Frauenpower?
Der heilige Gral des Toleranzgedankens und der Interkulturalität in Deutschland ist immer noch die Ringparabel aus Lessings „Nathan der Weise“. Was böte sich also in einer Vorlesung über deutsche Literatur, in einem Land wie Tadschikistan eher an, wenn man sowieso schon gezwungen ist, die Literaturgeschichte von ganz hinten aufzurollen? Mit großem Interesse lasen die Studenten dann auch die wenigen Seiten, die das Fundament des modernen Multikulturalismus darstellen.
Im Anschluss an die Vorlesung sprachen wir in kleinerer Runde noch etwas ausführlicher über den Toleranzgedanken. In begnadeter Einfallslosigkeit lenkte ich das Gespräch auf das Thema Kopftuchverbot, das, wie im letzten Eintrag zu lesen war, hier ein genauso heißes Eisen ist wie in Deutschland, Frankreich oder der Türkei. Die Meinung der Studenten war genauso zwiespältig wie die Hauptfronten der Diskussion im Westen: Einerseits waren alle, Jungs wie Mädchen sich einig, dass das Kopftuch an sich kein rein religiöses Symbol sei, sondern mit individuellem modischem Gefühl oder auch persönlichem Sicherheitsempfinden zu tun habe. Auf die Frage an die Studentinnen, was sie denn machen würden, wenn sie einen Mann heiraten würden, der von ihnen verlange, das Kopftuch zu tragen, gaben sie dann aber zur Antwort (zumindest diejenigen, die überhaupt den Mund aufmachten): So einen Mann wollten sie überhaupt nicht erst heiraten. Einige der Jungs entgegneten, dass sei doch aber nun einmal gang und gebe in Tadschikistan, wenn die Hochzeit stattgefunden habe, habe die Frau nichts mehr zu sagen. Immer mehr Frauen seien verschleiert. Die Studentin, die sich zuvor am vehementesten dagegen ausgesprochen hatte, blickte zwischen den Jungs, ihren Kommilitoninnen und mir wild hin und her. Die Emanzipation in Tadschikistan ist ein fragiles Gebilde.
Hinzu kommt, dass Frauen und Männer in ihrer Ehe ohnehin nicht viel voneinander haben: Mindestens eine Million tadschikische Männer leben zur Zeit in Russland (eine unvorstellbare Zahl, da Tadschikistan nur sieben Millionen Einwohner hat), wo sie eine Art Gastarbeiterstatus haben und für billige Löhne und gegen widerwärtige rassistische Anfeindungen nahezu der ganzen russischen Bevölkerung arbeiten, vor allem im Baugewerbe. Annemarie Berger in Chudschand hatte uns bereits von tadschikischen Kolleginnen erzählt, deren Männer seit zwei oder drei Jahren in Russland lebten. Manche kehren irgendwann wieder für eine Weile zurück, wie die Männer die ich bei meiner Ankunft am Flughafen gesehen habe. Andere melden sich überhaupt nicht mehr bei ihren Frauen und sind verschwunden. Mein Taxifahrer, den ich etwa jeden dritten Tag treffe und der eine akademische Ausbildung hat, meinte kürzlich, in naher Zukunft werde es in Tadschikistan nur noch zwei Berufe geben: Taxifahrer und Polizisten, die die Taxifahrer grundlos anhalten und von ihnen Bakschisch kassieren.
Männersache?
Einen Tag später war ich mit zwei Studenten zum Essen verabredet. Wir fuhren mit einer Marschrutka etwa 20 Minuten, bis in einen Vorort, in dem es einen großen Lebensmittelbasar gab. An den Basar angeschlossen gab es ein großes tadschikisches Lokal. In einer hohen Säulenhalle waren zahlreiche Tische aufgestellt; Meine Studenten steuerten jedoch direkt eine Seitenwand des Restaurants an: Dort waren in die gekälkte Wand nebeneinander mehrere kleine Kabinette oder Separées in die Wand eingelassen. Im Inneren befand sich ein längerer niedriger Tisch und zwei bequeme Sofas, auf denen man sich gegenübersaß. An den Tischen wie in den Kabinetten saßen größtenteils Tadschiken in traditioneller Kleidung, essend, teetrinkend oder Wasserpfeife rauchend. Hier gebe es das beste Osch der ganzen Stadt, versicherten mir die beiden. Osch ist der tadschikische Name für Plov, oder auch Pilau, ein äußerst fettiges Reisgericht mit Hammelfleisch sowie sehr viel Knoblauch und Gemüse je nach Saison. „Osch“ wie auch „Plov“ klingt recht lautmalerisch, und das ist nicht untertrieben: Das Osch blockiert den Magen über mehrere Stunden hinweg völlig und führt zu nahezu vollkommener Bewegungslosigkeit, der nur mit sehr viel Tee abgeholfen werden kann. Das führte automatisch dazu, dass wir sehr lange auf den gemütlichen Sofas sitzen blieben, von der dröhnenden Außenwelt abgeschirmt. Hier, das merkte man, waren die Tadschiken ganz bei sich.
