Mittwoch, 24. September 2008

Was ist Aufklärung?

Was ist das für ein Lachen? Heute war ich, nach längerer Wartezeit, endlich zu einer kurzen Vorstellung beim Rektor meiner Universität vorgeladen. Das geschah aus dem einzigen Grund, weil er persönlich noch meine Arbeitserlaubnis für die Pädagogische Universität unterschreiben musste (was mir einen monatlichen Verdienst von circa 70 Somoni sichern wird, das entspricht etwa 14 Euro; dazu kommt mein DAAD-Stipendium). Im Vorraum des Büros wartete ich kurze Zeit, bis Herr Saidov schließlich hinauskam und mir etwa zwei Minuten seiner Zeit widmete.

Er musterte mich einmal schnell von oben bis unten und ließ dann mit dröhnendem Organ in einem rasanten Russisch, in dem alle Sprechpausen getilgt schienen, folgendes verlauten: Die Vorbildfunktion des Hochschullehrers erfordere zu jeder Zeit ein tadelloses Äußeres; darum sei es wichtig, jeden Tag sein Schuhe zu putzen, Kreideflecken auf der Hose seien unmöglich; Bärte seien in Koranschulen Pflicht, und genau deswegen an der Staatlichen Pädagogischen Universität verboten; die Frisur müsse stets ordentlich sein. Abschließend zog er mir noch meine – zugegebenermaßen nicht besonders sauber gebundene – Krawatte ein ganzes Stück fester. Er selbst lachte während seiner kurzen Ansprache ununterbrochen, was wiederum von seinen Sekretärinnen und umstehenden Mitarbeitern jedes Mal mit einem Lachen beantwortet wurde. Trotz des scheinbar humoristischen Charakters der Situation zweifelte ich keinen Moment daran, dass dies kein Ratschlag, sondern eine Anweisung gewesen war. Die Pädagogische Universität ist berühmt-berüchtigt für ihre aus Sowjetzeiten überkommene Kleider- und Hygieneordnung, und so werde ich mich wohl vor dem nächsten Arbeitstag in der Uni schweren Herzens von meinem seit Jugendzeiten kultivierten Ziegenbärtchen trennen.

In sonderbarem Kontrast zu dieser hochnotpeinlichen Ordnung steht der Zustand der Toiletten auf dem Gelände der Universität, die sicher im Laufe des Tages jeder Student und Dozent aufsuchen muss: Sie können es selbst mit dem finstersten chinesischen Plumpsklo aufnehmen. Die Räumlichkeiten scheinen eine Art blinder Fleck des akademischen Betriebs zu sein. Es heißt ja, der deutlichste Indikator für den Grad des Fortschritts eines Landes sei der Zustand seiner Gefängnisse; da dies sich für Außenstehende nicht immer überprüfen lässt, würde ich vorschlagen, alternativ den Zustand der Toiletten zu Rate zu ziehen.

Auch am vergangenen Wochenende gab sich die vielköpfige Expat-Gemeinde Duschanbes wieder ein Stelldichein auf einer Party. Dieses Mal hatte uns einen Tag zuvor ein iranischer Kanadier darauf hingewiesen: Es gebe am Samstag eine Toga-Party in einer WG, bring your own beer. Alles und nichts erwartend, steckten wir Bettlaken und ein paar Flaschen Bier ein und machten uns auf den Weg. Im fünften Stock eines Mietshauses feierte eine Kanadierin ihren Geburtstag. Schon vor dem Eingang des Gebäudes empfingen uns betrunkene halbnackte Kanadier, die mehr oder weniger ästhetisch in Tischtücher gewickelt und mit Lorbeerkränzen gekrönt waren. Ich fragte mich sofort, welch einen Eindruck dies auf den Durschnittstadschiken von der Straße machen könnte; aber es gibt so viel für sie Seltsames, was wir tun, da spielt so etwas auch kaum mehr eine Rolle. Die Wohnung war vom Holzfußboden bis zur Decke komplett weiß gestrichen, was zu einer interessanten farblichen Einheit mit den weißen „Togen“ der Partygäste führte. Zwischendurch gab es eine halbe Stunde lang Stromausfall – das häuft sich in den letzten Tagen, ein Anzeichen dafür, dass der Herbst vor der Tür steht (es sind draußen auch nur noch 29 Grad). Später klingelte es einmal, und vor der Tür stand ein tadschikischer Polizist. Für einen kurzen Moment verfiel ich in einen schockartigen Zustand, ich wollte nur ungern doch noch etwas über den Zustand tadschikischer Gefängnisse herausfinden. Dann stellte sich aber heraus, dass es nur ein tadschikischer Bekannter der Gastgeberin war, der sich einen Scherz erlaubte. Spät in der Nacht stand ein hellhäutiger Tadschike nachdenklich an einem Fenster und rauchte. Während er dort so in seinem pseudogriechischen Gewand lehnte, schien er auf einmal einer Büste Alexanders des Großen zu gleichen, nachdenklich und doch gleichzeitig voll übermenschlicher Bestimmtheit. Vielleicht hatte ich tatsächlich einen Nachfahren einer gräko-baktrischen Kultur vor mir.

