Sonntag, 15. März 2009

Fear Is a Man’s Best Friend

Der Krisenreport – ein Panikreport?


„Hast du schon den Crisis Report gelesen?“ – Wer auf diese Frage keine halbwegs befriedigende Antwort geben kann, der gehört offenbar nicht zur kleinen, aber feinen Expat-Gemeinschaft von Duschanbe. In ihr macht seit einiger Zeit ein Dokument die Runde, an dem sich die Geister scheiden, und das, egal, wie es von den verschiedenen Akteuren bewertet wird, in jedem Fall Aufmerksamkeit erregt. Es trägt den von vielen als reißerisch empfundenen Titel „Tajikistan – On the Road to Failure“ – ein Bericht der sogenannten Crisis Group zur allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Lage Tadschikistans, den man sich bis vor kurzem auch in Duschanbe noch aus dem Internet herunterladen konnte. Seit einigen Wochen ist das vor Ort nicht mehr möglich; wenn man den Report gelesen hat, kann man durchaus verstehen warum.

Gleich zu Beginn wird ein Duschanbiner Diplomat zitiert, der eins der größten Probleme Tadschikistans pointiert formuliert: „Corruption is endemic here“, so sein vernichtendes Urteil. Es ist ein Urteil, dem man sich nur anschließen kann, wenn man einen Blick auf die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten des durchschnittlichen Tadschiken wirft. Als Beispiel mag der prinzipiell ehrenwerte Beruf des Polizisten dienen. Wie schon des öfteren erwähnt, gibt es in Duschanbe Angehörige dieser Profession im Übermaß. Das mag zum einen mit der Paranoia des Präsidenten zu tun haben, es ist aber auch ein grundsätzlich begehrter Beruf. Angesichts des Lohns, den Polizisten vom Staat erhalten, ist das allerdings etwas überraschend; mir liegen keine genauen Zahlen vor, der normale Verdienst wird jedoch kaum das Gehalt eines Professors an der Universität überschreiten (eine Geldmenge, die in etwa dem Gegenwert eines Snickers-Riegels am Istanbuler Flughafen entspricht, wie ich inzwischen als Vergleich anfügen kann). Was den Polizistenberuf dagegen so attraktiv macht, sind die Nebenverdienste, die entstehen, wenn man Autos anhalten und sich Gründe für das Verhängen einer Strafgebühr ausdenken kann – deren Begleichung lediglich im Kopf des Polizisten vermerkt wird.

So begehrt der Beruf des einfachen Straßenpolizisten also ist, so schwierig ist es jedoch auch, diese Position zu erlangen: Wenn man in Duschanbe Polizist werden möchte, zählt dafür nicht etwa eine lange und harte Ausbildung; eine Ausbildung zum Polizisten gibt es gar nicht, stattdessen muss man an die Einstellungsbefugten in der Polizeibehörde eine „Verwaltungsgebühr“ von 1000 Dollar oder mehr (je nach Laune und Bedürfnissen des entsprechenden Beamten) entrichten, und schon wird man in Windeseile zum Staatsdiener ernannt und darf fürderhin Autofahrer schikanieren , um sich das Einkommen soweit aufzubessern, dass man zumindest davon leben kann. Die Einstellungsbefugten ihrerseits haben genauso gute Gründe für ihr Verhalten wie die Polizisten, schließlich verdienen sie selbst auch kaum mehr als diese und sind wie sie dazu gezwungen, sich in ihre Position bei ihren eigenen Vorgesetzten einzukaufen – deren Position wiederum genauso von Bestechungsgeldern abhängig ist.

Und so setzt sich diese Kette bis in die höchsten Positionen fort. Wer letztlich als einziges wirklich davon profitiert, ist – wenig überraschend – die Familie des Präsidenten. Die wiederum, so könnte man mit äußerstem Zynismus argumentieren, ist ebenfalls auf diese „Nebeneinkommen“ angewiesen: Die miesen öffentlichen Löhne in Verbindung mit dem Fehlen jeglicher öffentlicher Investitionen dankt die Bevölkerung dem Präsidenten mit Schwarzarbeit – die tadschikische Wirtschaft als ganzes ist also mehr oder weniger eine reine Schattenwirtschaft ohne jegliche stabilisierende oder regulierende Faktoren.

Dass höhere Positionen käuflich sind, kann natürlich zu fatalen Mängeln an Kompetenz in Entscheiderpositionen führen, wie eine Anekdote vor Augen führt, die mir zu Ohren gekommen ist: Ein Abteilungsleiter des tadschikischen Umweltministeriums wurde kürzlich zu einer internationalen Konferenz über die Folgen des Klimawandels in Zentralasien eingeladen. Alle Kosten – Tagungsgebühren, Hotel und Reisekosten – sollten für ihn übernommen werden. Das einzige, was er tun musste, war das Antragsformular zu unterschreiben; dies aber scheiterte daran, dass er unfähig war, seinen eigenen Namen zu Papier zu bringen.
In der beschriebenen Problematik liegen auch die Antworten auf Fragen wie die, warum viele tadschikische Deutschdozenten an den Universitäten nicht über genügend Deutschkenntnisse verfügen, um „Danke“ oder „Guten Tag“ zu sagen, oder warum tadschikische Bauingenieure grundsätzlich Treppen bauen lassen, bei denen jede einzelne Stufe eine andere Höhe hat (es könnte zum Beispiel damit zu tun haben, dass sie die Grundrechenarten nicht ausreichend beherrschen).

Die Schieflage, in der sich das ganze Land also ganz wortwörtlich befindet, besteht schon seit vielen Jahren. Mögliche Proteste hat Präsident Rahmon bisher immer wieder im Keim ersticken können – nicht etwa durch Gewalt, sondern durch die bloße Erwähnung einer möglichen Gefährdung der nationalen Sicherheit, die entstehen könnte, wenn seine persönliche Machtposition angegriffen würde. Die Bevölkerung, so sein berechtigtes Kalkül, hat viel zu viel Angst vor dem Aufflammen eines neuen Bürgerkriegs, um auf diese Drohung nicht zu reagieren.

Der bedauerliche, aber offenbar durch die Bevölkerung irgendwie immer noch zu ertragende Status Quo des Landes könnte einfach weiterhin erhalten bleiben – wenn nicht unvorhergesehene Dinge dazwischenkämen; zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise: Den derzeitigen Voraussagen nach wird Russland davon in diesem Jahr erheblich stärker betroffen sein als bisherige Verlautbarungen der russischen Regierung es vermuten ließen. Tatsächlich hat sich auch Russland selbst offenbar bereits auf soziale Unruhen eingestellt, die durch eine plötzlich rapide ansteigende Arbeitslosigkeit entstehen könnten: Spezielle Sicherheitskräfte werden einem Bericht des Spiegel zufolge derzeit dafür trainiert. Dadurch wird es natürlich sehr fraglich, ob das Land weiterhin Bedarf an billigen tadschikischen Gastarbeitern hat. Wie schon einmal erwähnt, die Dunkelziffer der in Russland arbeitenden tadschikischen Männer beträgt wahrscheinlich über eine Million, also mehr als ein Siebtel der Gesamtbevölkerung. Die fragile Stabilität der tadschikischen Wirtschaft ist von dem Geld abhängig, das sie an ihre Familien in der Heimat zurückfließen lassen, und davon, dass sie selbst NICHT im Land sind – wo sie ansonsten sofort arbeitslos wären. Was es für die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stimmung des Landes bedeuten könnte, wenn in kurzer Zeit eine Million arbeitslose Männer zurück in Tadschikistan wären, mag sich im Moment niemand so recht ausmalen.
Nicht zuletzt bringt der Bericht die Sorge zum Ausdruck, welche Gefahren von der 1400 Kilometer langen und nahezu ungesicherten Grenze zu Afghanistan ausgehen könnten.

Nun ist die Crisis Group ein internationaler Think Tank, dessen Ansichten nicht unwiedersprochen bleiben. In Internetforen wie auch von Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit hier vor Ort wird angemerkt, dass Autoren und Mitglieder des Beirats der Crisis Group fast allesamt ehemalige oder noch aktive westliche Politiker sind; und das Hinweise auf eine bevorstehende Krise eines Landes in ihren Berichten vielfach vielleicht den Charakter einer self-fulfilling prophecy haben. Das Bewusstsein bestimme hier vielfach das Sein, so die Meinung vieler, und prominente Beiratsmitglieder wie Joschka Fischer und Kofi Annan wollten vielleicht das kleine Bergland, für das sich sonst kein Mensch interessiert, einfach ein wenig mehr in umfassendere geopolitische Zielsetzungen einbeziehen. Trotzdem, das muss man sagen, hat der Report hier niemanden kalt gelassen.


