Mittwoch, 22. Oktober 2008

Rock The Kasbah

Die Umstände haben es erfordert, eine längere Schreibpause einzulegen; dies führt nun natürlich zu einem Stau von Geschichten und Erlebnissen, die der junge, ungestüme Schreiber verarbeiten muss. Kürzer fassen kann ich mich leider auch nicht, man möge mir also verzeihen. Auch muss ich euch einige der attraktiveren Bilder vorenthalten, weil viele davon nur auf Diafilm gebannt und noch nicht entwickelt sind. Zu Beginn, ein wenig aus dem Kontext gerissen, ein Bild, das eine tadschikische Hochzeit zeigt, die einige meiner Studenten für die deutsche Studentengruppe als Theaterstück inszeniert haben. Es war sehr anschaulich und sehr lustig, und gleichzeitig auch ernst, wenn man bedenkt, dass die meisten hier in diesem Alter tatsächlich bereits schon heiraten und viele Akteure so ihre eigene nahe Zukunft vor Augen hatten. Vielleicht noch der Hinweise, dass die Bilder jetzt in etwas größerem Format hochgeladen sind, es lohnt sich also jetzt sie anzuklicken.




Clubbing in Tadschikistan

Es beginnt, leider unvermeidlich, erneut mit der Berichterstattung übers Nachtleben. An dem Wochenende, an dem wir nach Chudjand geflogen sind, hatten wir zuvor noch erstmals die Gelegenheit, eine tadschikische Disco zu besuchen. Mussadas, die hin und wieder für den DAAD arbeitet und in den letzten Wochen die deutsche Studentengruppe betreut hat, flog am Sonntag für ein Jahr nach Deutschland (sie wird ein DaF-Studium in Bochum beginnen) und wollte ihren Abschied im Club Dior feiern, einer von drei Diskotheken in Duschanbe (zumindest habe ich bisher nur von dreien gehört). Um halb zehn abends traf ich mich mit ihr und den deutschen Studenten. Der Club, im ersten Stock eines Geschäftshauses gelegen, erinnerte mich spontan an den allerersten Club, den ich in meinem Leben zu Gesicht bekam: die Schülerdisco im englischen Seebad Eastbourne, in der man als 14jähriger nachmitttags mit Cola und Sprite zu Dr. Alban tanzen konnte. Hier gab es allerdings auch Bier und Wodka. Auf unbequemen Stahlstühlen saß man an Glastischen, auch etwas zu essen konnte man bestellen. Neben uns saß ein kleines Grüppchen von Jugendlichen zusammengedrängt an einem Tisch und blickte argwöhnisch auf die leere Tanzfläche, an deren zwei Wandseiten große Spiegelflächen installiert waren wie in einem Ballettstudio. Die Klimaanlage lief auf Hochtouren und verstärkte die unterkühlte Atmosphäre. Wir saßen uns gegenüber, aufgrund der Lautstärke der Musik unfähig uns zu unterhalten, und begannen mit enormem Tempo die Wodkaflaschen, die auf den Tisch gestellt wurden, in die Gläser und dann in unsere Speiseröhren zu entleeren. Das Grüppchen am Nebentisch hatte ihr gemütliches Abendessen im Stroboskoplicht beendet, und wie auf Kommando standen nun alle auf, drängten auf die Tanzfläche und begannen sofort intensiv und leidenschaftlich zu tanzen. Es lief ein Mix aus russischem Techno und tanzbaren Klängen aus allen Ecken des Orients; so durfte auch Tarkan an diesem Abend nicht fehlen. Auch die deutsche Gruppe hielt es nun nicht mehr auf den Plätzen. Sie waren zuvor in einem Nachmittagskurs in traditionellem tadschikischem Tanz geschult worden und konnten jetzt mit ihren Kenntnissen triumphieren.

Auch ich schwang ein Weilchen das Tanzbein. David und mir, inzwischen bereits geschulte Expats, war diese Anbiederung an die Landeskultur dann aber doch zuviel, da wir ernsthaften Schaden für unsere Ohren befürchteten; auch durfte man auf der Tanzfläche nicht rauchen. Wir verließen das Dior und gingen zielstrebig zum bereits erwähnten Irish Pub. Wie jeden Freitag standen in langen Reihen davor bereits die Jeeps aller staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen versammelt. Ihre Fahrer waren teils bereits merklich angeheitert, was viele allerdings nicht daran hinderte, sich später noch ans Steuer zu setzen. Nach einiger Zeit in der feinen westlichen Gesellschaft entstand der kollektive Wunsch, den Abend im Port Said zu beenden, dem zweiten der drei erwähnten Clubs. Sonja hatte mir zuvor davon abgeraten, das Port Said sei unterste Sohle und eigentlich nichts weiter als ein schlecht kaschierter Puff. Das war uns nun egal oder sogar recht, wir schlossen uns den anderen betrunkenen Westlern an und ließen uns mit dem Taxi fahren. Der Laden war eigentlich ganz gemütlich, die Musik erheblich besser und nicht ganz so laut. Mir gegenüber auf einem schwarzen Ledersofa saß ein älterer grauhaariger Westler, der mutig sein Hemd aufgeknöpft hatte, um seinen Brustpelz zu präsentieren. Mit seinen Armen hielt er zwei junge Tadschikinnen umschlungen, die ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen schienen, was sicherlich nicht kostenlos geschah. Ach ja, die Heimat ist weit weg und irgendwie muss man sich ja trösten.