Zu der Frage „Wo bin ich hier?“ gesellt sich mittlerweile eine zweite hinzu: Was mache ich hier eigentlich? Und wozu? In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile bei der Aufklärung angelangt, wo ich naturgemäß einige Zeit verweilen werde; zumal ich, ohne allzu kulturimperialistisch erscheinen zu wollen, einfach mal in den Raum werfe, dass Tadschikistan einen guten Schuss aufklärerischen Gedankenguts durchaus gebrauchen kann. Furchtlos näherten wir uns also Kants Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ und gingen von da aus noch ein ganzes Stück weiter.

Noch am gleichen Tag erzählte mir Andre neue Details über den letzten Winter: Ganze Dörfer sind erfroren und verhungert, auch deswegen, weil die Regierung ausländische Nothilfeprogramme kategorisch ausgesperrt hat – ein Verhalten, das man ja bereits von der burmesischen Militärjunta kennt. Dies hat denn auch zu einigen verzweifelten Protesten im ländlichen Raum geführt, die, wie nicht anders zu erwarten, von der Regierung äußerst brutal beendet wurden. Das wiederum brachte die ehemaligen Kommandanten aus Bürgerkriegszeiten dazu, wieder einmal die Kalaschnikovs und Panzerfäuste zu ölen beziehungsweise sich neue aus Afghanistan zu bestellen. Der Präsident stand kurz vor einem Gegenschlag; auch drohte er damit, die Pamiris wüssten ja, welche mächtigen Freunde er habe – womit eindeutig Russland gemeint war (es sei dahingestellt, wie weit Russlands neue Großmachtgelüste im Moment wirklich reichen). Warum dennoch kein Krieg ausgebrochen ist, ist mir nicht ganz klar. Grundsätzlich besteht wohl zwischen der Regierung und den Kommandanten eine Art Stillhalteabkommen, das darauf basiert, dass die beiden sich die Einnahmen aus dem Opium- und Heroinhandel teilen.

Angesichts dieser Gesamtsituation stellt sich natürlich schon die Frage, welchen Sinn eigentlich unsere Arbeit hier hat. Der kategorische Imperativ Tadschikistans scheint eher zu lauten „Schlag zu und hau ab!“. Einer gewissen Anzahl an Studenten können wir es jedes Jahr ermöglichen, das Land für einige Zeit zu verlassen und frisches Know-How zu erwerben, aber was werden sie damit machen können, wenn sie zurückkommen?

