
„Die meisten Menschen wissen mehr über die Oberfläche des Mondes als über Tadschikistan“ – ein Satz aus meinem Reiseführer, der ja auf gewisse Weise impliziert, dass die Mondoberfläche und die kleine zentralasiatische Republik irgendetwas gemeinsam haben. Nach nicht ganz einer Woche in Duschanbe kann ich dazu noch nicht viel sagen, aber es ist hier eindeutig lebendiger als auf dem Mond.
Am Montagmorgen um drei Uhr Ortszeit – drei Stunden später als in Deutschland – bin ich am Flughafen angekommen, und während ich am Gepäckband wartete, bereute ich bald, dass ich das Gepäcklimit von Turkish Airlines nicht weiter ausgereizt hatte (30 Kilo sind offiziell erlaubt). Was da übers Band lief und was die tadschikischen Gastarbeiter, die aus Moskau zurückkehrten, hinunterhievten, stellte alles in den Schatten, was sonst in Passagiermaschinen transportiert wird: So brachte einer der Arbeiter unter anderem drei große Farbfernseher als Souvenir mit, die er mühsam auf einem Gepäckwagen balancierte. Andere Gepäckstücke waren nichts als unförmige Pakete von Menschengröße, die durch nichts als Panzerklebeband zusammengehalten wurden. Ich hätte also meine Trekkingsandalen ruhig noch einpacken können, nun vermisse ich sie, bei 35 Grad Hitze und Straßenverhältnissen, die das Tragen von schicken schwarzen Lederschuhen nicht immer begünstigen.
David, der hier einer ähnlichen Tätigkeit nachgeht wie ich, hat mich vom Flughafen abgeholt und erstmal bei sich einquartiert, bis ich selbst eine akzeptable (und vor allem winterfeste) Wohnung gefunden habe. Nach etwas mehr als 24 Stunden und nachdem ich in der ersten Nacht bereits die Bekanntschaft der halbwilden Hundebanden machen konnte, die um die Häuser streifen und ihr Revier verteidigen, stand mir am Dienstagmorgen auch schon die erste Lehrveranstaltung bevor.
Ich war einigermaßen darauf vorbereitet, ein Seminar zur deutschen Literaturgeschichte anzubieten, aber nicht auf die Gruppe von Studenten: Im brütend heißen Hörsaal der Staatlichen Pädagogischen Universität saßen etwa 50 Studenten, die sofort mucksmäuschenstill wurden und aufstanden, als ich den Raum betrat. Grinsend und erwartungsfroh blickten sie mich an, die Jungs eine uniformierte Menge mit weißen Hemden und schwarzen Schlipsen (wie ich auch), die jungen Frauen wiesen einige bunte modische Abweichungen auf. Einen Moment lang überlegte ich noch, ob es wirklich eine gute Idee von Kai gewesen war, mit mittelhochdeutscher Minnelyrik zu beginnen; dann aber legte ich einfach los und trug vor: „Du bist min, ich bin din...“
Überraschenderweise begeistern sich viele Studenten für Liebeslyrik und begannen sofort mit Inbrunst zu interpretieren. Viele Herren in den hinteren Reihen konnten allerdings wenig beziehungsweise nichts zu meinen Ausführungen sagen, sie werden mich auch kaum verstanden haben. Als ich in der zweiten Stunde dann „Unter der Linden“ von Walther von der Vogelweide intonierte, sangen die anderen jedoch nach kurzer Zeit bereits inbrünstig mit. Nun kann ich mich im Laufe des Semesters getrost bis zu Ernst Jandl oder auch PeterLicht durcharbeiten.
Mir ist schnell klar geworden, dass die meisten Studenten (deren Sprachkenntnisse es realistisch erscheinen lassen) nichts sehnlicher wollen als in Deutschland zu studieren – sehr verständlich angesichts der wirtschaftlichen Lage ihres Landes. Sie dabei zu unterstützen wird ja meine zweite Hauptaufgabe hier sein, im Informationszentrum des DAAD werde ich Stipendienberatungen machen; zum Teil auch auf Russisch, was mehr als abenteuerlich zu werden verspricht.
Die Sehenswürdigkeiten der Stadt, von denen es gar nicht wenige gibt, habe ich mir bis jetzt kaum angesehen; ich bin noch zu sehr damit beschäftigt, mich diversen Leuten der deutschen und internationalen Community vorzustellen, Adressen von Supermärkten zu finden (mangels Straßennamen und Hausnummern oft schwierig) und natürlich eine Wohnung zu suchen. Wir hören immer von neuem Horrorgeschichten über den letzten Winter und sind zu dem Schluss gekommen, dass das einzige, was eine Wohnung hier einigermaßen winterfest macht, ein Ofen für Holz oder Öl ist; wenn die Versorgung mit Gas, Strom und Wasser komplett zusammenbricht, scheint das der einzige Weg zu sein. Man wird sehen; man ist ja nicht aus Zucker, und auch den letzten Winter haben noch alle überlebt (zumindest alle Ausländer). Einstweilen genieße ich das „spätsommerliche“ knallheiße Wetter. Morgen werden David und ich einen Ausflug in die Berge machen, zusammen mit einer kleinen Gruppe unserer Studenten, ins Varzob-Tal.
Ab jetzt wird es hoffentlich regelmäßige Einträge geben, wenn ich Zeit habe und das WLAN im Café La Grande Dame auch weiterhin gut funktioniert. Und dann gibt es bald auch Fotos.
Ach ja: Das Titelbild des Blogs zeigt die Statue von Somoni (849-907), dem Begründer der Samanidendynastie, der von den Tadschiken außerdem auch als Begründer ihrer Nation angesehen wird. In Fachkreisen gibt es dazu unterschiedliche Ansichten, wie bei so vielen historischen und politischen Themen in dieser Region.
2 Kommentare:
Wie toll Du alles beschreibst. Es macht Spaß Deinen Bericht zu lesen. Und ich würde zu gerne hören, wie Du W.v.Vogelweide intonierst.
Ganz liebe Grüße von der Schwarzwaldbetti
Schöne Grüße auch von mir -
das Wetter hier ist zwar nicht so heiß, aber zum Glück wirds auch nicht so kalt ;)
Hast Du dir schon eine Hundepfeife besorgt um die Meute zu dir zu locken wenn dich wer überfallen will?
Schöne Grüße,
Oberbergmike
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