Bildungsmesse, Nr. 1

Am Samstag hatte das DAAD-Team dann einen gemeinsamen öffentlichen Auftritt: Die erste von vier nationalen Bildungsmessen, die von der Soros Foundation beziehungsweise dem Open Society Institute organisiert wurden, fand in Duschanbe statt. Nachdem Kai uns mit T-Shirts ausgestattet hatte, die einen tadschikischen DAAD-Aufdruck tragen, konnte man uns noch weniger übersehen als ohnehin schon (aufgrund von Größe und Hautfarbe). In den klimatisierten Räumen des VEFA-Centers angekommen, mussten wir als einzige deutsche Organisation neben den vielen Amerikanern natürlich ordnungsgemäß repräsentieren, und so wurde unser Stand ein kleines Wunder des Messebaus, im Vergleich zu den anderen, die lediglich mit ein paar Fähnchen und Posterchen aufwarten konnten. Als dann die Massen der bildungshungrigen jungen Tadschiken in die Halle strömten, gehorchten sie den gleichen Gesetzen wie wohl alle Messebesucher weltweit: Alles was bunt und kostenlos ist, wird so schnell wie möglich abgegriffen. Hochschulsommerkurse, internationale Masterprogramme, Wissenschaftleraustausch, Bolognaprozess – man steckte einfach mal alles ein, auch wenn sich die Sprachkenntnisse und das Wissen über Deutschland oft auf die letzte Fußball-WM beschränkten.

Allgemeine Dysfunktionalität

Am Sonntagmorgen sollte es dann also nach Chudschand gehen, mit dem Flugzeug. Am späten Samstagabend jedoch geriet dieser Plan in Gefahr, als mir mein Wohnungsschlüssel im Schloss abbrach. Ich verbrachte die Nacht noch einmal bei David auf dem Sofa. Am nächsten Morgen rief mein Vermieter den „Schlüsseldienst“ an, und bald rückte dann auch ein kleiner alter Mann an, der mit einem riesigen Schraubenzieher, einem Hammer, einem ziemlich demolierten Schlagbohrer und einer Kreissäge bewaffnet war. Hammer und Schraubenzieher reichten schließlich aus, um das Schloss zu zerstören und die Tür zu öffnen, und nachdem ich meine Sachen in den Rucksack geworfen hatte, fuhr ich schnell weiter zum Büro und dann zum Flughafen. Martina, eine polnische Lehrerin, hatte mir bereits versichert, kaputte Schlösser und abgebrochene Schlüssel seien kein Grund sich aufzuregen, das geschehe hier jeden Tag; ein Symptom der allgemeinen Dysfunktionalität, die die ganze tadschikische Gesellschaft ergriffen hat. Jede Busfahrt, jeder Griff zum Lichtschalter kann zum Abenteuer werden.

So war es dann auch nur wenig überraschend, dass unser Flug drei Stunden Verspätung hatte. Drei Stunden lang harrten die Fluggäste in der stickigen Wartehalle aus, ohne dass eine einzige Durchsage erklang. Auch machte niemand Anstalten nachzufragen oder sich gar zu beschweren – was sicherlich auch kaum sinnvoll gewesen wäre. Krisen im Verkehr und in staatlichen Angelegenheiten sind hier scheinbar ein Teil der Naturgewalten.

Endlich wuchteten wir – David, Zarrina (meine tadschikische Kollegin) und ich – unser Messegepäck ins Flugzeug. Der Flug selbst war dann relativ unspektakulär, durch die dichte Wolkendecke konnten wir nur selten einen Blick auf die darunterliegenden schneebedeckten Berge werfen. Kurz vor der Landung überflogen wir dann noch das breite, beinahe türkise Band des Syr Darja.