Fräulein Zarrinas Gespür für Wohnungen

Das erste Opfer der Weltwirtschaftskrise in Tadschikistan, das ich kennengelernt habe, war jedoch mein Vermieter (und dadurch indirekt auch ich). Ende Januar, kurz bevor ich nach ausführlicher Genesung wieder zurück nach Dushanbe flog, beschloss ich ihn einmal anzurufen, einfach nur, um zu hören, ob alles mit der Wohnung im Ordnung sei – ob es noch regelmäßig Strom gebe, ob etwaige Erdbeben irgendwelche Schäden angerichtet hätten oder was auch immer. Er war froh mich zu hören: Schon seit Wochen habe er versucht mich anzurufen, teilte er mir mit. Leider müsse ich sofort ausziehen, und zwar in zwei Tagen schon. Er müsse die Wohnung verkaufen, da er in eine finanzielle Notlage geraten sei. „I have bisiness in Russia. Bisiness went wrong”, sagte er zur Erklärung. Nun konnte ich nicht gut innerhalb von zwei Tagen ausziehen, da ich ja noch eine Woche lang in Deutschland bleiben würde. Das sei kein Problem, meinte er, er werde alle meine Sachen einsammeln und in seiner Wohnung deponieren. Trotz eines leichten Unwohlseins bei diesem Gedanken stimmte ich zu. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich wies ihn immerhin darauf hin, dass ich die Wohnung in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hatte, und wünschte ihm viel Spaß beim Aufräumen.
Als ich schließlich bei ihm eintraf, um meine Sachen abzuholen, sah er mich denn auch mit traurigem Blick an und sagte „Your apartment was a real mess.“ Ich nickte und zuckte mit den Schultern. Während er mich mit meinen Bergen von Klamotten zu Davids Wohnung fuhr, wo ich glücklicherweise noch einmal einige Zeit unterkommen konnte, erwähnte er beiläufig, er habe zuvor in Aktien irgendeines metallverarbeitenden Unternehmens in Russland investiert, das nun jedoch auf einmal aufgehört habe zu existieren. In der Folge habe er nun, um seine Schulden tilgen zu können, die Wohnung so schnell wie möglich verpfänden müssen.

Ich machte mich kurz darauf auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Unsere Kollegin Zarrina half mir wieder einmal bei der Suche, sie suchte Angebote heraus, und zusammen sahen wir uns verschiedene Objekte an. Eine Wohnung sagte mir spontan sehr zu, da sie über eine große Küche und überhaupt über ein großzügiges Platzangebot verfügte; und so sagte ich zu. Ich hätte genauer auf Zarrinas Verhalten während der Besichtigung achten sollen. Als ich meinte, dass ich gerne hier einziehen würde, sagte sie nur „Ja... wenn du willst...“ – Nun muss man wissen, dass Zarrina eine Art sechsten Sinn für die Qualität von Wohnungen hat. Dieser muss eng mit ihrem Geruchssinn zusammenhängen: Beim Betreten einer fremden Wohnung rümpft sie zuerst ein kleines bisschen die Nase. Der erste Eindruck, den sie erhält, ist offenbar stets der Geruch; und in den allermeisten Fällen ist dieser Eindruck das entscheidende Kriterium ihres Wohlwollens. Beim Betreten dieser Wohnung nun, ich erinnerte mich erst sehr viel später daran, nahm ihr Gesicht nach der ersten Geruchsprobe einen leicht missfälligen Ausdruck an, den sie während der ganzen Wohnungsbesichtigung nicht ablegte. Ohne in Erwägung zu ziehen, dass die Menschen des Ostens über Fähigkeiten und Wahrnehmungen verfügen könnten, die uns sinnlich verarmten Westlern verborgen sein könnten, sagte ich der Vermieterin zu.

Zunächst empfand ich es nur als unangenehm, dass genau über mir eine kinderreiche Familie wohnte, deren Zöglinge offenbar weder Kindergarten noch Schule besuchten und stattdessen bis kurz vor Mitternacht auf dem Dielenboden über mir irgendwelche Sportarten trainierten – ich war mir nie ganz sicher, ob es Bowling, Dreisprung oder doch ein Mannschaftssport war.

Vor einigen Tagen dann hörte ich in der Nacht zum ersten Mal ein seltsames Knirschen und Knistern in den Wänden und in der Decke. Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, sah ich, dass einige noch herumliegende Lebensmittel angefressen und über den Fußboden verteilt waren.

Vor drei Nächten las ich relativ spät am Abend noch, während ich im Bett lag. Da raschelte es auf einmal wieder. Ich sah auf den Fußboden neben dem Bett und erblickte eine fette Ratte, die aus meinem Rucksack huschte. Erfüllt von einem Ekel und einer Angst, die ich selbst von mir in einer derartigen Situation gar nicht erwartet hätte, aber auch voller Wut schleuderte ich einen Schuh nach ihr. Kurz darauf sah ich sie wieder, dieses Mal in einer anderen Ecke des Zimmers, und fast zum gleichen Zeitpunkt eine ihrer Genossinnen, wiederum in einer anderen Ecke. Von nun an machte ich kein Auge mehr zu, auch Ohropax halfen nicht gegen das laute und aggressive Rascheln und Knirschen, das sich ständig direkt neben mir zu befinden schien. Schließlich saß ich nur noch aufrecht im Bett, beide Hände mit Schuhen bewaffnet, bereit, jeden Moment zum Wurf anzusetzen, mit wirrem Blick von einer Ecke in die andere starrend. Es sind nicht nur schlechte Horrorfilme, die dies so wollen: Ratten sind unheimliche Tiere – wie vielleicht jedes Tier, das ungefragt in unsere Lebenswelt eindringt.

Die Vermieterin ist mittlerweile informiert, aber da sie sich nicht gerade mit Arbeitseifer überschlägt, um dem Zustand abzuhelfen, bin ich froh, dass sich nun noch spontan die Möglichkeit ergeben hat, mit Friederike, der neuen Stipendiatin des ded, eine Wg zu gründen. Zwar bin ich jetzt nur noch vier Monate hier, aber dafür lohnt es sich noch, denke ich.


Prophetische Gaben

Kurz vor meiner Rückkehr, so berichtete mir Zarrina, gab es in Dushanbe ein denkwürdiges Ereignis, das vielleicht einiges aussagt über das Verhalten des Menschen in Krisensituationen. Es war, so erzählte sie, ein ganz normaler Abend an einem Werktag, den sie mit ihrer Familie verbrachte (wie die meisten Tadschiken, die noch nicht verheiratet sind, wohnt sie noch in der Wohnung ihrer Eltern). Alle gingen, wie üblich, um kurz vor Mitternacht ins Bett. Nach einiger Zeit, sie hatte vielleicht ein oder zwei Stunden geschlafen, klingelte plötzlich das Telefon. Schlaftrunken ging die Mutter ans Telefon. Es war ein Bekannter der Eltern, der sich aufgeregt meldete und fragte, ob sie denn nicht die Nachrichten gesehen hätten; warum sie denn noch in der Wohnung seien. Was denn los sei, fragte die Mutter zurück. Er selbst habe die Nachrichten auch nicht gesehen, aber ein Freund von ihm habe sie gesehen und daraufhin bei ihm angerufen. In der Sendung sei berichtet worden, aufgrund einer neuartigen Messtechnik sei es möglich geworden, Erdbeben vorherzusagen, und für heute Nacht, zwei Uhr dreißig, sei ein äußerst schweres Erdbeben vorhergesagt worden, es werde die Stärke zehn auf der Richterskala haben. Alle Bewohner der Stadt seien dazu aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen. Was genau in ihnen vorging, als der Bekannte dies erzählte, und dann einen Moment später, als die Mutter es ihnen weitererzählte, konnte Zarrina nicht genau sagen. In jedem Fall verließen sie alle so wie sie waren das Haus. Draußen auf der Straße stellten sie fest, dass sie jedenfalls nicht die einzigen waren, die informiert worden waren: Der ganze Straßenzug stand voll mit Menschen in Nachtbekleidung, die fluchtartig ihre Häuser verlassen hatten und ratlos und in leichte Panik versetzt herumstanden und warteten. Nichts geschah, nicht um zwei Uhr dreißig und auch nicht später. Es war sehr kalt. Das ganze Viertel, ja die halbe Stadt schien auf den Beinen zu sein. Es wurde schließlich eine Sondereinheit der Armee ausgesandt, um die Menschen zu beruhigen und sie zurück in ihre Häuser zu treiben (es mag dahingestellt sein, wie beruhigend der Anblick von Armeetransportern ist, wenn gerade ein verheerendes Erdbeben angekündigt worden ist). Später meinten sehr viele, mit jemanden gesprochen zu haben, der die Sendung mit der Ankündigung im Fernsehen gesehen haben wollte. Selbst gesehen hatte sie jedoch niemand, und es wusste auch niemand zu sagen, auf welchem Sender die Nachricht gelaufen sein könnte.

