Als David und ich uns gestern um sechs Uhr dreißig auf den Weg machten, um unsere Studenten zu treffen, überlegten wir, was das wohl für ein Ausflug sein könnte, zu dem sie uns eingeladen hatten. Wir vermuteten, dass wir ein bisschen am Fluss, dem Varzob entlangspazieren und dann irgendwo Tee trinken würden. Wir sollten uns gründlich getäuscht haben.
Sowohl von Davids Uni (der Slawischen Universität) wie auch aus meiner Vorlesung (an der Pädagogischen Universität) kamen ein paar Studenten – ein kleines Experiment der Begegnung, denn in den Bewerbungen um Stipendienplätze stehen die Angehörigen beider Unis in Konkurrenz zueinander, und meine Jungs hatten sich bereits einmal darüber beschwert, dass die von der Slawischen immer die meisten Plätze abbekommen. Wir waren pünktlich um sieben Uhr morgen zur Stelle, am Varzob-Markt im Norden der Stadt, wo die Marschrutkas (Minibusse) in die nördlichen Berge und nach Khudjand abfahren. Sowohl Davids als auch meine Studenten waren allerdings erst etwa eine halbe Stunde später da; wenn man es weiß, kann man die „tadschikische halbe Stunde“ eigentlich ganz gut einplanen. Nach einer etwa einstündigen Diskussion mit Busfahrern über die besten Preise ging es dann los, wir stiegen in zwei Marschrutkas und fuhren schon nach ein paar Minuten aus der Stadt hinaus und ins felsige Tal des Varzob.
Nach 20 Kilometern verließen wir die Straße und erreichten ein kleines Dörfchen, von dem aus ein recht breiter Pfad in die Berge begann. Offenbar ließen wir uns doch auf eine richtige Wanderung ein, wenn auch die ganze Zeit über nicht zu erfahren war, was uns erwartete; und mit ihren Turnschühchen und Plastiktüten mit Verpflegung erschienen die anderen auch nicht wirklich gut gerüstet.
Doch tatsächlich führte der Weg immer weiter und höher in die fast kahlen, stark zerklüfteten Berge hinein. Ein kleiner Zufluss des Varzob brauste tief unter uns durch eine Schlucht. Bis auf zwei ältere Beerensammlerinnen aus der Stadt begegneten wir niemandem. Zwischendurch stiegen wir in eine enge Klamm, um einen Wasserfall zu besichtigen. Die Studenten waren eifrig und auch etwas angestrengt bestrebt, uns in Gespräche über Deutschland zu verwickeln. Besonders meine drei etwas spätpubertären Studierenden drängten sicher gerne ein wenig in den Vordergrund, sicher auch, um vor den anderen von der Slawischen eine gute Figur zu machen. Eine Zeitlang war deutsche Musik ein ausfüllendes Thema, und wir erfuhren, dass Rammstein oder auch der allseits beliebte Song „Du hast den schönsten Arsch der Welt“ auch hier gut ankommen (auch bei Hörern, die der deutschen Sprache gar nicht mächtig sind). Ein anderes wichtiges Thema waren, wie ich vorher schon vermutet hatte, deutsche Autos, deren Preise und Qualität, ein Thema, das mich allerdings nach einiger Zeit ermüdete. Die Exkursionsteilnehmer von „der Slawischen“, größtenteils junge Mädchen, hielten sich weiterhin meist zurück.
Nach einigen Stunden erreichten wir, verschwitzt und eingestaubt, eine Stelle am Fluss, wo es im Schatten einiger dürrer Bäumchen eine ebene Fläche gab, und schlugen dort unser Lager auf, um ein Picknick abzuhalten. Nun erwies sich, was alles in den Plastiktüten gesteckt hatte: Berge von Obst, Gemüse und Brot türmten sich auf dem Zeitungspapier, das als Picknickdecke herhielt. Ein russischer Begleiter der Studenten von „der Slawischen“, der offenbar ihr Sportlehrer war, holte sogar zwei kleine Fläschchen mit tadschikischem Wein hervor, dessen Existenz mir vorher nicht bekannt war (und der mit „Dessertwein“ noch recht euphemistisch beschrieben wird). Merkwürdigerweise zogen sich meine drei Jungs von „der Pädagogischen“ in ihr eigenes Lager zurück und wollten sich auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht zur Tafel der anderen dazugesellen. Sie erklärten das damit, dass sie nicht eingeladen worden seien. Nach kurzer Zeit legten sie sich nieder und dösten weg. Schon sahen wir einen Schatten über unserem akademischen Begegnungsprojekt, wollten uns aber auch nicht weiter darum kümmern.
Der Sportlehrer und sein Begleiter verzogen sich zu einem natürlichen Swimmingpool, den der Fluss hier bildete, und planschten in den eisigen Fluten. David und ich dagegen zeigten das typische Verhalten von Deutschen im Gebirge und konnten es nicht lassen, einen kleinen nahegelegenen Gipfel zu erklimmen.
Bei unserer Rückkehr stellten wir zu unserer Freude fest, dass die von „der Pädagogischen“ und die von „der Slawischen“ begonnen hatten, miteinander Karten zu spielen. Tatsächlich saß sogar ein Student von meiner Uni etwas abseits der anderen zusammen mit einer Studentin der „verfeindeten“ Einrichtung, sie waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, und ich meine mich erinnern zu können, dass sie sich dabei ziemlich tief in die Augen sahen. Nach der Beendigung des Picknicks begannen die Studenten wie von selbst, den Müll in die leeren Plastiktüten zu räumen und nahmen ihn mit (ich vermute ganz stark, dass sie dies vor allem wegen unserer Anwesenheit taten – die Westler schleppen eben gerne ihren Müll durch die Gegend und werden ärgerlich, wenn man es selber nicht tut). Im frühen Abendsonnenschein stiegen wir wieder ins Tal hinunter, der Student von der Pädagogischen und die Studentin von der Slawischen hielten zwischendurch Händchen.
Ansonsten gibt es nicht viel Neues zu berichten. Ich habe noch immer keine Wohnung, aber immerhin eine Aussicht darauf, wahlweise eine in der Nähe von Davids Wohnung (mit einem russischen Supermarkt nebenan, der die ganze Woche bis 23 Uhr geöffnet ist), oder in einer WG . Randnotizen wären noch, dass es in der letzten Woche hier bereits zwei Erdbeben gegeben hat (ich habe aber beide verschlafen). Heute morgen habe ich mitten in der Innenstadt einen alten weißbärtigen Mann gesehen, der einen mittelgroßen Bären an einer Leine führte. Laut Kai ist das ein Tanzbär, der morgen wahrscheinlich zum Einsatz kommen wird; denn morgen ist der tadschikische Nationalfeiertag, an dem wohl in der ganzen Stadt Paraden und Tanzaufführungen stattfinden. Sollte ich den Bären nochmal erwischen, werde ich auf jeden Fall ein Foto einstellen.
Montag, 8. September 2008
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1 Kommentar:
Hi Tim,
Du schreibst herrlich, man liest es wirklich gern und amüsiert. Würd mich mal interessieren, wie die Geschichte mit den beiden Studenten weitergeht.
Ich hoffe, Du hast und findest alles, was Du brauchst.
Hannah brabbelt und kommt nun schon einzelne Stufen hochgekrabbelt.
Viele Grüße,
Michel
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