Es ist kalt geworden in Tadschikistan. Zwar sagt Kai aus, letztes Jahr im Dezember noch im Garten des Deutschen Hauses gesessen zu haben, dieses Jahr allerdings wird das wohl unmöglich sein. Heute trieben die ersten Schneeflocken durch die Stadt, und nachdem ich nun längere Zeit in einer kalten Wohnung ausgeharrt habe, um mich ein wenig für die wirklich eisige Zeit im Januar und Februar abzuhärten, habe ich gestern zum ersten Mal meine Elektroheizung angeschlossen, wie wohl die meisten anderen hier in der Stadt auch, abgesehen von denen, deren Wohnung über einen richtigen Ofen verfügt. Die sind bereits seit Wochen damit beschäftigt sich Brennholz zu beschaffen, keine leichte Aufgabe in einem Land, das schon so stark abgerodet ist; immer weiter müssen die Lieferanten mit ihren Eseln in die Berge vordringen, um an den kahlen Hängen noch ein paar Bäume und Sträucher zu finden, deren Holz sie dann unter großen Anstrengungen bis in ihre Dörfer oder in die Hauptstadt transportieren. Von einer nachhaltigen Holzwirtschaft kann in vielen Fällen wohl keine Rede sein, auch wenn das natürlich genau das ist, was die GTZ hier mit vielen Projekten anstrebt. Wenn die Hänge unbepflanzt sind, reicht schon ein kleiner Sturzregen, um ein ganzes Dorf oder eine Straße fortzuspülen.
Hier in der Stadt wiederum wissen viele sich kurzfristig ganz anders zu helfen: Schon mehrmals bin ich inzwischen morgens durch das Geräusch einer Motorsäge aufgewacht, das direkt aus meinem Innenhof kam. Einige stolze alte Pappeln haben bereits dran glauben müssen, viele sind dort jetzt nicht mehr übrig. Es stellt sich die Frage, wie lange Duschanbe unter diesen Bedingungen noch die grünste Hauptstadt Zentralasiens sein wird. Eigentlich verfügt Tadschikistan über einen so enormen Wasserreichtum, dass theoretisch der gesamte Energiebedarf durch Wasserkraft gedeckt werden könnte – wenn man ihn denn endlich effizient nutzen könnte.
Unterdessen vertreibt man die Kälte am besten mit warmen Gedanken – oder mit geselligem Beisammensein. Die häufigste Gelegenheit dafür hat man hier bei Hochzeiten, die ein geradezu alltägliches Phänomen darstellen. Nach vielen Erzählungen und einer Trockenübung konnte ich nun endlich zum ersten Mal auch an einer Feier teilnehmen. Herr Schosedow, der ehemalige Leiter des deutschen Lehrstuhls, mit dem ich mich recht gut verstehe, hatte mich eingeladen, da eine seiner Studentinnen heiratete. Wir trafen uns an einem Samstagmorgen vor seinem Haus. Mit von der Partie waren vier jüngere Studentinnen, die ich auch aus meinen Seminaren kenne, und Wero, die bei ihm wohnt (siehe letzter Eintrag). Auf der Fahrt zum Ort der Feier in einem Vorort war es wieder einmal überraschend, wie viele Menschen in einen Minibus hineinpassen können, der Fahrer könnte mit großem Erfolg auch bei „Wetten dass...?“ auftreten.
An Ort und Stelle angekommen, sahen wir sofort, dass die Eltern von Braut und/oder Bräutigam etwas betuchter waren als der Durchschnittstadschike: Das Lokal mit seinen dicken Teppichen, weißen Säulen (und vor allem guter Heizung) hätte auch auf einer deutschen Hochzeit als recht gediegen gelten können. Es war kurz vor zwölf Uhr. Die standesamtliche Trauung hatten wir nicht mitbekommen, ebenso wenig die religiöse Zeremonie, die in engerem Familienkreis durch einen Mullah durchgeführt wird, der ins Haus kommt und die Trauung gegen Bezahlung durchführt. Wir wurden gemeinsam an einen Tisch gesetzt, der brechend voll war mit Obst und Salaten, flankiert von Erfrischungsgetränken und einer Flasche Wodka. Wann denn das Brautpaar käme, fragte ich recht ungeduldig; das würde ich dann schon merken, meinte Wero. Der DJ machte einen Soundcheck, der einen kleinen Vorgeschmack auf die Lautstärke gab, mit der wir in den nächsten Stunden konfrontiert sein würden, und zeigte damit wieder einmal deutlich, dass die Tadschiken in vielerlei Hinsicht schmerzunempfindlich sind.
