Sonntag, 14. September 2008

Der Krieger erwacht



Wo bin ich hier eigentlich? Das wird sich der geneigte Leser hin und wieder fragen, aber auch ich selbst frage mich das nach wie vor. Anstatt längerer Erzählungen breite ich dieses Mal lieber ein buntes Kaleidoskop von Beobachtungen aus, vielleicht entsteht dadurch ein etwas anderes Bild.

Die Party des Jahres, zumindest die ungewöhnlichste, fand gestern Abend statt. Garth, ein Amerikaner, arbeitet hier für Relief International, eine Organisation, die versucht, hier ein Projekt ähnlich wie „Schulen ans Netz“ zu etablieren, vor allem im ländlichen Raum, in Dorfschulen, und zwar speziell zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs. Dieser Garth nun scheint wirklich schon ein alter Hase der Expat-Szene zu sein. Es gibt hier, etwa 20 Kilometer von der Stadt entfernt, einen Kletterfelsen, der seit Sowjetzeiten benutzt wird, und es hat sich seit einiger Zeit eine kleine Klettergruppe aus Expats und einigen Russen und Tadschiken etabliert, die den Ort auch weiterhin nutzen. Garth ist nun auf die Idee gekommen, die kürzer werdenden Tage weiterhin zu nutzen, indem er nach Einbruch der Dunkelheit den Kletterfelsen anleuchtet; das wollte er bewerkstelligen, indem er einen Dieselgenerator mitbringt, an den er eine lange Kette von Glühbirnen koppelt, die dann am Fels angebracht werden sollten. Zur ersten Erprobung dieser Idee lud er zu einer kleinen Party und hatte außer dem Generator auch körbeweise Feuerholz, einen Schaschlikgrill, Zelte und jede Menge eisgekühltes Baltika-Bier mitgebracht.

Nach einer gewissen Vorbereitungszeit erglühte die Lichterkette dann tatsächlich, und der Kletterfels wurde angeleuchtet wie ein überdimensionaler Weihnachtsbaum. Die geladene Menge aus Russen, Tadschiken, Franzosen, Deutschen, Schweizern, Afghanen, Engländern und Amerikanern applaudierte, und bald begannen die ersten sich auf die Felswand zu wagen, die Russen nahezu ungesichert, dafür mit Helmen, die ihnen bei einem Fall aus 20 Metern Höhe allerdings auch kaum geholfen hätten.. Ich hielt mich weise zurück, es schien mir nicht angebracht, meine ersten Klettererfahrungen im Halbdunkeln und angefeuert von alkoholisierten Partygästen zu machen. Kurz nach Beginn der Kletterparty traf unerwartet eine Familie auf dem felsig-staubigen Gelände ein, die ich sofort freudig erkannte: Judith und Dominik, die ich aus dem Oscar-Romero-Haus in Bonn kenne, kamen gerade mit ihren zwei Kindern und einer deutschen Freundin von einer zehntägigen Trekkingtour in den Fan-Bergen zurück. Der Situation entsprechend waren die beiden Kleinen ziemlich quengelig und aufgekratzt, Dominik unterließ es dennoch nicht, zumindest eine Zeit lang den DJ zu spielen. So erschallte dann zwischen russischen und amerikanischen Songs auf einmal „Der Krieger erwacht“ der Fantastischen Vier durchs mondhelle Tal des Varzob.

Der Unabhängigkeitstag ein paar Tage zuvor, am 9. September war weniger spektakulär als gedacht. Um acht Uhr morgens hörte man von irgendwoher eine Ansprache und laute Musik, weiter geschah allerdings kaum etwas an diesem Tag, außer dass tadschikische Familien sich im Park neben dem neuen Präsidentenpalast tummelten. Vor der Statue von Somoni wurden David und ich unversehens von zwei Polizisten angesprochen. Zunächst dachten wir, wir hätten uns irgendeines imaginären Vergehens schuldig gemacht, doch dann stellte sich heraus, dass sie uns schlichtweg anbettelten; das tadschikische Polizistengehalt sei so mies, sie hätten Familien zu ernähren, könnten wir ihnen nicht vielleicht ein bisschen...?

Abends sahen wir ein Tanztheaterstück einer tadschikischen Gruppe, die mit einer französischen Choreographin zusammengearbeitet hatten. Wir empfanden es, gemessen an unseren Erwartungen, als unerhört modern, politisch und sexuell aufgeladen. Männer- und Frauenleiber schlungen sich sekundenlang ineinander; Darsteller prügelten sich um eine Wasserflasche; einer, der einen Dichter oder Intellektuellen darstellte, las zunächst einen Text von Blättern ab, die er aber später, frustriert oder irritiert von ihrem Inhalt, einzeln zerknüllte und begann, eine Frau damit zu steinigen; Männer begannen, Frauen in Kopftücher einzuhüllen, die dies freudig über sich ergehen ließen – ein deutlicher Hinweis auf die schleichende Re-Islamisierung des Landes (auch heute sieht man nur wenige Frauen mit Kopftuch auf den Straßen, aber noch vor zwei oder drei Jahren war dies wohl noch völlig unüblich). Vieles war uneindeutig, eine Herausforderung für die westlichen Zuschauer, aber noch mehr vielleicht für viele Tadschiken, für die avantgardistische kulturelle Entwicklungen des 20. Jahrhunderts oftmals absolutes Neuland sind.