Diesseits des Jaxartes

Was ihre Siedlungsgeschichte angeht, könnten Duschanbe und Chudschand kaum unterschiedlicher sein: Duschanbe wurde erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts von den Sowjets gegründet, zuvor gab es hier lediglich ein Dorf, in dem ein wöchentlicher Markt stattfand („Duschanbe“ heißt „Montag“ und bezeichnet den Tag, an dem der Markt stattfand). Chudschand dagegen ist wohl eins der ältesten Zeugnisse der langen Geschichte von Eroberungen in Zentralasien: Vor 2500 Jahren wurde es von Alexander dem Großen gegründet, als eine Befestigung gegen die Skythen, die er bis hinter den Syr Darja (der damals Jaxartes hieß) zurückgedrängt hatte. Schon damals also fransten „Europa“ und Asien, sesshaft-urbane und nomadische Kultur hier aus.

Auf unserer Fahrt in die Stadt sahen wir allerdings wenig Antikes. Annemarie, die hier am Goethe-Gymnasium Deutsch unterrichtet, hatte uns vom Flughafen abgeholt und zeigte uns nun in den verbleibenden Stunden des Tages etwas von der Stadt. Die Nähe des Gebirges ist hier noch präsenter als in Duschanbe, von jedem Punkt in der Stadt aus kann man irgendwie auf die dunklen Felswände blicken. Im Süden steigen sie direkt hinter dem Rand der Stadt auf. Dazwischen liegt lediglich noch der Syr Darja, der schon hier fast so breit ist wie der Rhein. Die Hauptstraße in der relativ kleinen Stadt heißt hier immer noch Ulitsa Lenina, und in der Nähe der Staatlichen Universität ragt tatsächlich immer noch ein vergoldeter Lenin empor und weist mit dem Finger in eine ebenso goldene Zukunft.

Von der Gegenwart scheint der Lack jedoch einigermaßen abgeblättert zu sein: Nach Annemaries Schilderungen führt sie hier ein recht hartes Leben, zumindest in den Wintermonaten. Duschanbe hatte sogar im harten letzten Winter nur ein paar Wochen lang ernsthafte Energieprobleme, hier dagegen begannen bereits jetzt, Ende September die Stromabschaltungen. Etwa fünf Monate lang, bis Anfang März also lassen Kälte und Dunkelheit die Stadt erstarren. Einen kleinen Vorgeschmack darauf bekamen wir, als wir abends nach einem Restaurantbesuch durch einige nahezu lichtlose Nebenstraßen streiften, ständig in der Sorge, plötzlich in eine der vielen ungesicherten Kanalöffnungen zu fallen. Auch ansonsten hat Annemarie hier wohl keinen leichten Stand; vor allem, da sie eine von nur ungefähr zehn AusländerInnen in der Stadt ist und ihr der Aufbau von Freundschaften zu Tadschiken ziemlich schwerfällt (ein Phänomen, von dem mir bisher nahezu alle Ausländer in Tadschikistan berichtet haben – sogar Multikulti-Veteranen wie Judith und Dominik).

Tücken des Internetzeitalters

Die Bildungsmesse in Chudschand fand in einem kleinen Gebäude in der Technologischen Universität statt und unterschied sich kaum von der in Duschanbe, war allerdings noch kleiner und hatte viel weniger Besucher. 200 Studenten verirrten sich in die Halle. Wie ich gehört habe, hat das auch damit zu tun, das hier, im fruchtbaren Norden des Landes, zu dieser Jahreszeit alle Studenten dazu verpflichtet werden, in der Baumwollernte mitzuhelfen, eine körperliche Schwerstarbeit, die sie von September bis Dezember beansprucht; fast das ganze Wintersemester über kann also praktisch kein geregelter akademischer Betrieb stattfinden. Gegen eine saftige Bestechungsgebühr können sich die Studenten allerdings ein Attest erkaufen, das sie von der Arbeit auf den Feldern befreit. Aber das kann sich natürlich nicht jeder leisten.

Am darauffolgenden Tag hatte ich am Lehrstuhl für Deutsche Sprache noch eine besondere Mission: Mit den Studenten, die sich für Sommerkurse oder Semesterstipendien beworben hatten, sollte ich einen Einstufungstest durchführen, um ihre Sprachkenntnisse zu überprüfen. Der sogenannte OnDaF wird im Internet durchgeführt und kam bei uns in diesem Jahr zum ersten Mal zum Einsatz: Nachdem ein Teilnehmer sich eingeloggt hat, wird ein C-Test generiert, also mehrere Lückentexte, in denen automatisch die Hälfte jedes vierten oder fünften Wortes entfernt wurde. Der Test dauert 50 Minuten und wird dann automatisch beendet. Der Betreuer des Tests loggt sich an einem anderen Computer auf der Seite von OnDaF ein (möglichst im gleichen Raum) und verwaltet die Ergebnisse, gleichzeitig beaufsichtigt er die Teilnehmer. Direkt im Anschluss wird automatisch ein Zertifikat als pdf-Dokument generiert, das man sofort ausdrucken kann. Das zeigt dann mehr oder weniger aussagekräftig an, welches Niveau der Teilnehmer erreicht hat. Innerhalb von knapp einer Stunde kann so jeder an jedem Ort der Welt ein offizielles Sprachzertifikat erhalten. Mir erscheint diese Prüfungsmethode manchmal etwas fragwürdig, dennoch scheint sie so etwas wie die Heilige Kuh der neueren Sprachlehrforschung zu sein.

