfach einen großen Konversationsbedarf haben. Dann gibt es noch einen Tadschikisch-Intensiv-Kurs für deutsche Studenten, der ab morgen an meiner Uni stattfindet und geradezu nach einem „Come Together“ mit meinen Studenten schreit. Und in zwei Wochen werden wir wohl für ein paar Tage nach Khudjand im Norden des Landes fahren oder fliegen, da dort eine kleine Bildungsmesse stattfindet, auf der auch der DAAD einen Stand hat (ich würde eigentlich ganz gerne fahren, auch wenn eine Fahrt ungefähr acht Stunden dauert; es ist auf jeden Fall möglich, seit die Chinesen eine neue fantastische Straße ins Gebirge gehauen oder gesprengt haben. Die chinesischen Straßenbauarbeiter, die angeblich Sträflinge sind, haben wir schon desöfteren gesehen). Ab nächsten Mittwoch werde ich privaten Russisch-Unterricht nehmen, damit es da auch endlich mal weitergeht. Und irgendwann muss ich dann auch wirklich mal umziehen, auch wenn David mich immer noch mit sehr viel Gleichmut erträgt.
Anbei noch ein Bild vom wunderschönen traditionellen Teehaus Rochat, in dem man unbedingt Schaschliki gegessen haben muss.

Montag, 8. September 2008

Annäherungsversuche

Als David und ich uns gestern um sechs Uhr dreißig auf den Weg machten, um unsere Studenten zu treffen, überlegten wir, was das wohl für ein Ausflug sein könnte, zu dem sie uns eingeladen hatten. Wir vermuteten, dass wir ein bisschen am Fluss, dem Varzob entlangspazieren und dann irgendwo Tee trinken würden. Wir sollten uns gründlich getäuscht haben.

Sowohl von Davids Uni (der Slawischen Universität) wie auch aus meiner Vorlesung (an der Pädagogischen Universität) kamen ein paar Studenten – ein kleines Experiment der Begegnung, denn in den Bewerbungen um Stipendienplätze stehen die Angehörigen beider Unis in Konkurrenz zueinander, und meine Jungs hatten sich bereits einmal darüber beschwert, dass die von der Slawischen immer die meisten Plätze abbekommen. Wir waren pünktlich um sieben Uhr morgen zur Stelle, am Varzob-Markt im Norden der Stadt, wo die Marschrutkas (Minibusse) in die nördlichen Berge und nach Khudjand abfahren. Sowohl Davids als auch meine Studenten waren allerdings erst etwa eine halbe Stunde später da; wenn man es weiß, kann man die „tadschikische halbe Stunde“ eigentlich ganz gut einplanen. Nach einer etwa einstündigen Diskussion mit Busfahrern über die besten Preise ging es dann los, wir stiegen in zwei Marschrutkas und fuhren schon nach ein paar Minuten aus der Stadt hinaus und ins felsige Tal des Varzob.

Nach 20 Kilometern verließen wir die Straße und erreichten ein kleines Dörfchen, von dem aus ein recht breiter Pfad in die Berge begann. Offenbar ließen wir uns doch auf eine richtige Wanderung ein, wenn auch die ganze Zeit über nicht zu erfahren war, was uns erwartete; und mit ihren Turnschühchen und Plastiktüten mit Verpflegung erschienen die anderen auch nicht wirklich gut gerüstet.

Doch tatsächlich führte der Weg immer weiter und höher in die fast kahlen, stark zerklüfteten Berge hinein. Ein kleiner Zufluss des Varzob brauste tief unter uns durch eine Schlucht. Bis auf zwei ältere Beerensammlerinnen aus der Stadt begegneten wir niemandem. Zwischendurch stiegen wir in eine enge Klamm, um einen Wasserfall zu besichtigen. Die Studenten waren eifrig und auch etwas angestrengt bestrebt, uns in Gespräche über Deutschland zu verwickeln. Besonders meine drei etwas spätpubertären Studierenden drängten sicher gerne ein wenig in den Vordergrund, sicher auch, um vor den anderen von der Slawischen eine gute Figur zu machen. Eine Zeitlang war deutsche Musik ein ausfüllendes Thema, und wir erfuhren, dass Rammstein oder auch der allseits beliebte Song „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ auch hier gut ankommen (auch bei Hörern, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind). Ein anderes wichtiges Thema waren, wie ich vorher schon vermutet hatte, deutsche Autos, deren Preise und Qualität, ein Thema, das mich allerdings nach einiger Zeit ermüdete. Die Exkursionsteilnehmer von „der Slawischen“, größtenteils junge Mädchen, hielten sich weiterhin meist zurück.