Zarrina sagte mir, sie wisse ganz genau, was für ein Blödsinn eine derartige Ankündigung sei; ganz Tadschikistan lebe seit ewigen Zeiten mit den Erdbeben und ihrer Unberechenbarkeit. Aber trotzdem habe sie in diesem Moment die Angst nicht abschütteln können, genau wie Tausende andere in der Stadt auch.

Ein heiliger Ort


In Dushanbe hat es nur wenig geschneit in den vergangenen Monaten, die Befürchtung eines weiteren katastrophalen Winters hat sich nicht bewahrheitet. Heute lagen die Mittagstemperaturen in Dushanbe bereits wieder über 20 Grad, der Winter geht also anscheinend fast genauso übergangslos in den Sommer über wie der Sommer in den Winter. In den Bergen rund um die Stadt liegt allerdings immer noch reichlich Schnee. Vor einigen Wochen haben wir das prächtige Wetter zum Anlass genommen, einen Ausflug nach Hodscha Ob-i-Garm zu machen. Der Ortsname lässt sich vielleicht in etwa übersetzen als „Heiliger Ort des heißen Wassers.“ Etwa 40 Kilometer von Dushanbe entfernt, auf einer Höhe von etwa 2000 Metern, gibt es hier mitten in den Bergen tatsächlich heiße Heilquellen. Wir fuhren mit dem Firmenwagen von Nicola aus der französischen Schweiz das schmale Sträßchen zum Kurort hinauf, zu dessen Seiten sich schon bald meterhoch Alt- und Neuschnee auftürmte. Es war ohne Allradantrieb und Schneeketten ein recht abenteuerliches Unterfangen, zumal uns ständig andere Fahrzeuge ohne Warnung entgegenrasten. Auf der Höhe von Hodscha Ob-i-Garm stapelte die weiße Pracht sich dann noch höher. Vor uns lag das beeindruckende „Sanatorium“, das die Russen hier aus dem Boden gestampft haben (siehe Bild oben). Der enorme vielstöckige Betonklotz hat Ähnlichkeit mit französischen Skihotels aus den 70er Jahren, schafft es allerdings irgendwie noch hässlicher zu sein. Und tatsächlich haben französische Architekten das Monstrum 1983 errichtet. Auf dem Gelände soll zuvor ein bedeutsamer Mazor, ein muslimischer Heiligenschrein gestanden haben; der Bau der monströsen Anlage war eine gute Gelegenheit, den Ort zu entweihen.

Sebastian, ein Bekannter von Martyna und ebenfalls Pole, hatte diesen Trip angeregt und einen russischen Freund mitgebracht, der sich in Hodscha Ob-i-Garm und in der Umgebung gut auskannte. Wir unternahmen eine kleine Wanderung in die umliegenden schneebedeckten Hügel, bei der wir uns nur sehr langsam fortbewegen konnten, da wir durch meterhohen Schnee stapfen mussten. Erschöpft, verschwitzt und durchnässt kamen wir nach zwei Stunden zurück zur Straße. Unser russischer Führer hatte nun zur Belohnung für die Strapazen ein kleines Wellness-Angebot für uns: Wir würden zusammen in die Sauna gehen. Die Anlage, die er hierbei im Sinn hatte, lag etwas abseits und unterhalb des eigentlichen Sanatoriums, ein Besuch dort sei billiger als ein Aufenthalt in dem riesigen Zentrum, sagte er uns. Wir betraten ein kleines Häuschen, dessen Funktion von außen nicht ohne weiteres erkennbar war. Im Eingangsbereich stellten wir unsere durchnässten Wanderschuhe ab und entrichteten einen überschaubaren Obolus. Danach trennten sich, wie es sich in Tadschikistan natürlich gehört, die Wege von Männern und Frauen. Wir Herren betraten einen großen, gut gewärmten Raum, in dem mehrere Feldbetten an den Wänden standen und in dem man sich seiner Kleidung entledigen konnte. Einige tadschikische Männer saßen oder lagen halbnackt herum, sie hatten sich in Bettlaken gehüllt. An einer Wand hing eine Schautafel, die offenbar schon vor vielen Jahrzehnten während der Sowjetzeit hier aufgehängt worden war. Soweit ich die dargestellten Sachverhalte entschlüsseln konnte, wurden darauf die Heilungskräfte erklärt, die diese Sauna und das durch Erdwärme erhitzte Wasser von Hodscha Ob-i-Garm haben sollen. Das Besondere an diesem Wasser, so ging daraus hervor, sei sein Gehalt an Radon. Das radioaktive Element sei hier in ungewöhnlich hohem Maß vorhanden. Ein zehnminütiger Aufenthalt in der Dampfsauna, so erklärte denn auch unser russischer Begleiter, habe den gleichen Effekt wie mehrere Röntgenbestrahlungen. Dies, so wollte die Schautafel zeigen, sei überaus heil-, wenn nicht sogar wunderkräftig für den Körper. Wir verließen uns naiv auf das Wissen unseres Führers, der schon oft hier gewesen zu sein schien und in seinem bisherigen Leben von Strahlenerkrankungen verschont geblieben war.

Nachdem auch wir nackt waren, betraten wir schließlich die Sauna: Es war ein winziger, dunkler Raum, der wohl in den Fels gehauen worden war. Ebenfalls in den Fels waren Bänke geschlagen, auf denen glatte Steinplatten auflagen, auf die man sich setzen konnte. Der Raum war von dichtem Dampf erfüllt, dabei jedoch gleichzeitig außerordentlich heiß, er hatte sicherlich die gleiche Temperatur wie eine Trockensauna. Es hing ein eigenartiger Geruch in der Luft, etwas muffig oder auch sauer, der mit keinem anderen mir bekannten Geruchserlebnis vergleichbar war. Wir ließen uns nieder. Ich entdeckte schließlich die Quelle der Hitze: Am Boden der Felswand, am Ende des Raums befand sich ein kleines Loch, aus dem der Dampf hinausströmte. Kurz bevor wir leicht taumelnd den Raum verließen, stellten wir uns alle einmal kurz direkt vor dieses Loch. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, lebendig gekocht zu werden: Der Dampf hatte sicherlich annähernd eine Temperatur von 100 Grad. Wir bespritzten uns mit kaltem Wasser aus einer Tonne und legten uns danach erschöpft auf die Feldbetten nieder. Unser Russe erzählte uns, die Sauna in ihrer heutigen Form sei erst vor etwa dreißig Jahren angelegt worden; schon davor aber habe es an dieser Stelle eine natürliche Höhle gegeben, die von den Menschen schon seit ewigen Zeiten zum Saunieren genutzt worden sei. Kurz darauf begaben wir uns noch einmal in die Felsenkammer, um eine weitere kräftige Brise des radioaktiven Dampfes aus dem Erdinneren einzuatmen.

Nach dem dritten Durchgang gingen wir hinaus und trafen wieder auf die Frauen, die immer im Wechsel mit uns in der Kammer gewesen waren. Martyna berichtete von einer Begegnung in der Sauna: Als sie, Martyna, den Raum betreten habe, habe sie natürlich zunächst ein Handtuch auf die Steinfläche gelegt, bevor sie sich daraufgesetzt habe. Neben ihr habe eine Tadschikin gesessen, die sich sehr über ihr Verhalten gewundert habe: Warum sie denn extra noch dieses Handtuch ausbreiten würde, fragte sie erstaunt. Martyna erklärte ihr, dass sie dies aus hygienischen Gründen tue, man wisse ja nicht, wer hier vorher gesessen habe, und ein wenig könne man sich ja vor aggressiven Bakterien schützen. Die Frau reagierte baff und offenbar auch entrüstet: Das sei doch wirklich überhaupt nicht nötig. In Tadschikistan gebe es keine Bakterien. Nur, soviel müssen sie zugeben, nur wenn die tadschikischen Gastarbeiter aus Russland zurück nach Hause kämen, brächten sie manchmal Bakterien aus dem Ausland mit. Martyna verzichtete darauf, sich auf eine längere Diskussion einzulassen. Wir machten uns noch ein wenig Gedanken darüber, ob die Frau tatsächlich Bakterien gemeint haben könne – oder vielleicht doch eher einen ganz bestimmten Virus, den die tadschikischen Männer aus Russland mit nach Hause bringen.
Das erste der beiden unteren Bilder zeigt übrigens einen weiteren Mazor etwas unterhalb des Sanatoriums, also die (angebliche) Grabstätte eines wichtigen islamischen Gelehrten oder Heiligen. Diese hier ist offensichtlich neueren Datums und mag als Ersatz für den von den Sowjets zerstörten Ort dienen. Charakteristisch für einen solchen Ort ist offenbar, dass ein Baum aus der Grabstätte hinauswächst, der gleichsam den Geist des heiligen Mannes in sich trägt und am Leben erhält.