Wenige Minuten nach zwölf hörte ich dann aus Richtung des Eingangs einen ohrenbetäubenden Krach. Nach einer kleinen Vorhut von Verwandten erschien zunächst die Hochzeitsband. Am auffälligsten waren drei ältere Männer, die riesige Blasinstrumente hielten, sicherlich drei Meter lang, von Klang und Aussehen her vielleicht am ehesten mit tibetischen Ritualtrompeten vergleichbar; will heißen, sie waren weder besonders wohlklingend noch variantenreich, dafür aber sehr laut. Hinter den Musikern endlich schritt das Brautpaar, der junge Mann im dunklen Anzug, das Mädchen im weißen Kleid und verschleiert. Beide gingen extrem langsam, die Braut wurde von zwei anderen Frauen gestützt. Mir war nicht ganz klar, warum sie gestützt werden musste, ich bildete mir jedoch ein, dass sie tatsächlich ein wenig wackelig auf den Beinen schien. Im Verhältnis zum Rest ihres Körpers schien mir ihre Taille sehr eng zu sein, so dass ich vermutete, dass sie eine Art Korsett trug. Während sie zu einem kleinen Podium am anderen Ende des Saals schritten, sprach und scherzte der Mann mit vielen Freunden und Verwandten, die Frau jedoch hielt die ganze Zeit über den Blick gesenkt.
Nachdem beide das Podium erreicht hatten, begann auch schon der DJ aufzuspielen und brachte mit seinem tadschikischen Hochzeitstechno den Saal im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben. Zwischendurch ergriff auch ein älterer Sänger das Mikro und schmetterte zu den gleichen Beats traditionelle Weisen. In den Pausen zwischen den Titeln hielten die Verwandten Reden auf das Brautpaar, die gar kein Ende nehmen wollten. Die beiden standen unterdessen immer noch. Weiterhin blickte die Frau zu Boden und verzog kein einziges Mal die Miene. In Abständen von vielleicht zehn Sekunden senkte sie den Kopf noch etwas tiefer, wie zu einer kleinen Verbeugung. Damit, so erklärte mir Wero, müsse sie den versammelten Gästen Ehre erweisen. Ich ersparte mir die Frage, warum der Mann das nicht tun müsse.
An unserem Tisch wurde unterdessen ein fettreicher, fleischhaltiger Gang nach dem anderen aufgetischt. Die Studentinnen an unserem Tisch aßen jedoch nur recht wenig, schon nach einigen Minuten standen sie auf und begannen zu tanzen. Auch einige ältere Frauen in langen bunten Kleidern tanzten bereits. Sofort forderten die Studentinnen auch mich auf aufzustehen; ich entschuldigte mich damit, dass ich lieber noch warten wollte, bis auch andere Männer die Tanzfläche betraten, um mir ihren Tanzstil ein wenig abzugucken. Herr Schosedow fragte mich nach einer kurzen Weile, ob ich nicht ein wenig Wodka trinken wolle, das würde die Tanzstimmung sicher heben. Ich sagte nicht nein. Nach dem dritten Glas bekniete ich dann noch meinen jüngeren tadschikischen Tischnachbarn, ob er nicht endlich das Tanzbein schwingen wolle und mir ein paar Bewegungen zeigen könne. Er willigte ein, und so fanden wir uns in der Mitte eines Harems aus alten und jungen Frauen auf der Tanzfläche wieder, die uns angrinsten und antanzten. Ich sah mir ein wenig an, wie sich mein Geschlechtsgenosse bewegte, und fiel dann mit ein.