Ich brachte das Gespräch noch einmal aufs Heiraten. Die Inszenierung der Hochzeit, die die Studenten für die Deutschen veranstaltet hatten, war nicht ohne Bezug zur Realität: Tatsächlich, so erfuhr ich, würde der Junge, der den Ehemann gespielt hatte (im letzten Eintrag ist er auf dem Foto zu sehen, er trägt den bunten Mantel), im kommenden Jahr bereits heiraten. Er ist, wie die meisten anderen seines Studienjahres, 20 Jahre alt. Seine zukünftige Frau hat er noch nicht kennengelernt, das geschieht erst wenige Tage vor der Hochzeit, wenn es zu verschiedenen offiziellen Treffen zwischen den beiden Familien kommt. Die Abmachung über die Hochzeit haben sein Eltern und die Eltern der Braut allerdings schon längst getroffen. Die Hochzeit ist meist ein aufwändiges Großereignis, zu dem stets Hunderte von Gästen geladen, zahlreiche Tiere geschlachtet und verschwenderische Aussteuern gezahlt werden. So exzessiv ist der Aufwand, dass Präsident Rahmon im letzten Jahr gesetzliche Obergrenzen für die Ausrichtung von Hochzeitsfeiern erließ. Ein beliebtes Geschenk ist ein Auto, wie man auf dem Bild oben sehen kann.
Ich fragte die beiden, wie das denn bei ihnen sei mit dem Heiraten. Nun, eigentlich wollten sie noch nicht heiraten, sondern lieber erstmal studieren (am liebsten in Deutschland; ein Wink mit dem Zaunpfahl bezüglich ihrer noch nicht ausgewerteten Stipendienbewerbung. Ich überhörte das geflissentlich und sah zu, dass ich mein Essen am Ende selbst bezahlte). Ihre Eltern, speziell ihre Mütter, sähen das aber anders: Möglichst bald müsse eine Frau ins Haus, die ihr, der Mutter, im Haushalt helfen könne. Was solle man da machen? Wie die Studentinnen aus ihrer Gruppe das denn sähen, fragte ich noch. Da gäbe es solche und solche: Einige, besonders die, die gestern so leidenschaftlich diskutiert hatten, wollten gar nicht heiraten. Besonders gäbe es da eine Studentin (es war diejenige, die von allen Stipendienbewerbern die beste Bewerbung abgegeben hatte), die sei – und bei diesen Worten schwang eindeutig so etwas wie Furcht in den Stimmen der jungen Männer mit – nun, die sei – sehr speziell. Auf dem Rückweg zur Bushaltestelle sagten sie mir noch, diese Gegend hier sei bekannt dafür, dass man abends viele Prostituierte finde. Ob sie damit schon Erfahrungen hätte, fragte ich; sie lachten nur.
Gestern Abend gab es dann noch die allwöchentliche Ausländerbespaßung, dieses Mal mit einer gelungenen Überraschung: Im Irish Pub spielte Rockband aus Kabul, „White City“, die nur aus Angehörigen internationaler Organisationen besteht, die unter anderem aus Frankreich, Schweden, Australien, Dänemark, Spanien und dem Iran kommen. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass sie in einer extrem wechselnden Besetzung spielen. Das zog natürlich eine Menge Leute an, wahrscheinlich war an diesem Abend die gesamte internationale Gemeinde Duschanbes versammelt. Trotzdem bemerkte der Saxofonist der Band mir gegenüber, das sei ja alles sehr überschaubar bei uns hier drüben, kein Vergleich zu Kabul. Die Westler scheinen dort in ihrer eigenen Welt leben, anders kann man sich das Zustandekommen solcher subkulturellen Phänomene wohl kaum erklären. Die Band hatte ihr komplettes professionelles Equipment mitgebracht, inklusive eines DJ-Pultes, wo in der Pause und nach dem Konzert Housebeats aufgelegt wurden. Es wurde ausgiebig getanzt und gesprungen. Kabul, das war mir nach diesem Abend klar, ist ein eigener Planet.
Heute habe ich dann noch einmal eine kleine Wanderung unternommen, mit Wero, einer Freiburger Ethnologin, die hier über die Arbeitsmigration der tadschikischen Männer nach Russland forschen will, und Martina, einer polnischen Lehrerin, die an der Uni Polnisch unterrichtet. Wir fuhren mit der Marschrutka bis ins Takob-Tal, das von einer kleinen Sogdisch sprechenden Minderheit bewohnt wird. Es war wunderschönes herbstlich-frisches Wetter, die Pappelalleen schimmerten goldgelb und der Schnee reichte schon fast bis an die Dörfer heran.
1 Kommentar:
Wollte nur kurz mal melden, dass ich hier mit Begeisterung mitlese. Bei der kurzen Pause nach den ersten drei Einträgen hatte ich kurz befürchtet wir würden nichts Weiteres lesen dürfen. Bin aber wieder beruhigt. :)
Ist sehr spannend von Dir einen kleinen Einblick in dieses Land zu bekommen. Vor Deiner Abreise hatte ich ja kaum mal den Name dieses Landes gehört.
Und solltest Du mal wieder kommen kannst Du Gift drauf nehmen, dass ich Dich damit nerve, dass ich Deinen Bericht über die Weltreise mal lesen möchte. Du schreibst sehr gut und ich will mehr lesen.
Lieben Gruß aus der Heimat!
Gunnar
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