Vom Sturz in ein anderes Leben

Auf der Arbeit stand unterdessen wieder einmal die Auswahl von Bewerbern für ein Stipendium an. Dieses Auswahlverfahren war allerdings eine Premiere, denn zum allerersten Mal konnten sich jetzt Absolventen von Schulen bewerben, an denen man das Deutsche Sprachdiplom erwerben kann. Davon gibt es in Tadschikistan genau zwei, die Schule Nummer 89 in Dushanbe und das Goethe-Gymnasium in Khudjand. Die Schüler, die an diesen Schulen ihren Abschluss machen, erwerben damit zugleich die Berechtigung zum Studium an einer Hochschule in Deutschland. Naturgemäß haben Schüler dieser Schulen oftmals Deutschkenntnisse, die die ihrer anderen Altersgenossen bei weitem übertreffen, und daher hat der DAAD stets ein wachsames Auge auf sie, da hier oft die vielversprechendsten Kandidaten für Stipendien zu finden sind. Er steht darum in engem Kontakt mit den ZfA-Beraterinnen, die an diesen Schulen aktiv sind, und die in diesem Fall selbst als Menschenfischer auftraten: Die besten Schüler, die 2009 ihren Abschluss machen werden, wurden von ihnen gezielt für eine Bewerbung beim DAAD gecoacht. Einige wenige unter ihnen könnten also die Möglichkeit erhalten, direkt nach der Schule, oftmals im zarten Alter von 17 Jahren, ein vollständiges Studium in Deutschland vom DAAD finanziert zu bekommen – einen Bachelor oder aber auch ein ganzes Medizin- oder Jurastudium mit Staatsexamen. Ich war damit beauftragt, den Bewerbern zusätzliche Unterstützung zu geben, zum Beispiel beim Ausfüllen der Online-Bewerbung, die ja schon zuvor viele IT-ungewohnte Bewerber vor schier unlösbare Probleme gestellt hatte, oder auch beim Erstellen eines Motivationsschreibens.

Vielen Bewerberinnen (zehn von elf Bewerbern waren Mädchen, daher verwende ich die weibliche Form) wurde offenbar erst beim Ausfüllen dieser Onlinebewerbung bewusst, auf was für ein Unterfangen sie sich mit dieser Bewerbung einließen: In einem Feld musste man die gewünschte Dauer des Stipendiums in Monaten angeben. Die maximale Dauer, die man in dem Formular angeben konnte, waren 48 Monate. Einer 17jährigen Bewerberin, die in Deutschland Medizin studieren will, erklärte ich, dass für ihr Studium dieses Feld nicht hinreichend sei, sie müsse in einem darunter stehenden Feld die ungefähre Studiendauer von sechs Jahren angeben, mit zusätzlich einem Vorbereitungsjahr im Studienkolleg ergebe das einen voraussichtlichen Studienabschluss im Jahr 2016. Als ich ihr diese Zahl nannte, sah sie mich an und wusste wohl nicht so genau, ob sie loslachen oder schockiert sein sollte. In einem Land, in dem die Verwurzelung in der Familie eine so außerordentlich große Rolle spielt, muss die Aussicht auf eine derart lange Trennung einen Schmerz bedeuten, den wir mit unserem völlig über den Haufen geworfenen Familienbild nur annähernd erfassen können. Ich versuchte mir auszumalen, wie sehr ein so langes Studium in Deutschland sie verändern würde. Die Schülerin schluckte einmal, trug dann jedoch ohne zu zögern die Zahl 2016 in das Feld ein.

Montag, 5. Januar 2009

Idi Kurbon und die totale Institution

Der tadschikische Patient

Meine Ankunft zum Weihnachtsurlaub in Deutschland hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Unbeschwerte Freizeit, die süßlichen Schwaden einer Feuerzangenbowle, sinnentleerte Videoabende mit Freunden, sprich: alle Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation schwebten mir vor. Dementsprechend unangenehm überrascht war ich dann, als meine Eltern mich am zweiten Tag nach meiner Ankunft folgendermaßen empfingen:

Die Vorgeschichte wird dem einen oder anderen Leser bereits vertraut sein, ich gehe trotzdem noch einmal darauf ein. Es steht zu befürchten, dass dieser Eintrag den Charakter bloßen therapeutischen Schreibens trägt. Wen das völlig zu Recht nicht interessiert, ist aufgefordert, bis zum Abschnitt "Schaschlik Bisiness" vorzuspringen.

Mitte November begann ich nachts leichtes bis mittelschweres Fieber zu bekommen und hatte auf einmal Schmerzen in der Seite. Als es mir nach einigen Tagen nicht besser ging, begab ich mich in die Obhut eines westlichen Arztes. Seine Praxis ist in dem vorderen Teil eines Gebäudes der Duschanbiner Universitätsklinik untergebracht, und so ergab sich ein eigenartiger optischer Effekt, als er mich nach der üblichen Anfangsuntersuchung zum Ultraschall in einen Untersuchungsraum des Krankenhauses schickte: Eben noch war ich in den blitzsauberen, mit modernen Geräten vollgestopften, gut gewärmten Räumen einer europäischen Arztpraxis, in der die wenigen Patienten und Angestellten leise auf Englisch miteinander sprachen; dann folgte ich einer russischen Krankenschwester, trat durch eine Tür aus Kunststoff, und schon befand ich mich in einem dunklen, zugigen Gang, der Boden aus nacktem Estrich bestehend, die Farbe von den Wänden fast vollständig abgeblättert, voll mit humpelnden Menschen, besorgten Angehörigen und schreienden Kindern, betriebsam wie ein Verbindungsgang in der Londoner U-Bahn zur Rush Hour. Vor einer Tür wartete eine größere Menschenmenge, keiner schien es erwarten zu können als nächster hineinzukommen, und sobald sich die Tür für einen kurzen Moment öffnete, drängten sie sich dagegen als gelte es, die letzten Plätze in einem voll besetzten Bus zu ergattern. Mich im Schlepptau, drängte sich die Schwester mit mehreren lauten Kommandos durch die Menge und ermöglichte mir so den Zutritt zum Ultraschall-Untersuchungsraum. Sie entschuldigte sich bei mir für den Zustand des Gebäudes und der Geräte.

Der Befund der Untersuchung wie auch weiterer Untersuchungen, Röntgenaufnahmen und Proben blieb ohne greifbares Ergebnis. Der westliche Arzt äußerte die Vermutung, es handle sich um eine Entzündung der Pleura, woraufhin ich für einige Tage Antibiotika schluckte. Nichts änderte sich, und als ich nach fast drei Wochen immer noch jeden Morgen wie aus dem Wasser gezogen erwachte, die Schmerzen zunahmen und der westliche Arzt wie auch ein hinzugezogener Pulmologe nur noch mit den Achseln zuckten, entschied ich, dass es eine gute Idee sein könnte, ein wenig früher nach Deutschland zu fliegen. Nach Absprache mit Kai, meiner Uni und dem DAAD in Bonn setzte ich mich dann schon am zehnten Dezember ins Flugzeug, den ich recht unruhig verbrachte, hing einige Stunden übermüdet im vor Konsumangeboten berstenden Transitbereich des Istanbuler Flughafens herum und kam ziemlich abgemagert und verschwitzt in Frankfurt an.