Nach einigen Stunden erreichten wir, verschwitzt und eingestaubt, eine Stelle am Fluss, wo es im Schatten einiger dürrer Bäumchen eine ebene Fläche gab, und schlugen dort unser Lager auf, um ein Picknick abzuhalten. Nun erwies sich, was alles in den Plastiktüten gesteckt hatte: Berge von Obst, Gemüse und Brot türmten sich auf dem Zeitungspapier, das als Picknickdecke herhielt. Ein russischer Begleiter der Studenten von „der Slawischen“, der offenbar ihr Sportlehrer war, holte sogar zwei kleine Fläschchen mit tadschikischem Wein hervor, dessen Existenz mir vorher nicht bekannt war (und der mit „Dessertwein“ noch recht euphemistisch beschrieben wird). Merkwürdigerweise zogen sich meine drei Jungs von „der Pädagogischen“ in ihr eigenes Lager zurück und wollten sich auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht zur Tafel der anderen dazugesellen. Sie erklärten das damit, dass sie nicht eingeladen worden seien. Nach kurzer Zeit legten sie sich nieder und dösten weg. Schon sahen wir einen Schatten über unserem akademischen Begegnungsprojekt, wollten uns aber auch nicht weiter darum kümmern.

Der Sportlehrer und sein Begleiter verzogen sich zu einem natürlichen Swimmingpool, den der Fluss hier bildete, und planschten in den eisigen Fluten. David und ich dagegen zeigten das typische Verhalten von Deutschen im Gebirge und konnten es nicht lassen, einen kleinen nahegelegenen Gipfel zu erklimmen.

Bei unserer Rückkehr stellten wir zu unserer Freude fest, dass die von „der Pädagogischen“ und die von „der Slawischen“ begonnen hatten, miteinander Karten zu spielen. Tatsächlich saß sogar ein Student von meiner Uni etwas abseits der anderen zusammen mit einer Studentin der „verfeindeten“ Einrichtung, sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, und ich meine mich erinnern zu können, dass sie sich dabei ziemlich tief in die Augen sahen. Nach der Beendigung des Picknicks begannen die Studenten wie von selbst, den Müll in die leeren Plastiktüten zu räumen und nahmen ihn mit (ich vermute ganz stark, dass sie dies vor allem wegen unserer Anwesenheit taten – die Westler schleppen eben gerne ihren Müll durch die Gegend und werden ärgerlich, wenn man es selber nicht tut). Im frühen Abendsonnenschein stiegen wir wieder ins Tal hinunter, der Student von der Pädagogischen und die Studentin von der Slawischen hielten zwischendurch Händchen.

Ansonsten gibt es nicht viel Neues zu berichten. Ich habe noch immer keine Wohnung, aber immerhin eine Aussicht darauf, wahlweise eine in der Nähe von Davids Wohnung (mit einem russischen Supermarkt nebenan, der die ganze Woche bis 23 Uhr geöffnet ist), oder in einer WG . Randnotizen wären noch, dass es in der letzten Woche hier bereits zwei Erdbeben gegeben hat (ich habe aber beide verschlafen). Heute morgen habe ich mitten in der Innenstadt einen alten weißbärtigen Mann gesehen, der einen mittelgroßen Bären an einer Leine führte. Laut Kai ist das ein Tanzbär, der morgen wahrscheinlich zum Einsatz kommen wird; denn morgen ist der tadschikische Nationalfeiertag, an dem wohl in der ganzen Stadt Paraden und Tanzaufführungen stattfinden. Sollte ich den Bären nochmal erwischen, werde ich auf jeden Fall ein Foto einstellen.

Samstag, 6. September 2008

Mondlandung



„Die meisten Menschen wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über Tadschikistan“ – ein Satz aus meinem Reiseführer, der ja auf gewisse Weise impliziert, dass die Mondoberfläche und die kleine zentralasiatische Republik irgendetwas gemeinsam haben. Nach nicht ganz einer Woche in Duschanbe kann ich dazu noch nicht viel sagen, aber es ist hier eindeutig lebendiger als auf dem Mond.

Am Montagmorgen um drei Uhr Ortszeit – drei Stunden später als in Deutschland – bin ich am Flughafen angekommen, und während ich am Gepäckband wartete, bereute ich bald, dass ich das Gepäcklimit von Turkish Airlines nicht weiter ausgereizt hatte (30 Kilo sind offiziell erlaubt). Was da übers Band lief und was die tadschikischen Gastarbeiter, die aus Moskau zurückkehrten, hinunterhievten, stellte alles in den Schatten, was sonst in Passagiermaschinen transportiert wird: So brachte einer der Arbeiter unter anderem drei große Farbfernseher als Souvenir mit, die er mühsam auf einem Gepäckwagen balancierte. Andere Gepäckstücke waren nichts als unförmige Pakete von Menschengröße, die durch nichts als Panzerklebeband zusammengehalten wurden. Ich hätte also meine Trekkingsandalen ruhig noch einpacken können, nun vermisse ich sie, bei 35 Grad Hitze und Straßenverhältnissen, die das Tragen von schicken schwarzen Lederschuhen nicht immer begünstigen.