Der traditionelle tadschikische Tanz ist kein Paartanz, man berührt sich nicht, Frauen und Männer können sich zutanzen, oder auch Männer und Männer und Frauen und Frauen. Die Bewegungen sind recht langsam und fließend. Die Füße bewegen sich nicht allzu viel, ich habe auch keine feste Schrittfolge feststellen können; es scheint wichtig zu sein, die Hüften nicht allzu viel zu bewegen. Dagegen vollführen die Arme sehr ausladende Bewegungen. Hierbei ist sehr viel kreativer Freiraum gegeben, fast eher wie in einer Disco. Die Bewegungen der Frauen sind dabei sehr geschmeidig und nicht allzu abwechslungsreich, sie scheinen dabei – wie auch sonst im Leben – eher eine passive Rolle zu spielen. Wenn dagegen die Männer sich zutanzen, geht es erheblich lebendiger, ja rauer zu: Die Bewegungen muten teilweise wie eine Kampfsportübung an, man kommt fast bis auf Körperkontakt aufeinander zu, dreht sich blitzschnell weg, bisweilen schreit man sich auch kurz martialisch an. Auch ich wurde einige Male von anderen männlichen Tänzern zu einem kleinen Duell aufgefordert, während der DJ ständig schnellere und noch schnellere Lieder spielte. Es bereitet eine ungeheure Freude und ist sehr schweißtreibend. Die Studentinnen von meiner Uni grinsten wie Honigkuchenpferde, als sie ihren Dozenten so inmitten all des Trubels sahen.
Um Punkt 15 Uhr wurde die ganze Veranstaltung dann aber auch schon wieder beendet: Das Brautpaar verließ den Saal ebenso langsam, wie sie gekommen waren. Auf den Stufen vor dem Eingang wurde nach kurzer Ankündigung der Brautstrauß geworfen, der souverän von der ältesten der anwesenden noch nicht verheirateten Studentinnen aufgefangen wurde. Es war ein Regierungsangestellter anwesend, der zu überwachen hatte, dass die Veranstaltung tatsächlich nicht länger als drei Stunden dauerte, dass es nicht zu viele Gäste gab und dass nicht zu viel getrunken wurde. Wero und ich nahmen eine Marschrutka zurück ins Zentrum, die Studentinnen wollten lieber zu Fuß gehen, trotz Kälte und Regen: Wenn sie erst einmal wieder zu Hause waren, würde der Tag für sie gelaufen sein; und so wollten sie die Zeit und den besonderen Moment noch eine Weile zusammen auskosten.
Kick Out the Jams
Am vergangenen Samstag habe ich dann meinen Geburtstag gefeiert. Das Ganze eine Party zu nennen wäre etwas übertrieben, aber immerhin hatte ich zehn Gäste bei mir zu Hause. Da es mir bisher an Kochkenntnissen der tadschikischen Küche mangelt (was sich unbedingt noch ändern muss), habe ich einfach mit allen Zutaten, die sich hier auftreiben ließen, ein Chili con Carne gekocht. Sine Carne, um genau zu sein, denn das Hackfleisch, das ich auf den Märkten fand, war meistens doch schon ziemlich ergraut. Es kamen David, Wero, Daniel, der hier in der Fortbildung für Behindertenprojekte arbeitet, mein Chef Kai mit seinen beiden kleinen Kindern, drei meiner Studenten, die irgendwie bei ihren Eltern die Erlaubnis erwirkt hatten abends noch rauszugehen (natürlich nur Jungs – bei den Mädchen wäre diese Frage völlig indiskutabel) – und, ganz überraschend, Herr Schosedow, den Wero mitgebracht hatte. Ich bekam warme, bunte Socken aus dem Pamir geschenkt, eine kleine Zeichnung von Kais Sohn, CDs mit tadschikischer Musik und von meinen Studenten eine Wanduhr in Form Schiffruders, allerdings nicht aus Holz, sondern aus Plastik. Der praktische Nutzen überwog hier den ästhetischen Gewinn. Der plötzliche Auftritt ihres Lehrers und Meisters Schosedow irritierte die Studenten für einen Moment, kurz standen sie alle auf, als seien sie in einem Seminar in der Uni. Nachdem er jedoch das erste Bier geköpft hatte, griffen auch sie ganz ungeniert zur Flasche (nur ein wenig, versteht sich).
Gegen zehn Uhr gingen plötzlich alle Lichter aus, wir hatten einen Stromausfall. Ein Blick auf die Straße zeigte, dass nicht wir allein betroffen waren, die Straßenbeleuchtung war auch ausgefallen. Sie kehrte nach einiger Zeit wieder, in meinem Mietshaus jedoch blieb es dunkel. Daniel lief kurz zum gegenüberliegenden Supermarkt und kaufte Kerzen, und der Akku meines Laptops hielt auch noch ein paar Stündchen, so dass es ohne Probleme weitergehen konnte, mit Musik und Kerzenschein. Herr Schosedow saß, wie es sich für einen ustod gehört, auf einem Sessel, während wir junges Volk auf dem Boden hockten, und kommentierte die pamirische Volksmusik, die wir hörten. Wero bemerkte dann auch, dass es so ja eigentlich ganz romantisch sei, worauf Herr Schosedow entgegnete, dass es für einen Abend sicher ganz romantisch sei, man jedoch nach mehreren Monaten ein wenig dagegen abstumpfe. Ich konnte sein leises Understatement einfach nur bewundern.