Schon am nächsten Morgen brachten mich meine Eltern zu einem Arzt nach Bonn. Es war ein Allgemeinmediziner (die örtliche Tropenmedizinerin lag selbst mit Fieber im Bett), der mich wie schon gehabt oberflächlich untersuchte und mich nach meinen Beschwerden befragte und danach, wo ich denn jetzt gerade herkomme. Bei den Stichworten „Fieber“, „Lunge“ und „Tadschikistan“ schien er zurückzuschrecken und auf einmal merklich von mir abzurücken. Soso, dann solle ich mich doch mal wieder hinausbegeben. Er werde kurz mit einem Lungenarzt telefonieren, um zu fragen, wie jetzt weiter zu verfahren sei. Ich wurde in ein nicht benutztes Untersuchungszimmer gesetzt, die Tür wurde geschlossen. Nach einer halben Stunde teilte eine Sprechstundenhilfe mir mit, ich solle mich sofort von meinem Vater ins Krankenhaus fahren lassen. Auf gar keinen Fall dürfe ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin fahren. Sie wünschte mir noch alles Gute.

In der Notaufnahme angekommen, wurde mir sofort ein Mundschutz aufgesetzt und man verbat mir, ihn abzusetzen. Nach einer kurzen Untersuchung durch einen Internisten, der bei der Erwähnung von Tadschikistan nur den Kopf schüttelte, wurde ich mit Verdacht auf Tuberkulose auf ein Isolationszimmer auf der Lungenstation eingewiesen. Was Isolationszimmer hieß, stellte ich schnell fest: Ich durfte den Raum nicht verlassen, und jeder, der hineinkam, musste selbst einen Mundschutz sowie eine Plastikhaube und einen Plastikkittel anziehen. Hier würde ich nun verbleiben, bis die Untersuchungen ein eindeutig positives oder negatives Ergebnis erbracht hätten. Aus meinem Fenster blickte ich zu allen Seiten auf graue Betonwände des Krankenhausinnenhofs. Die Schwestern stahlen sich, mit Mundschutz gewappnet, für einen kurzen Moment in mein Zimmer, stellten blitzschnell das Tablett mit dem Essen auf den Tisch und verschwanden wieder. Auch die Putzfrauen schienen mich als unkalkulierbares Risiko zu empfinden und mich unter der Maske ängstlich anzustarren, während sie hektisch den Boden wischten. Ich bekam einen Eindruck davon, wie Hannibal Lecter sich in seiner Zelle gefühlt hatte.

Unangemeldeter Besuch

Nach fünf Tagen, nach einer Computertomographie bekam ich den Bescheid, dass Tuberkulose oder jedwede andere Lungenerkrankung ausgeschlossen werden könne. Ich konnte mein Zimmer nun verlassen, Besucher mussten keinen Mundschutz mehr tragen. Jetzt wandten sich die Ärzte anderen Ursachen zu, und nach einer eingehenden Ultraschalluntersuchung durch einen Oberarzt stellte sich heraus, dass da am Rand meiner Leber ein ziemlich scharf abgegrenzter, ziemlich dunkler Fleck zu sehen war. Es folgten viele Blutproben, Stuhlproben und schließlich nach einigen Tagen die Erkenntnis, dass ich kleine, unangemeldete Besucher namens Entamoeba histolytica in mir trug, im allgemeinen für Amöbenruhr verantwortlich, doch nun auf wundersame Weise in meine Leber gewandert, wo sie sich eine Art Festung in Form eines Abszesses gebaut hatten. Ich wurde sofort auf Antibiotika gesetzt. Der Hinweis in deren Packungsbeilage, dass eine derartige Erkrankung unbehandelt des öfteren tödlich verläuft, zeigte mir, dass es wohl eine gute Idee war, früher zurück nach Deutschland zu fliegen.

Das Einzelzimmer behielt ich auch weiterhin. Ich hatte mich unterdessen an den Ausblick gewöhnt. Das Wetter schien sich aus dieser Perspektive überhaupt nicht zu verändern, ja es schien gar kein Wetter mehr zu geben, sondern nur noch diese grauen Wände. Auch Tadschikistan schien es nicht mehr zu geben, oder die Menschen, die ich dort kennengelernt hatte. Genauso schien auch Bonn verschwunden zu sein, meine Freunde und meine Familie, die mich besuchten, schienen aus dem Nichts in mein Zimmer zu treten und auch wieder dorthin zu verschwinden. Ich hatte einen Fremdkörper in mir, und ich war ein Fremdkörper hier im Lungenzentrum. Während die älteren Männer auf der Station, mit grauen Gesichtern und ballonseidenen Trainingsanzügen, hustend ihre blubbernden Lungenfelldrainagen durch die Gänge schoben und wider jegliches besseres Wissen zum Raucherbalkon drängten, war ich mit meinem Abzess auf extraterritorialem Gelände. Ich war aus Tadschikistan abgeflogen, aber nicht in Deutschland angekommen, sondern irgendwie in einer Falte des Raumzeitkontinuums verschwunden.

Die Antibiotika schlugen auch nach einigen Tagen nicht recht an. Viele Ärzte interessierten sich für meinen exotischen Fall. Beim nächsten Ultraschall standen schon vier Assistenzärzte um mich herum, als dann noch ein zweiter Oberarzt hinzugerufen wurde und, nachdem alle anderen zur Seite getreten waren, auch noch der Chefarzt der inneren Abteilung, der etwa eine Minute lang extrem schnell und unzusammenhängend sprach, wobei jeder seiner Sätze mit einem Nicken der anderen begleitet wurde. Außergewöhnlich, ja. Man habe ja schon mal davon gehört, dass so etwas in Mittelasien auftreten könne, aber ansonsten kenne man das ja nur aus dem Lehrbuch.

Die Arbeit des Patienten

Der Chefarzt beschloss, eine Leberpunktion durchzuführen, um so durch einen einzigen gezielten Eingriff den Abszess auszuspülen und abzusaugen. Der Eingriff, so beruhigte er mich, finde unter lokaler Betäubung statt und sei zwar etwas unangenehm, aber er habe das früher schon einmal gemacht. Keineswegs beruhigt ließ ich mich einen Tag später mit meinem Bett zu ihm fahren. Etwa eine Stunde lange dauerte nun die Vorbereitung auf den Eingriff. Ein Assistenzarzt war damit beauftragt, per Ultraschall zu kontrollieren, dass die lange, dünne Nadel des Chefarztes auch den richtigen Weg in die Leber fand. Kurz bevor er die Nadel einführte, erklärte er mir, wie ich mich zu verhalten hatte. Zu dem Zeitpunkt, an dem die Nadel in die Leber eintrat, würde er mir das Kommando geben die Luft anzuhalten. Dies sollte ich so lange tun wie es mir möglich sei. Sobald ich nicht mehr könnte, sollte ich mit der Hand ein Zeichen geben, dies jedoch ungefähr fünf Sekunden bevor ich es nicht mehr aushielte. Danach dürfte ich weiterhin nicht tief, sondern nur sehr flach und kurz ein- und ausatmen. Diesen Anweisungen zu folgen sei wichtig: die Leber liege direkt unterhalb der Lunge, wenn diese sich bewege, bewege jene sich automatisch mit – und dann könne die Nadel abrutschen, und es könnte einiges kaputt gehen. Das sei aber im übrigen alles ganz einfach, der Eingriff würde nur ein paar Minuten dauern.

In seinem Text „Asyle“ rechnet der Soziologe Erving Goffman auch Krankenhäuser den „totalen Institutionen“ zu, Sonderformen von sozialen Institutionen, die allumfassenden Charakter haben, also eine hermetische Welt in sich bilden (und gleichzeitig ein Abbild der Gesamtgesellschaft im kleinen formen). Alle Bestandteile eines normalen Alltags werden auch von den „Insassen“ eines Gefängnisses, einer Kaserne oder eben eines Krankenhauses vollführt, nur eben mit dem Unterschied, dass all diese Verrichtungen hier vom „Stab“ der Institution gesteuert und kontrolliert werden. In Gefängnissen und Kasernen wird gegessen, geschlafen – und gearbeitet. Was aber ist mit der Arbeit im Krankenhaus? Das ist ein Aspekt des normalen Alltags, der hier fehlt. Oder? Vollführe ich als Patient im Krankenhaus etwas, das mit Arbeit vergleichbar ist? Wenn überhaupt, dann besteht die „Arbeit“ des Patienten wohl darin, mit den Ärzten und Schwestern zu kooperieren und ihren Anweisungen Folge zu leisten – man gibt Auskunft übers eigene Befinden, man hält still, wenn man eine Spritze bekommt. In den wenigen Fällen, wo eine mehr oder weniger aktive Kooperation gefragt ist, muss das für den Patienten ein eher schwer zu verdauendes Ereignis sein, da er diese aktive Kooperation nicht als seiner Patienten-Rolle für angemessen erachtet.