Soweit die Theorie. In der Praxis musste ich zunächst einmal etwa eine Stunde warten, bis alle Teilnehmer eingetrudelt waren. Als wir dann im Internetcafé der Uni waren, stellte ich schnell fest, dass nur sechs der zehn Computer tatsächlich einsatzbereit waren. Das nächste Problem entstand, als die ersten Teilnehmer sich einloggen sollten: Nun kam heraus, dass die meisten sich noch gar nicht registriert hatten, eine Prozedur, die mit Usern, die des Deutschen kaum mächtig sind und für die ein Computer immer noch eine Wundermaschine ist, etwas länger dauern kann. Nachdem die Registrierung abgeschlossen war, mussten sie sich nun einloggen; dies scheiterte jedoch zunächst daran, dass die meisten sich Passwort wie auch Benutzernamen, die sie sich Minuten zuvor selbst ausgedacht hatten, nicht gemerkt oder aufgeschrieben hatten. Um beides noch einmal zu erfahren, mussten sie in ihren E-Mailposteingang schauen, wo die Registrierung bestätigt wurde. Hier war nun die nächste Hürde zu nehmen: Die meisten Teilnehmer konnten sich nämlich auch nicht mehr an das Passwort ihres E-Mailaccounts erinnern. Einige fanden es heraus, indem sie Familienangehörige oder Freunde anriefen, die aus irgendwelchen Gründen über dieses geheime Wissen verfügten; andere allerdings mussten sich noch einmal neu registrieren, unter strenger Beobachtung, damit sie sich dieses Mal das Passwort und den Benutzernamen wirklich aufschrieben.

Nun endlich konnte der erste Durchlauf beginnen. Einige Computer stürzten zwischenzeitlich noch ab, was bei den Testteilnehmern eine verständliche Panik auslöste – auch sie konnten aber schlussendlich den Test beenden. Ich musste lediglich die Mitarbeiterinnen des Lehrstuhls davon abhalten, ihren Studenten während des Tests über die Schulter zu blicken und zu helfen, was sie in jedem scheinbar unbeobachteten Moment probierten. Als ich schließlich wie ein Zeremonienmeister vor dem einzigen Drucker der Universität saß und die Zertifikate ausdruckte, war ich von einer riesigen Traube von Studenten umringt, die sich hier – vielleicht zurecht? – in einer Art Fegefeuer wähnten, das über ihre Zukunft entschied; eine Rolle, in der ich mich nicht völlig wohl fühlte. Einer der Studenten bot sich uns als Stadtführer an. Ich war mir schon vorher sicher, dass er das Stipendium nicht bekommen würde, und war ihm gegenüber sehr befangen.

Die arische Zivilisation

An dem halben Tag, der uns noch blieb, besuchten wir den Panschanbe-Basar („Panschanbe“ bedeutet Freitag – siehe obige Anmerkung), der in einer wunderschönen neoklassizistischen Markthalle aus den 20er Jahren untergebracht ist. Dort trafen wir auch zwei etwa zwölfjährige Schülerinnen einer türkischen Privatschule, die, wie so oft, „ihr Englisch verbessern“ wollten; verblüffend war schlichtweg, dass sie überhaupt schon so gut Englisch sprachen. Türkische Schulen, so erfuhren wir später von Dominik, genießen in Tadschikistan inzwischen sogar einen besseren Ruf als amerikanische; unter anderem, weil dort sehr viel mehr Disziplin gefragt ist. David dagegen besuchte, während ich die Tests durchführte, die einzige Waldorfschule Tadschikistans und zeigte sich erfreut über die Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder dort Deutsch lernten, Flöte spielten und einem selbstbestimmten Leben zugeführt wurden.