Am nächsten Tag blieb der Strom immer noch weg. Auf jegliche Entbehrung gefasst, stellte ich mich auf eine längere Periode der Dunkelheit und des kalten Wassers ein. Gegen Abend rief ich aber doch einmal bei meinem Vermieter an, der auf der gleichen Etage wohnt, um zu fragen, ob es sich um einen dauerhaften Ausfall handele. Als ich ihn endlich erwischte, war er offenbar gerade draußen. Man hörte die aufgeregten Stimmen anderer Männer um ihn herum. „Power station is burning!”, rief er lauthals ins Telefon, “We make new one now!”. Mehr konnte oder wollte er mir zu diesem Zeitpunkt nicht erklären. Was auch immer mit der „power station“ geschehen war, zwei Stunden später, ich lag bereits mit Buch und Kerzen im Bett, funktionierte der Strom wieder.
Trost der Dichtung
Auch an meiner Universität gab es wieder eine bemerkenswerte Begebenheit. Wie vielleicht schon einmal erwähnt, sind die Studenten eines Studienjahrs hier in Gruppen unterteilt, die man auch einfach als Schulklassen bezeichnen könnte. Überhaupt ist das ganze Studium extrem verschult, es gibt einen festen Stundenplan, der zum Beispiel für meine Studenten, die offiziell „Lehramt Deutsch/Englisch“ studieren, nicht nur Kurse in Deutsch, Englisch und Pädagogik umfasst, sondern auch ganz andere Fächer wie Mathematik, Körperertüchtigung, tadschikische Geschichte und Militärtheorie (wobei letzteres, wie mir gesagt wurde, vor allem eine Vorbereitung oder ein Training für die Zivilbevölkerung für Zeiten eines Bürgerkriegs sein soll). Dienstags nun unterrichte ich die sogenannte usbekische Gruppe (Studenten, deren Muttersprache Usbekisch ist). Wie für alle anderen Gruppen auch, gibt es für sie ein Klassenbuch, in dem wie an jeder normalen deutschen Schule die Unterrichtszeiten und –themen sowie die Anwesenheitsliste verzeichnet werden. Eine Studentin ist mit der Aufsicht über dieses Klassenbuch betreut und ist angehalten, es wie ihren Augapfel zu hüten. Als ich an diesem Dienstag den Seminarraum betrat (den Klassenraum, möchte ich fast sagen), war ein Tumult im Gange, der mich für einen Moment eher an eine Grundschulklasse denken ließ: die Studenten stritten sich lauthals, und in dem Moment, in dem ich hereinkam, flog eine Schultasche (pardon, eine Aktenmappe) quer durch den Raum und traf eine Studentin am Kopf. Sie begann zu weinen und den Werfer, einen rechten Rabauken, zu beschimpfen, der daraufhin aufsprang und offenbar ärgerer körperlicher Gewalt nachsann. Ich beendete die Situation und verschaffte mir Gehör.
Aufgrund der schlechten Deutschkenntnisse der Studenten dauerte es ein Weile, bis ich einigermaßen begriff: Das Mädchen, das die Mappe an den Kopf bekommen hatte, war offenbar die Wärterin des Klassenbuchs. Am vorigen Tag war ihr das Buch in der Uni irgendwie abhanden gekommen, und nun hatte sich erwiesen, dass es trotz gemeinsamer fieberhafter Suche des ganzen Kurses nicht wieder aufzufinden war, was bei der Dekanin der Fakultät großen Unmut hervorrief. Warum es dann im Anschluss zu Tätlichkeiten kommen musste, habe ich immer noch nicht verstanden. Ich versuchte die arg geknickte Studentin wie auch ihre Kommilitonen mit einigen Gedichten von Ernst Jandl wieder aufzumuntern, und spätestens, als sie die Zeilen „Ottos Mops kotzt / Otto: ogottogott“ vorlasen, war die Stimmung einigermaßen gerettet. Merke: Man muss nicht viel Deutsch verstehen, um Konkrete Poesie unterhaltsam zu finden.
1 Kommentar:
...und noch herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sieh zu, dass Du gut durch die Kälte kommst ;)
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