So erklärte sich wohl auch meine Reaktion auf die Forderung des Chefarztes, durch Kontrolle meines Atems zum Gelingen der Leberpunktion beizutragen. Jetzt sei er drin, kündigte er an. Der recht junge Assistenzarzt war neben der Kontrolle des Ultraschalls damit beauftragt, meine Hand zu halten und mir Vertrauen einzuflößen. Mit letzterem hatte er wohl noch nicht allzu viel Erfahrung, er blickte mich etwas ratlos an und sagte hin und wieder „Das wird schon, das wird schon“. Irgendwo rührte etwas in mir herum. „Jetzt nicht atmen!“, kam das Kommando. Etwa fünf Sekunden lang hielt ich mit wohl ziemlich weit aufgerissenen Augen die Luft an, dann durchflutete mich eine nie gekannte Panik, ich flatterte wild mit der Hand und begann sofort zu hyperventilieren. „Kann nicht, kann nicht...“, stammelte ich tonlos. „Dauert nur noch eine Minute“, entgegnete der Chefarzt ungerührt. Nachdem die Nadel ohne irgendwelche Schmerzen zu verursachen meinen Bauch wieder verlassen hatte, brauchte ich ziemlich lange, bevor ich wieder normal sprechen und atmen konnte. Das war meine „Arbeit“ für heute gewesen, und fast wäre ich damit überfordert gewesen. In den kommenden Tagen meines Aufenthalts beschränke ich mich lieber auf die Tätigkeiten, die ich beherrschte: Den Verband zurückschieben, wenn die Infusion kommt, das Fieberthermometer in den Mund nehmen, Auskunft darüber geben, ob ich heute schon Stuhlgang hatte. Einen bunten Arbeitsalltag hatte ich im Krankenhaus.

Der Lebereingriff erwies sich als weniger ertragreich als erhofft. Nur wenig von der trüben braunen Brühe konnte aus dem Abszess entfernt werden, so dass man mir bis auf weiteres eine Antibiotika-Infusion verabreichte und mir ankündigte, wenn das nach einer weiteren Woche keinen merklichen Rückgang des Klumpens bewirke, werde man in einem weiteren Eingriff einen Schlauch in meiner Leber installieren, also eine Drainage, mit der dann im Laufe einer weiteren Woche endgültig die ganze Gülle abgepumpt werden sollte. Ich freute mich schon. Unterdessen hatte ich mich nahezu vollkommen den Regeln der totalen Institution angepasst, Widerstand war zwecklos. Ich bat verstohlen um Erlaubnis, wenn ich einen kurzen Spaziergang nach draußen machte, obwohl mir das einfach so zustand. Ich meldete mich sofort bei der Stationsleitung, wenn meine Infusion nicht pünktlich gelegt wurde. Ich reagierte bereitwillig auf die Frage „Wie geht es uns denn heute“ und erzählte, erzählte und erzählte, ich konnte mir selbst nichts Interessanteres mehr vorstellen als meine Krankheit und betrachtete den Stab der Institution als Eingeschworene, die dieses Wissen mit mir teilen durften. Als sich an Heiligabend völlig überraschend die Möglichkeit ergab, für einige Stunden das Krankenhaus zu verlassen, um mit meiner Familie Weihnachten zu feiern, fühlte ich mich wie ein Deserteur, ein Verräter der Gesundheitsarmada.

Ich erwartete gottergeben die nächste Ultraschalluntersuchung und die Installation des Leberschlauchs. Ein neuer Assistenzarzt bat mich bereits einige Stunden vor der Untersuchung, ihm doch auf jeden Fall bescheid zu sagen, er wollte wohl auch gerne mit dabei sein, wenn noch einmal der Amöbenabszess aus Tadschikistan ins Blickfeld rücken würde, über den schon so viel geredet worden war. Er kleckerte meinen Bauch mit Kontaktgel ein, setzte das Ultraschallgerät an und begann zu suchen. Er muss enttäuscht gewesen sein, als er nichts fand. Der Oberarzt übernahm kurz darauf, aber auch er stellte fest, dass der Abszess sich offenbar nahezu vollkommen aufgelöst hatte. Weitere fünf Tage musste ich noch an eine Infusion der Antibiotika angeschlossen bleiben, dann wurde ich entlassen.

Im Moment freue ich mich nach drei Wochen im Krankenhaus über die wieder gewonnene Freiheit, muss aber weiterhin Antibiotika schlucken und kann daher noch nicht genau sagen, wann ich wieder in Tadschikistan sein werde. Mit Sicherheit zu Beginn des neuen Semesters im Februar, hoffentlich schon früher. Nachdem meine Krankengeschichte nun, wie man es leider von mir gewohnt ist, länger geworden ist als geplant, komme ich jetzt zu den viel erbaulicheren Ereignissen in Tadschikistan, die dem vorausgegangen sind.

Schaschlik Bisiness

Der Winter hatte eigentlich noch nicht wirklich begonnen, auch wenn an einem Morgen bereits Frost auf den Pflanzen und auf der Erde lag und auch die erste dünne Schneeschicht für einen Tag die Stadt bedeckte – dennoch, auch an einem Tag Anfang Dezember zeigte das Außenthermometer noch einmal 20 Grad Celsius an. Ohnehin scheinen die Tadschiken ein Volk zu sein, dass grundsätzlich die Außengastronomie liebt; bisher haben die Menschen tatsächlich jedem Wetter getrotzt und sich neben den Schaschlikgrills unter einem Sonnenschirm eingefunden, um entweder Spieße oder das unvergleichliche Plov auch bei empfindlichen Temperaturen draußen zu genießen. Und im Gegensatz zu den Deutschen brauchen sie dafür gar keine Heizpilze, die Kohlendioxid in die Atmosphäre schleudern.

Im übrigen ist die tadschikische Gastronomie mit der deutschen sowieso schlecht vergleichbar: Die tadschikischen Oschchonas (wir würden sie vielleicht als Imbiss oder Bistro bezeichnen) werden vielfach auch in privaten Wohnungen oder Häusern betrieben. In der Küche der Familie oder auf einem Schaschlikgrill im Innenhof werden die Speisen zubereitet und dann in den Vorgarten gebracht, wo die Tische stehen (so auch in dem Mietshaus, in dem ich wohne). Andere Familien backen einfach nur Brot bei sich zu Hause und verkaufen es in der Nachbarschaft. Die wirtschaftliche Handlungsmacht vieler Menschen ist extrem begrenzt, doch in diesem engen Radius wird tatsächlich jeder Quadratzentimeter ausgenutzt. Und sei es nur, dass ein alter weißhaariger Mann am Basar sich neben einer kleinen Personenwaage auf den Boden setzt und sich die persönliche Gewichtsinformation mit ein paar Cents bezahlen lässt – eine Geschäftsidee, die ich auch in Rumänien schon gesehen habe.

Bewerbungen

Allgemein war es jetzt recht ruhig geworden in Duschanbe. Meine Tätigkeiten an der Uni für dieses Semester schrumpfen immer mehr zusammen, mein Stundensoll war fast schon erfüllt, und die verbleibenden Stunden musste ich nun soweit es ging auf die verbleibende Zeit bis Ende des Semesters ausdehnen. Im Büro standen noch einmal ein paar Bewerbungsfristen an: Zum einen schreibt das Goetheinstitut Stipendien aus für Deutschlehrer (an Schulen, Universitäten und privaten Instituten), damit sie an Fortbildungskursen in Deutschland teilnehmen können; da es in Tadschikistan bisher jedoch gar kein Goetheinstitut gibt, übernimmt hier die Deutsche Botschaft die Vorauswahl der Bewerber, mit (recht umfassender) Hilfe des DAAD.