David, der hier einer ähnlichen Tätigkeit nachgeht wie ich, hat mich vom Flughafen abgeholt und erstmal bei sich einquartiert, bis ich selbst eine akzeptable (und vor allem winterfeste) Wohnung gefunden habe. Nach etwas mehr als 24 Stunden und nachdem ich in der ersten Nacht bereits die Bekanntschaft der halbwilden Hundebanden machen konnte, die um die Häuser streifen und ihr Revier verteidigen, stand mir am Dienstagmorgen auch schon die erste Lehrveranstaltung bevor.

Ich war einigermaßen darauf vorbereitet, ein Seminar zur deutschen Literaturgeschichte anzubieten, aber nicht auf die Gruppe von Studenten: Im brütend heißen Hörsaal der Staatlichen Pädagogischen Universität saßen etwa 50 Studenten, die sofort mucksmäuschenstill wurden und aufstanden, als ich den Raum betrat. Grinsend und erwartungsfroh blickten sie mich an, die Jungs eine uniformierte Menge mit weißen Hemden und schwarzen Schlipsen (wie ich auch), die jungen Frauen wiesen einige bunte modische Abweichungen auf. Einen Moment lang überlegte ich noch, ob es wirklich eine gute Idee von Kai gewesen war, mit mittelhochdeutscher Minnelyrik zu beginnen; dann aber legte ich einfach los und trug vor: „Du bist min, ich bin din...“

Überraschenderweise begeistern sich viele Studenten für Liebeslyrik und begannen sofort mit Inbrunst zu interpretieren. Viele Herren in den hinteren Reihen konnten allerdings wenig beziehungsweise nichts zu meinen Ausführungen sagen, sie werden mich auch kaum verstanden haben. Als ich in der zweiten Stunde dann „Unter der Linden“ von Walther von der Vogelweide intonierte, sangen die anderen jedoch nach kurzer Zeit bereits inbrünstig mit. Nun kann ich mich im Laufe des Semesters getrost bis zu Ernst Jandl oder auch PeterLicht durcharbeiten.

Mir ist schnell klar geworden, dass die meisten Studenten (deren Sprachkenntnisse es realistisch erscheinen lassen) nichts sehnlicher wollen als in Deutschland zu studieren – sehr verständlich angesichts der wirtschaftlichen Lage ihres Landes. Sie dabei zu unterstützen wird ja meine zweite Hauptaufgabe hier sein, im Informationszentrum des DAAD werde ich Stipendienberatungen machen; zum Teil auch auf Russisch, was mehr als abenteuerlich zu werden verspricht.

Die Sehenswürdigkeiten der Stadt, von denen es gar nicht wenige gibt, habe ich mir bis jetzt kaum angesehen; ich bin noch zu sehr damit beschäftigt, mich diversen Leuten der deutschen und internationalen Community vorzustellen, Adressen von Supermärkten zu finden (mangels Straßennamen und Hausnummern oft schwierig) und natürlich eine Wohnung zu suchen. Wir hören immer von neuem Horrorgeschichten über den letzten Winter und sind zu dem Schluss gekommen, dass das einzige, was eine Wohnung hier einigermaßen winterfest macht, ein Ofen für Holz oder Öl ist; wenn die Versorgung mit Gas, Strom und Wasser komplett zusammenbricht, scheint das der einzige Weg zu sein. Man wird sehen; man ist ja nicht aus Zucker, und auch den letzten Winter haben noch alle überlebt (zumindest alle Ausländer). Einstweilen genieße ich das „spätsommerliche“ knallheiße Wetter. Morgen werden David und ich einen Ausflug in die Berge machen, zusammen mit einer kleinen Gruppe unserer Studenten, ins Varzob-Tal.

Ab jetzt wird es hoffentlich regelmäßige Einträge geben, wenn ich Zeit habe und das WLAN im Café La Grande Dame auch weiterhin gut funktioniert. Und dann gibt es bald auch Fotos.

Ach ja: Das Titelbild des Blogs zeigt die Statue von Somoni (849-907), dem Begründer der Samanidendynastie, der von den Tadschiken außerdem auch als Begründer ihrer Nation angesehen wird. In Fachkreisen gibt es dazu unterschiedliche Ansichten, wie bei so vielen historischen und politischen Themen in dieser Region.