In einem brandneuen Museum, das in einer Nachbildung der historischen Stadtmauer untergebracht ist (vergleichbar denen in Chiwa und Buchara), lernten wir dann anhand vieler bunter Dioramen und knapper Texte einiges über den Ursprung, die Entwicklung und die beeindruckende Kontinuität der arischen Zivilisation, als deren Teil sich viele Tadschiken begreifen. Der Ausstellung zufolge besteht sie seit etwa 20.000 Jahren. Einige Tage später versuchte mir ein Hochschullehrer in Duschanbe allen Ernstes zu erklären, Tadschiken und Iraner seien ursprünglich ein germanisches Volk gewesen, das aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands nach Mittelasien gezogen sei. Zurecht verwies die Ausstellung dagegen auf große Wissenschaftler und Poeten, die aus Tadschikistan kamen – Avicenna, Firdausi oder Rumi. Ungewollt komisch war jedoch wiederum die Anmerkung „In the 11th century, Tajik civilization reached its peak“.

Grubenfahrt

Am Mittwoch, den ersten Oktober, wollten wir nach Duschanbe zurückkehren. Zarrina hatte bereits am Montag das Flugzeug genommen, weil sie wieder arbeiten musste. Wir hatten uns jedoch vorgenommen, den Landweg auszuprobieren. Da an diesem Tag das Ende des Ramadan ins Haus stand, was von den allermeisten Familien privat zu Hause gefeiert wird, war es nicht ganz einfach, eine Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Einen öffentlichen Straßenverkehr gibt es in Tadschikistan praktisch nicht. Eine einzige Eisenbahnstrecke gibt es zwar, doch sie kam für uns nicht in Frage, da der Zug nur etwa zweimal pro Woche fährt (Abfahrtstage ungewiss) und darüber hinaus einen grotesken Umweg über Turkmenistan und Usbekistan fährt, der etwa 30 Stunden dauert (man möge es sich auf der Landkarte vergegenwärtigen). So bleibt nur die Fahrt mit einem Sammeltaxi oder einem Jeep. Ersteres kam auch nicht in Frage, da auch hier die Dauer der Fahrt extrem ungewiss ist und wir beide am nächsten Tag arbeiten mussten. So organisierten wir uns schließlich einen kleinen chinesischen Jeep mit tadschikischem Fahrer, der außer uns noch seine russische Ehefrau und einen weiteren Passagier mitnahm.

Während der Fahrt wurde mir schnell klar, dass das Bild, das ich von den nördlichen Bergketten hatte, völlig falsch war: Auf der Landkarte sehen die Zarafschan- und die Hissarkette im Vergleich zum Pamir aus wie eine kleine Reihe von Hügelchen. Tatsächlich aber waren wir schon bald nach Beginn der Fahrt von schneebedeckten 5000ern umgeben und schraubten uns auf der holperigen Passstraße sehr schnell höher, vorbei an schwindelerregenden Abgründen. Diese erste Passhöhe konnten wir nicht umgehen: Zwar bauen die chinesischen Straßenbauteams auch hier an einem monumentalen Tunnel, es ist aber noch nicht klar, wann er fertiggestellt sein wird. An Baustellen am Straßenrand sahen wir auch immer wieder die chinesischen Arbeiter, sonnenverbrannt und schmutzig, die in improvisierten Zelten aus den berühmten blau-weiß-roten Plastikplanen Schutz vor Wind und Sonne suchten. Ich fragte einige Tage später noch einmal Dominik, was die Chinesen denn nun eigentlich so an Tadschikistan interessiere, dass sie für einen feuchten Händedruck eine hypermoderne Straße durchs halbe Land bauen. Er wusste es auch nicht mit Sicherheit, meinte aber, die neue Straße sei sicherlich breit genug, dass drei chinesische Panzer darauf nebeneinander fahren könnten.

Nach der Passhöhe fuhren wir tief ins Tal des Zarafschan hinab, durch oasenartige Dörfer, die aus Lehmhütten bestanden, umgeben von steilen rötlich schimmernden Felsflanken. Die Frau unseres Fahrers plauderte die ganze Zeit über wie ein Wasserfall. Zwischendurch lästerte sie auch über den Rektor der Staatlichen Universität von Chudschand: Sicherlich gäbe es in ganz Tadschikistan keinen Hochschulangehörigen, der noch korrupter sei; das sei aber auch kein Wunder, schließlich sei er ja Jude. Schweigen breitete sich im Wagen aus.