Die Bewerber für dieses Stipendium sind fast alle alte Bekannte des DAAD, die in der einen oder anderen Form in der Vergangenheit schon einmal gefördert worden sind. Hier galt es darum mit besonders viel Fingerspitzengefühl vorzugehen, um Gerechtigkeit walten zu lassen, und andererseits den Leuten, die man außen vor lassen musste, nur ganz behutsam auf den Schlips zu treten und ihnen, soweit möglich noch Alternativen anzubieten. Die Erwartungshaltung der Bewerber war dabei oft geprägt von bestimmten, für uns nur schwer durchschaubaren esoterischen Hirarchiesystemen innerhalb der Fakultäten. Vereinfacht lässt sich sicher sagen, dass derjenige, der über mehr Dienstjahre sowie Ämter und Würden verfügt, vollkommen natürlicherweise davon ausgeht, er sei nun in jedem Fall „an der Reihe“, ein Stipendium abzubekommen. Wenn wir nun einen jüngeren, unerfahreneren Kollegen von der gleichen Fakultät bevorzugen, der sehr talentiert ist und gerade aufgrund seines Alters noch einen weiteren Lernhorizont hat, ist es fast unausweichlich, dass wir damit den Groll der Älteren auf uns ziehen – eine Tatsache, die wir auch nicht völlig ignorieren können, da wir mit diesen Menschen ja weiterhin zusammenarbeiten müssen und wollen, schließlich sind wir selbst in Dushanbe auch Angestellte einer Universität.

Weiterhin stand noch die Auswahl von Bewerbern für ein Semesterstipendium an, die dann ein halbes Jahr lang Germanistik in Deutschland studieren können, und die Stipendien für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland. Bei letzterer Auswahl hatte ich endlich einmal Gelegenheit, Bewerber aus allen möglichen Fachrichtungen kennenzulernen (und nicht nur „Germanisten“, die leider oft nur sehr eindimensionale Zukunftspläne haben. Wenn hier mal einer sagen würde „Ich möchte was mit Medien machen“, wäre man schon glücklich). Der größte Anteil der Bewerber waren Mediziner, eine Gruppe, die es prinzipiell nicht allzu schwer hat, die Motivation für Forschung oder Studium in Deutschland zu begründen; ich habe bereits einmal ein tadschikisches Krankenhaus von innen gesehen und weiß daher ein wenig wovon ich spreche. Neben ihrem Forschungsplan waren darum bei diesen Bewerbern wieder einmal auch ihre Sprachfertigkeiten der ausschlaggebende Punkt – nicht unerheblich, wenn man in einem deutschen Krankenhaus arbeiten möchte. Ein Bewerber aus der plastischen Chirurgie wurde wegen seiner nicht vorhandenen Deutsch- und Englischkenntnisse sofort ausgemustert, noch nicht einmal sein Russisch war überzeugend. Wir scherzten ein wenig darüber, ob ein plastischer Chirurg denn so umfassende Sprachkenntnisse überhaupt brauche, da der Dialog mit dem Patienten sich doch auch stark reduzieren ließe: „Nase klein machen? Busen groß machen?“ – mit einer ein- bis zweiseitigen Vokabelliste ließe sich sicher alles Wichtige abdecken.

Abrahams Fest

Das öffentliche Leben der Stadt verlief nun also recht ruhig, man schien sich langsam in eine Art Winterstarre zurückzuziehen. Bevor die jedoch wirklich begann, galt es, sich noch einmal ein richtiges Fettpolster für den Winter anzufressen. Und dies kann man ganz hervorragend tun anlässlich des größten islamischen Festes, dessen Termin jedes Jahr neu nach dem Mondkalender berechnet wird; das von den Tadschiken Idi Kurbon genannt wird und in Deutschland einfach Opferfest heißt.

Das Opferfest findet alljährlich auf dem Höhepunkt der Hadsch, der großen Pilgerschaft nach Mekka statt. Zur Erklärung seines Ursprungs wird meist auf die Geschichte von Ibrahim und seinem Sohn Isaak verwiesen: Allah befiehlt Ibrahim, auf einen Berg zu steigen und ihm dort seinen Sohn zu opfern. Ibrahim befolgt die Anweisungen seines Gottes und hat gerade schon das Messer angesetzt, als Allah einschreitet und ihm verkündet, all dies sei nur eine Probe seiner Glaubensfestigkeit gewesen; sie beide sollten nun gemeinsam hingehen und stattdessen einen Widder opfern. Wem diese Geschichte mehr als bekannt vorkommt, der liegt richtig, schließlich ist es nichts anderes als die alttestamentarische Geschichte über Abraham. Muslimische Gemeinschaften weltweit nehmen nun bis heute diese Geschichte zum Anlass, am Idi Kurbon ein Tier zu schlachten, meistens ein Schaf oder eine Ziege. Zum Teil verarbeitet die Familie das Fleisch selbst (zu Speisen, die direkt an diesem Tag gegessen werden), zum Teil wird es an Bedürftige aus der Nachbarschaft verschenkt, Ausdruck eines muslimischen Caritasgedankens. Nicht jede Familie kann es sich indes leisten, ein Tier zu opfern; wichtig ist in jedem Fall, den Gästen (Verwandten, Freunden, Nachbarn) einen reichlich gedeckten Tisch zu bieten und sich aufopferungsvoll um sie kümmern. Ein weiterer Teil des Pflichtprogramms ist ein morgendlicher Besuch der Moschee, in der zu diesem Anlass eine besondere Predigt stattfindet. In Tadschikistan allerdings scheint es nicht höherem Maße Pflicht zu sein als in Deutschland ein Kirchenbesuch zu Weihnachten: Darauf angesprochen, ob er und seine Familie zum Feiertag in die Moschee gingen, grinste mich einer meiner Studenten an und meinte, ja, für seinen Bruder sei das das Richtige, aber für ihn gebe es keinen Grund in die Moschee zu gehen. Ob dies nun nur auf die jahrzehntelange Unterdrückung der Religion in der Sowjetunion zurückzuführen ist, oder auch auf die Auswirkungen der Globalisierung – oder gar auf rein persönliche Religionskritik, ich weiß es nicht zu sagen.

In diesem Jahr fiel der erste Tag des Idi Kurbon auf einen Montag, den achten Dezember. Tadschikistan ist zwar keine islamische Republik, aber die Regierung ist muslimischen Traditionen gegenüber zumindest weniger kritisch eingestellt als zum Beispiel das Nachbarland Usbekistan (wo der Geheimdienst zu jedem Gebet in der Moschee seine auffälligsten Men in Black schickt, um eventuelle islamistische Aktivitäten im Keim zu ersticken). Daher ist hier das Opferfest ein offizieller staatlicher Feiertag. Kai Franke und ich hatten somit keinerlei Pflichten an der Universität, und auch im Deutschen Haus herrschte gähnende Leere. Somit konnten wir guten Gewissens der Einladung von Tavakal, eines Studenten folgen, der mit uns zusammen das Opferfest in dem Dorf feiern wollte, in dem seine Eltern leben.

Ritual und Gemütlichkeit

Am Morgen waren wir um neun Uhr mit ihm an der Bushhaltestelle gegenüber der UN-Botschaft verabredet. Kai wollte mit seinem Jeep und seinen beiden Kindern dort vorbeikommen und Tavakal und mich mitnehmen. Unser junger tadschikischer Freund war allerdings nicht zur Stelle, auch nachdem wir eine Viertelstunde gewartet hatten. Auch war er auf seinem Handy nicht erreichbar. Als es bereits halb zehn war, ging er schließlich ans Telefon. Wo er denn sei, fragte Kai ihn. Er sei jetzt noch bei seiner Tante, antwortete er. Er sei gerade noch dabei ein Schaf zu schlachten. Ob wir ihn vielleicht dort abholen könnten, fragte Kai. Ja, natürlich, dass sei in der Nähe des Zirkus. Das bedeutete genau am anderen Ende der Stadt, von uns aus gesehen. Natürlich fuhren wir sofort los.