Vieles ist hier nicht so, wie es scheint, sagt Sonja. Die Menschen scheinen alle entspannt zu sein, im Sommer gibt es fast alles zu kaufen, was man sich wünschen kann, in Bars und Restaurants wird Alkohol ausgeschenkt (zum Beispiel im einzigen Irish Pub Tadschikistans, in dem jedes Wochenende die einzige tadschikische Bluesband „Wonderful Tonight“ von Eric Clapton spielt). Nur ganz nebenbei bemerkt man, dass die ganze Stadt voll ist mit Polizisten, rund um die Uhr und vor allem in der Nähe des Präsidentenpalastes; genauso an den Eingangstoren der Stadt, wo jedes Fahrzeug angehalten wird und die Personalien der Fahrer überprüft werden. Präsident Rachmon oder die Regierung – was aufs gleiche hinausläuft – scheinen irgendwie nervös zu sein. Und das hat natürlich, wie Sonja erzählt, mit der anderen, der östlichen Hälfte des Landes zu tun, mit der autonomen Region Gorno-Badakshan, wo die Warlords aus Bürgerkriegszeiten weiter ihr Volk oder ihre Völker unangefochten regieren und großen Wert darauf legen, dass ihre Autonomie nicht nur auf dem Papier existiert. Während des schon öfter erwähnten letzten katastrophalen Winters gab es Anschläge in Duschanbe, und für einige Zeit war die Stimmung in der Stadt extrem angespannt und aggressiv, Gerüchte über die Evakuierung aller Ausländer machten die Runde, und hin und wieder hörte man nachts in den Straßen etwas, das wie Schüsse klang. Dann wurde es wieder wärmer, und mit den Minustemperaturen verschwanden auch die Gerüchte über ein Wiederaufflammen des Bürgerkriegs.

Dessen ungeachtet scheint das asiatische Ausland Tadschikistan als guten Ort für Konferenzen anzusehen. Als ich angekommen bin, fand ja gerade noch die Konferenz der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) statt (auf der Russland von China einen kleinen Rüffel wegen der Unterstützung separatistischer Minderheiten erhielt), mit einem unfassbar massiven Aufgebot an Diplomaten, Beratern, Wirtschaftsleuten und sonstigem Personal, das die Kapazitäten Duschanbes vollkommen gesprengt haben muss. So habe ich denn dann auch gehört, dass die zahllosen Angehörigen der russischen Delegation im nagelneuen Hyatt Hotel untergebracht werden sollten, der neuen ersten Adresse vor Ort. Das Problem bestand allerdings darin, dass das Hotel eigentlich erst im Februar 2009 eröffnet werden soll, und demzufolge war noch kein einziges Zimmer mit Möbeln ausgestattet – ein Problem, das den Veranstaltern aber erst drei Tage vor Beginn der Konferenz auffiel. Fieberhaft suchte man nach irgendeiner Lösung, um es sich mit den Russen nicht zu verscherzen, und verfiel schließlich darauf, über Ikea in Russland temporäres Mobiliar für die gebuchten Suiten des Luxushotels zu bestellen, eine gigantische Expresslieferung, die innerhalb zwei Tagen stattfand; ein Heer von Mitarbeitern muss Tag und Nacht damit beschäftigt gewesen sein, all die Billys und Lacks aufzubauen. Jetzt, nach der Konferenz werden die Möbel natürlich nicht mehr benötigt und billig wieder verscherbelt. Demnächst, wenn ich umziehe, werde ich wohl einen Schreibtisch benötigen; vielleicht frage ich mal beim Hyatt nach.

Bei mir selbst gibt es auch ein paar Neuigkeiten: Ich unterrichte ab jetzt statt vier zwölf Wochenstunden an der Uni. Die Hörer meiner Literaturvorlesung bestehen aus vier Gruppen (gestaffelt nach Deutschkenntnissen), für die ich dann jeweils einzeln auch noch ein Seminar anbiete. Ich bin mittlerweile bei der Lyrik des 30jährigen Krieges angelangt, was hier auch ganz interessant werden könnte, angesichts der Bürgerkriegsvergangenheit des Landes (auch wenn keiner meiner Studenten diese Zeit bewusst miterlebt haben dürfte). Dann werde ich auch noch, wohl im Wechsel mit David, einen Oberstufenkurs Deutsch im Kulturzentrum Bactria unterrichten, für Leute, die schon sehr gut sind, aber einfach einen großen Konversationsbedarf haben. Dann gibt es noch einen Tadschikisch-Intensiv-Kurs für deutsche Studenten, der ab morgen an meiner Uni stattfindet und geradezu nach einem „Come Together“ mit meinen Studenten schreit. Und in zwei Wochen werden wir wohl für ein paar Tage nach Khudjand im Norden des Landes fahren oder fliegen, da dort eine kleine Bildungsmesse stattfindet, auf der auch der DAAD einen Stand hat (ich würde eigentlich ganz gerne fahren, auch wenn eine Fahrt ungefähr acht Stunden dauert; es ist auf jeden Fall möglich, seit die Chinesen eine neue fantastische Straße ins Gebirge gehauen oder gesprengt haben. Die chinesischen Straßenbauarbeiter, die angeblich Sträflinge sind, haben wir schon desöfteren gesehen). Ab nächsten Mittwoch werde ich privaten Russisch-Unterricht nehmen, damit es da auch endlich mal weitergeht. Und irgendwann muss ich dann auch wirklich mal umziehen, auch wenn David mich immer noch mit sehr viel Gleichmut erträgt.
Anbei noch ein Bild vom wunderschönen traditionellen Teehaus Rochat, in dem man unbedingt Schaschliki gegessen haben muss.

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