Bereits nach Einbruch der Dunkelheit wurden wir vor einer Brücke durch eine Straßensperre aufgehalten. Es hatte sich bereits eine kleine Schlange von Wagen vor uns gebildet. Jeder Fahrer stieg nun aus und schien mit den Brückenwächtern über irgendetwas zu verhandeln. Schließlich sah man, wie Geldscheine die Besitzer wechselten. Wir überquerten die Brücke, und wenige Minuten später wurde uns klar, wofür unser Fahrer bezahlt hatte: der erste Tunnel, den Chinesen gebaut haben, war zwar bereits fertiggestellt, zur Zeit jedoch gesperrt, wegen verschiedener baulicher Mängel, die dazu führten, das beständig Wasser hineinlief und ihn überflutete. Gegen eine geringe Bestechungsgebühr konnte man offenbar aber trotzdem hineinfahren. Ob man auch hindurchfahren konnte, würden wir jetzt herausfinden. Der vielleicht fünf Kilometer lange Tunnel unter dem Hissarmassiv war gänzlich unbeleuchtet. Schon nach wenigen Metern stand das Wasser uns fast bis zur Karosserie. Tapfer steuerte der Fahrer dennoch mit Schrittgeschwindigkeit den Wagen über die zeitweilig zum Kanal gewordene Trasse. Beunruhigend war vor allem, dass wir nie genau wussten, wie die Bodenbeschaffenheit unterhalb der Wasseroberfläche war. Es hätte mich nicht überrascht, wenn wir irgendwann in ein riesiges unsichtbares Schlagloch gefahren und versunken wären. Dennoch erreichten wir sicher das andere Ende des Tunnels, und danach begann auch schon der bereits befestigte Teil der Straße nach Duschanbe.

Der Multikulti-Irrtum

In Duschanbe schleusten wir in den nächsten Tagen weitere 50 Teilnehmer durch den OnDaF-Test und sammelten ihre weiteren Bewerbungsunterlagen ein. Inzwischen habe ich 25 von ihnen ausgewählt, die am kommenden Mittwoch zu einem Auswahlgespräch im DAAD-Büro eingeladen werden. Mir fiel das alles andere als leicht, zumal ich einige der Bewerber inzwischen persönlich kenne. Neutralität zu wahren ist dabei nicht gerade einfach. Zwei Auswahlinterviews habe ich jetzt schon selbst gemacht, mit zwei Bewerberinnen aus Chorog im Pamir, die extra deswegen angereist waren und also scheinbar wirklich alles daransetzen, um nach Deutschland zu kommen (zwei Monatsgehälter waren dafür sicherlich notwendig). Jetzt weiß ich also, wie es sich in einem Bewerbungsgespräch auf der anderen Seite anfühlt.

Ansonsten hatte ich ungefähr zwei Wochen lang Durchfall, mit wechselnder Intensität. Ein Gewichtsverlust hat sich dadurch noch kaum bemerkbar gemacht, die Minusdiät hat also noch nicht begonnen. In meiner Vorlesung bin ich mittlerweile beim Sturm und Drang angekommen. Mit dem bereits erwähnten etwas eigenwilligen Rektor der Universität gab es noch eine weitere Begegnung, wenn auch nur aus der Distanz. Eines Vormittags, während ich ein Seminar hielt, sah ich ihn durch die Glastür in einem gegenüberliegenden Unterrichtsraum stehen und aufgeregt mit einigen Kollegen des Lehrstuhls sprechen. Dass er ungehalten war, war bereits seiner Mimik und Gestik wie auch seinem hochroten Kopf anzusehen. Innerhalb einer Minute steigerte sich seine Laune nun jedoch zu einem zügellosen Wutanfall, in dessen Verlauf er die Kollegen und auch vorbeigehende Studierende wild anbrüllte. Meine Studenten empfahlen mir, mich von der Glastür zu entfernen, damit ich nicht auch noch seinen Unwillen errege. Endlich raste er davon, türenknallend und weiterhin fluchend und brüllend.