Ein Zirkus in den Ländern der Gemeinschaft unabhängiger Staaten ist oftmals nicht ein Zelt, dass eine Artistengruppe temporär aufbaut, sondern ein großes, mehr oder weniger rundes Gebäude aus Beton, in dem wechselweise der eigene Staatszirkus oder Gäste aus anderen Ländern (meist ehemalige Brudervölker) ihre Künste darbieten – von außen ähnelt es oft eher einem kleinen Sportstadion. Als wir nun die Zirkusanlage von Duschanbe erreicht hatten, telefonierten wir noch einmal eine halbe Stunde herum, bis wir Tavakal antrafen, der mit dem Ausnehmen und Zerlegen des Schafes offenbar noch nicht zu Ende gekommen war. Er führte uns in den Innenhof des Hauses seiner Tante, wo das Tier bereits gehäutet an einem Haken hing, zwei seiner Keulen lagen daneben auf einer Folie. Der kleine Student schien sein Handwerk recht gut zu verstehen und zügig zu arbeiten. Bis er fertig war, bat er uns, sich an die Festtafel seiner Verwandten zu setzen und schon einmal kräftig zuzulangen. Wir meldeten Bedenken an, schließlich wollten wir ja noch in sein Heimatdorf fahren und würden dort sicherlich noch sehr ausgiebig speisen. Weder er noch seine Verwandten ließen das gelten, und so saßen wir als erste Gäste des langen Feiertages auf Bodenmatten vor einer unüberschaubaren Menge an Speisen und Süßigkeiten, allein an einer riesigen Tafel, an der sicher 20 Gäste Platz hatten. Während Tavakal sich weiter an den Teilen des Schafes zu schaffen machte, gingen Kais Kindern, die drei und sieben Jahre alt sind, vollkommen die Augen über angesichts der unirdischen Masse an Keksen, Bonbons und Torten, die vor ihnen verlockend inszeniert war. Während Kai verzweifelt versuchte, sie vor einer bodenlosen Kalorienattacke zu bewahren, ermunterte Tavakals Onkel sie immer wieder, doch noch einmal zuzugreifen. Dies war nur das erste von vielen Häusern, die wir heute besuchen würden, und so waren wir froh, als Tavakal mit frisch gewaschenen Händen endlich bereit zum Aufbruch war.

Die Fahrt bis zu dem Dorf in der Nähe der Kleinstadt Faizabad dauerte etwas mehr als eine Stunde, während des letzten Streckenteils über holprige Feldwege war ich einmal mehr sehr froh darüber, dass Kai einen Jeep besitzt. Das Häuschen von Tavakals Eltern, neben einer Pappelallee und einem kleinen Fluss gelegen, war noch eins der größeren im Ort. Es stand offenbar auf dem Gelände einer ehemaligen Kolchose, zumindest war das große Grundstück in einem Umkreis von etwas hundert Metern bedeckt von den verrosteten Wracks landwirtschaftlicher Fahrzeuge und LKWs. Tavakals Plan sah nun vor, dass wir zunächst einige andere Bekannte und Verwandte im Dorf besuchen sollten, bevor wir abschließend im Haus seiner Eltern etwas länger einkehren sollten. Er hatte sich bereits etwas verstimmt darüber gezeigt, dass wir dort nicht zumindest eine Nacht verbringen wollten.

Der kleine Flecken bestand aus vielleicht 20 oder 30 Häusern, und am Ende dieses langen Tages sollten wir etwa in einem Drittel davon zu Gast gewesen sein. Wir betraten das erste Grundstück, durch ein Tor in einem Zaun, der aus getrockneten Stöcken bestand, durch einen staubigen Innenhof in ein von Wein umranktes niedriges Gebäude aus Lehm, das weiß angestrichen war. Vom Herrn des Hauses wurden wir in die gute Stube gebeten, in der eine Tafel vorbereitet war, die der vom heutigen Morgen zum Verwechseln ähnlich sah: Die gleichen Bodenmatten, die gleichen Speisen und Süßigkeiten, das gleiche Obst. Hier allerdings saß bereits eine Runde von jüngeren und älteren Männern auf den Matten, die jüngeren in Anzügen und mit Krawatten, die älteren weißbärtig und in ihren langen warmen Mänteln. Wir wurden kurz und freundlich begrüßt. Nachdem wir uns gesetzt hatten, wurde ein kurzes Gespräch darüber angeknüpft, wer wir seien und woher Tavakal uns kenne, geleitet von keinesfalls übertriebener Neugierde. Frauen bekamen wir nicht zu Gesicht, über ihren Verbleib bekam ich unterschiedliche Auskünfte: Die würden sich von den Männern gesondert treffen, meinte Tavakal zu uns; Kai neigte eher zu der Ansicht, dass die Frauen schlichtweg den ganzen Tag mit der Zubereitung der Speisen beschäftigt seien. Nach wenigen Minuten wurden denn auch einige dampfende Schüsseln hineingereicht, in denen sich eine kräftige Brühe sowie ein Stück Hammel (von einem nicht genauer zu identifizierenden Körperteil) befanden. Die Runde wurde still, nur ein Schlürfen und Knurpsen war zu hören. Die älteren Männer beendeten ihre Mahlzeit recht schnell. Einer von ihnen sprach zum Abschluss einen Segen, und danach erhoben sie sich alle fast wortlos und verabschiedeten sich recht schnell. Alleingelassen im Speiseraum, sahen auch wir keinen Grund noch länger zu bleiben und verließen das Grundstück, um zum nächsten guten Nachbarn von Tavakals Eltern zu gehen.

Spätestens beim dritten Haus stellten wir fest, dass bei diesen Besuchen stets alles vollkommen ritualisiert ablief: Die Männer setzten sich an die stets gleich ausgestattete Tafel, wir als ausländische Ehrengäste erhielten die besten Plätze, die sich, wie in einer mongolischen Jurte, immer gegenüber dem Eingang befinden; jedes Mal sprach Tavakal kurz mit den männlichen Verantwortungsträgern des Haushalts, mit den Gleichaltrigen vielleicht etwas länger; nach etwa fünf Minuten wurde die Hammelsuppe aufgetischt; wie selbstverständlich befolgten alle die kleinen Regeln des tadschikischen Miteinanders: Man stelle seine Füße niemals so, dass die Fußsohlen zu anderen in der Runde zeigen, man zerteile das Fladenbrot in möglichst kleine Stücke, damit alles etwas davon haben, man lasse das Fladenbrot niemals auf der Oberseite liegen, weil dies Unglück bringt, der Älteste des Hauses zerschneide das Obst und verteile es an die anderen, und etliches mehr; und am Ende sprach stets einer der Aksaqals („Weißbärte“) sein „Bismillah“, woraufhin alle sich erhoben. Oft trafen wir dabei Männer wieder, mit denen wir in schon in anderen Häusern gemeinsam an der Tafel gesessen hatten. Dieser Ablauf dauerte jedes Mal zwischen 15 und maximal 30 Minuten.

Nach etwa zweieinhalb Stunden hatten wir so viele Verwandte und Bekannte in ihren Lehmhäuschen besucht und waren so angefüllt mit grünem Tee und Hammelsuppe (und die Mägen von Kais Kindern so vollgeladen mit Bonbons und Kuchen), dass wir Tavakal darum baten, nun langsam zum Haus seiner Eltern zu gehen. Er war ein wenig enttäuscht und sagte, es gebe doch noch so viele Verwandte und Freunde, die wir noch nicht kennengelernt hätten, aber schließlich führte er uns zum Haus der Eltern zurück. Ein weiteres Mal stand uns nun die gewohnte Tafel bevor, dieses Mal zu unseren besonderen Ehren um einige zusätzliche Gänge mit Hammelfleisch ergänzt. Ich war mittlerweile gegenüber dem Zerkauen und Verschlucken des Knorpels glücklicherweise etwas abgestumpft, und Kai, der nun seit vielleicht zehn oder fünfzehn Jahren in der Region heimisch ist, schien ohnehin vollkommen daran gewöhnt zu sein. Die Unmengen an grünem Tee trieben mich jetzt allerdings immer häufiger zum zugigen Plumpsklo im Garten, und so war ich froh, als alle in dieser Runde denkbaren Gespräche zu Ende geführt waren und wir unter nicht enden wollenden Verabschiedungen langsam den Rückweg antraten.

Wir waren vollgefressen und hatten ein wenig echte Dorfatmosphäre geschnuppert; aber was war das nun eigentlich für ein Fest gewesen, an dem wir teilgenommen hatten? Was wurde eigentlich gefeiert? Gab es einen lebendigen religiösen Hintergrund? Die Menschen hatten es sich gut gehen lassen, darüber hinaus hatten sie vor allem Bekanntschaften gepflegt. Der Sinn all dessen schien aus meiner Sicht tatsächlich vor allem der Erhalt des Kollektivs, die Vergegenwärtigung des Gemeinschafts- oder Gemeindegefühls zu sein. Der spirituelle Rahmen, in dem dies stattfand, erschien mir mehr als dürftig. Wie anders scheint das doch in Deutschland zu sein, wo Weihnachten so vollkommen von spirituellen und weltlichen Mythen aufgeladen ist (ohne dass dies zu einer erhöhten Spiritualität der Menschen führen würde) – und wo gerade nicht die Ehrung des Kollektivs im Vordergrund steht, sondern der vollständige Rückzug ins Private, die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse und (Geschenk-)Wünsche; und die Erzeugung von Gemütlichkeit – ich frage mich, ob sich dieses deutsche Wort wirklich sinngleich ins Tadschikische übersetzen lässt.