Im Moment lese ich den Roman „Churramabod, Stadt der Freude“ des russisch-tadschikischen Autors Andrej Wolos, ein Kessel Buntes voller episodenhafter Erzählungen über das Zusammenleben von Russen und Tadschiken in einer fiktiven tadschikischen Stadt, in einer undefinierbaren Zeit zwischen 1920 und 1990. Darin taucht ein unwahrscheinlicher oder zumindest ungewöhnlicher Charakter auf, ein Russe, der zunächst im Rahmen eines Forschungsprojekts für einige Monate nach Churramabod gehen soll. Seine Stelle wird nicht verlängert, und so bleibt er schließlich in dieser fremden Stadt in einer völlig fremden Kultur hängen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als in dieser Kultur endlich voll und ganz anzukommen, islamisiert oder persifiziert seinen eigenen Namen, arbeitet auf dem Basar bei einem Lebensmittelhändler und hat nach einigen Jahren nur noch tadschikische Freunde. Als plötzlich zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen innerhalb der „tadschikischen“ Bevölkerung (was ist das eigentlich?) blutige Konflikte ausbrechen, sieht er sich in einer gefährlichen nächtlichen Straßenszene gezwungen, über seine eigene Identität Auskunft zu geben, indem er als eine Art Codewort ein tadschikisches Sprichwort vervollständigen soll. Er meistert das Sprichwort bravourös, seine Aussprache ist nicht vom tadschikischen „Original“ zu unterscheiden – und sofort wird er von seinem Gegenüber erstochen. Er hat sich damit als jemand von genau der falschen Front erwiesen, als Erzfeind der anderen.
Versteht man irgendwann, wie das Spiel hier läuft? Nach einem Jahr? Nach vier Jahren, nach einem halben Leben? Ich gebe mich im Moment nicht der Illusion hin, hier irgendwann einmal „wirklich dazuzugehören“, so sympathisch mir die Menschen auch sind. Ich wohne seit letztem Samstag in meiner eigenen Wohnung, mit zwei Zimmern und größer als alle anderen, die ich jemals hatte. Sie ist ruhig, die Fenster zur Straße sind leicht abgedunkelt, es gibt deutsches Satellitenfernsehen und ich kann meine eigene Musik hören. Erst wenn ich die Wohnung verlasse, ist plötzlich alles anders.

Von einem echten Alltagsleben bin ich noch weit entfernt, dafür passieren ständig zu viele neue Dinge. Ich habe nun auch endlich wieder angefangen Russisch zu lernen, bei einer privaten Russischlehrerin (ich fühle mich doch noch allzu oft verloren mit meinen Basiskenntnissen, daran muss ich nun arbeiten). Die deutsche Studentengruppe ist angekommen, und morgen gibt es dann endlich auch ein Zusammentreffen mit meinen begegnungshungrigen tadschikischen Studenten. Ein wenig Sorgen macht mir deren Konkurrenzdenken bei den Bewerbungen um die Stipendien, deren Bewerbungsfristen zum Teil schon in einer Woche ablaufen: Am liebsten würde jeder von ihnen mich ganz alleine als persönlichen Bewerbungscoach haben (was bei vielen auch durchaus notwendig wäre – ihre Kenntnis von Dingen wie Lebenslauf, Motivationsschreiben und Online-Formular hält sich sehr in Grenzen). Einer von ihnen gestand mir heute seine große Angst ein, seinen „Gegnern“, also den Kommilitonen in seinem Seminar, zu unterliegen; ich solle die Bewerbungstipps doch bitte nicht im Seminar thematisieren, sondern nur denjenigen geben, die mich persönlich danach fragen. Mit einem Mal spüre ich den ganzen Existenzdruck, der auf den Jungen und Mädchen an der Uni hier lastet.

Am Sonntag fliege ich nach Khudjand zur Bildungsmesse und werde wohl am Dienstag mit der Marschrutka nach Duschanbe zurückfahren – eine Fahrt, die dieses Mal etwa zwölf Stunden dauern wird, da der Tunnel durch die Fan-Berge, den die Chinesen gebaut haben, im Moment blockiert ist. Es gibt also sicher bald wieder etwas zu berichten. Anbei nur ein kleines Bildchen von unserem letzten Ausflug in die Berge. Ich bin ein bisschen fotofaul, muss ich zugeben, was auch mit meiner derzeitigen Ausruestung zu tun hat: Ich mache zahlreiche Dia-Bilder, aber die werde ich halt fruehestens Weihnachten zu Gesicht bekommen.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hi Tim,
hört sich ja alles sehr spannend an. Hoffentlich schreibst du weiter fleißig. Ein paar Fotos sind natürlich auch nicht zu verachten.
Ich hoffe du hast weiter eine gute Zeit und frierst dir nicht den Hintern ab. Hat deine Wohne denn eine Backuplösung für die Heizung?
Gruß aus dem endlich mal wieder sonnigen Bonn
Marcel