Erst am Abend fand ich heraus, worüber er sich so echauffiert hatte. Zusammen mit drei der deutschen Studenten, die an meiner Uni einen Tadschikischkurs besuchen, war ich bei Herrn Schosedow eingeladen, dem ehemaligen Leiter des Lehrstuhls, ein überaus besonnener und freundlicher älterer Mann, der aus dem Pamir stammt, in Moskau und Deutschland studiert und geforscht hat und zur Zeit zusammen mit Lutz Rzehak an der Fertigstellung eines großen Tadschikisch-Deutschen Wörterbuchs arbeitet. Als wir so auf Matten am Boden saßen oder lagen und ein üppiges Büffet genossen, brachte ich das Gespräch schließlich auf den Rektor und seinen Ausfall. Ja, so sei er eben, unser Rektor, meinte Herr Schosedow. Der komme aus Kulyab, woher auch Präsident Rahmon und seine Machtclique stammen. Die Menschen dort seien immer schon heißblütig und leicht reizbar gewesen. Die Studenten aus dem Sprachkurs klärten den Vorfall aber noch weiter auf: In dem Tadschikischkurs gab es eine deutsche Teilnehmerin aus Berlin, die mit einem Muslim verheiratet ist und seinen Glauben angenommen hat – was sie auch äußerlich repräsentiert, indem sie stets das klassische schwarze Kopftuch trägt, das den Haaransatz komplett verdeckt. Als ich sie das erste Mal sah, hielt ich sie zunächst für eine Tadschikin (obwohl diese Art des Kopftuchs auch hier nicht besonders verbreitet ist), dann für eine Deutschtürkin und wusste überhaupt nicht, wie ich sie ansprechen sollte. Von dem Tuch abgesehen schien sie eine normale westliche junge Frau zu sein, sie rauchte, lachte und ging abends immer mit den anderen weg. Gerade dieser Gegensatz verwirrte mich und erregte auch meine Wut: Wie konnte sie, die aus unserer aufgeklärten Gesellschaft kommt, sich dafür hergeben, dieses Tuch zu tragen? Meine Aversion jedoch war wohl gar nichts gegen die Reaktion des Rektors, als er ihr in der Universität über den Weg lief. Wie ich ja schon erfahren hatte, ist alles, was auch nur im entferntesten ein Ausdruck muslimischer Religiosität sein könnte, auf dem Gelände der Uni verboten. Als der Rektor nun der deutschen Studentin auf dem Gang begegnete, soll er sich nur zischend mit ihr unterhalten haben: Sie solle stehen bleiben; was sie denn da trage? Sie solle das sofort ablegen und sich hier nie wieder so zeigen. Erst danach stapfte er ins Kollegium und entlud seinen Zorn. An dieser Stelle schaltete sich Herr Schosedow noch einmal ins Gespräch ein: Herr Saidow habe wahrscheinlich sehr persönliche Gründe für den strikten Umgang mit dem Islam; Erlebnisse während des Bürgerkriegs mit der muslimischen Opposition und mit den Mudschahedin hätten zu seiner Einstellung geführt. Genaueres müsse man ihn dann aber schon selber fragen. Lieber nicht, dachte ich mir. Das Aufeinandertreffen eines fragwürdigen Multikulturalismus und eines radikalen Säkularismus könnte jedenfalls kaum spannungsreicher sein als bei dieser Begegnung.

Let There Be Rock

Unbedingt erwähnenswert ist noch ein Kulturereignis. In den letzten Wochen gab es gleich vier Empfänge der deutschen Botschaft hintereinander: Zwei davon anlässlich des Tages der deutschen Einheit – es gab Warsteiner aus der Dose und Bockwürstchen, der Chor einer Schule sang die deutsche und die tadschikische Nationalhymne; einen in der Residenz der Botschafterin, für ausgewählte Gäste aus den Reihen der Kulturmittler, anlässlich des Besuchs der Jugendbuchautorin Tamara Bach, die hier in Schulen aus ihrem neuen Buch vorgelesen hatte, auf Einladung des Goetheinstituts Taschkent; und schließlich einen Empfang anlässlich des Konzerts der mir bis dato unbekannten deutschen Rockband „Fotos“.

Das Konzert war bereits vor über einem Monat angekündigt worden. Es handelte sich dabei um den letzten Teil einer kleinen Tournee durch Zentralasien, die die Band absolvierte, ebenfalls auf Einladung des Goetheinstituts. Letztlich war es nichts weiter als Promotion für das neue Projekt „Schulen – Partner der Zukunft“ des Goetheinstituts, das den Deutschunterricht an ausgewählten Schulen in Entwicklungs- oder Schwellenländern fördern soll. Die Band hatte zuvor bereits in Taschkent, Samarkand und Buchara gespielt, ein Auftritt in Aschgabad wurde abgesagt, da sich das turkmenische Außenministerium gegenüber Ausländern ähnlich gastfreundlich verhielt wie die Volksrepublik Nordkorea.

Seit Wochen hingen also die Plakate für das Konzert an allen möglichen Unis und Schulen aus, Tickets wurden kostenlos verteilt. Es gab gewisse Befürchtungen, was den Zeitpunkt des Konzerts anging: 19 Uhr ist eine Uhrzeit, zu der die meisten Schüler und auch Studenten bereits zu Hause bei ihren Eltern sein müssen (die meisten Studenten sind zwischen 17 und 22 Jahren alt und wohnen bei ihren Eltern – einen Auszug gibt es meist erst nach der Hochzeit). Später am Abend fahren dann keine Busse mehr in die Vororte, und Taxis sind zu teuer für die meisten. Hatte sich das Goetheinstitut verkalkuliert? Und überhaupt, wie würde das ankommen, ein Rockkonzert in Tadschikistan, in diesem schwarzen Loch zwischen den Kulturen, immer noch dezivilisiert vom Bürgerkrieg und mit Hörgewohnheiten, die bei Westlern nahezu körperliche Schmerzen verursachen?

Der große Saal des Kinotheaters Kochi Dschomi war nahezu bis auf den letzten Platz belegt. Unmöglich zu sagen, ob es nun mehr Schüler oder Studenten waren; jung, sehr jung waren sie auf jeden Fall alle, und sehr aufgeregt. Schon lange vor Beginn des Konzerts waren alle Blicke konzentriert auf die Bühne gerichtet. Wir, die wenigen konzerterfahrenen Ausländer, machten uns weiterhin ein wenig Sorgen um den Ablauf: Es gab nur Sitzplätze, und außerdem weder Alkohol noch Zigaretten – kann ein Rockkonzert so überhaupt funktionieren? Und dann standen da auch noch zwei Milizionäre im Saal, die den ordnungsgemäßen Ablauf sicherstellen sollten. Der Direktor des Taschkenter Goetheinstituts kündigte die Band an, und es ging los. Verhalten war die Lautstärke, und musikalisch hatten sie den Blues auch nicht gerade neu erfunden; eine Kopie von Franz Ferdinand mit deutschen Texten. Alle Tadschiken im Saal – etwa 800 werden es gewesen sein – begannen jedoch sofort frenetisch zu jubeln, zu brüllen und zu klatschen. Mädchen kreischten kollektiv, als stünden da gerade Tokyo Hotel auf der Bühne (oder meinetwegen auch die Beatles). Die Jungs aus Deutschland konnten außerdem damit punkten, dass sie einige Ansagen brav auf Tadschikisch gelernt hatten. Es dauerte dann auch kaum länger als zwei Songs, bis sich nahezu das ganze Publikum erhoben hatte und wüst zu tanzen und zu springen begann, als seien es die ersten Tage von The Clash oder Rage against the Machine. Jungs wie Mädchen entbaten mit Zeigefinger und kleinem Finger der Band satanische Grüße. Eine kleine, aber beeindruckende Gruppe von Langhaarigen und Schwarzgekleideten (nie zuvor hatte ich hier solche Menschen gesehen oder erwartet) begannen einen zünftigen Pogo und ließen wild ihre Köpfe kreisen – eine Verhaltensweise, die die beiden Milizionäre dermaßen irritierte, dass sie die Headbanger nach kurzer Zeit aus dem Saal schmissen. Mit der großen Masse der Besucher, deren Benehmen nun auch mehr und mehr aus den Fugen geriet, konnte ihnen das allerdings nicht gelingen. Verloren und fast verängstigt wirkten die beiden Männchen mit ihren grünen Uniformen und viel zu großen Hüten, wie sie so durch die Reihen streiften und mal hier, mal da versuchten, die außer Kontrolle geratenen Tänzer dazu zu bewegen, sich wieder hinzusetzen.

Nach dem Konzert blieben viele Besucher noch lange vor dem Eingang stehen – weil es sonst nichts mehr zu tun gab an diesem Montagabend, weil sie nicht nach Hause wollten und weil man darüber sprechen musste, was man gerade erlebt und gemacht hatte. Alle meine Studenten waren da, ja sogar der gesamte Lehrstuhl meiner Uni, Dozenten jeden Alters waren gekommen. Die Studenten fragten mich, wann „Fotos“ wieder nach Duschanbe kommen würden – denn wiederkommen würde sie doch ganz bestimmt? Man sah etwas Neues, ganz anderes in den Gesichtern. Viele lächelten, bei anderen bemerkte man einfach nur einen seltsam strahlenden Blick.

Bei dem anschließenden Empfang traten auch ältere traditionelle Musiker an die Band heran, die das Konzert offenbar mit Begeisterung gesehen hatten. Sie wirkten ziemlich schüchtern, ihre Freude über das Zusammentreffen mit diesen jungen Kollegen aus einer ganz anderen künstlerischen Welt erschien sehr ehrlich. Der Soundtechniker der Band erklärte mir, nach den Konzerten in Usbekistan (und nach einer Tournee in China, wo sie ebenfalls fürs Goetheinstitut aufgetreten waren), auf denen die Euphorie sich in Grenzen gehalten habe, sei in Duschanbe die Stimmung eindeutig am besten gewesen. Der Hunger nach Neuem und Anderem könnte jedenfalls kaum irgendwo größer sein als hier, wo doch das ganze Land passiv in seiner durch Armut und Korruption verursachten Paralyse zu verharren scheint. Ich werde nun auf jeden Fall zusehen, dass ich meine Studenten mit weiterer adrenalinfördernder Musik versorge. Let There Be Rock.

2 Kommentare:

linda_see hat gesagt…

sehr nette Geschichten - hoffe nur, dass Du gut durch den Winter kommst ;-)

Unknown hat gesagt…

in usbekistan haben die konzerte eine ähnliche begeisterung hervorgerufen wie in tadjikistan. solche ereignisse müssten viel öfter angeboten werden!
liebe grüße aus samarkand