Sonntag, 15. März 2009

Fear Is a Man’s Best Friend

Der Krisenreport – ein Panikreport?


„Hast du schon den Crisis Report gelesen?“ – Wer auf diese Frage keine halbwegs befriedigende Antwort geben kann, der gehört offenbar nicht zur kleinen, aber feinen Expat-Gemeinschaft von Duschanbe. In ihr macht seit einiger Zeit ein Dokument die Runde, an dem sich die Geister scheiden, und das, egal, wie es von den verschiedenen Akteuren bewertet wird, in jedem Fall Aufmerksamkeit erregt. Es trägt den von vielen als reißerisch empfundenen Titel „Tajikistan – On the Road to Failure“ – ein Bericht der sogenannten Crisis Group zur allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Lage Tadschikistans, den man sich bis vor kurzem auch in Duschanbe noch aus dem Internet herunterladen konnte. Seit einigen Wochen ist das vor Ort nicht mehr möglich; wenn man den Report gelesen hat, kann man durchaus verstehen warum.

Gleich zu Beginn wird ein Duschanbiner Diplomat zitiert, der eins der größten Probleme Tadschikistans pointiert formuliert: „Corruption is endemic here“, so sein vernichtendes Urteil. Es ist ein Urteil, dem man sich nur anschließen kann, wenn man einen Blick auf die wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten des durchschnittlichen Tadschiken wirft. Als Beispiel mag der prinzipiell ehrenwerte Beruf des Polizisten dienen. Wie schon des öfteren erwähnt, gibt es in Duschanbe Angehörige dieser Profession im Übermaß. Das mag zum einen mit der Paranoia des Präsidenten zu tun haben, es ist aber auch ein grundsätzlich begehrter Beruf. Angesichts des Lohns, den Polizisten vom Staat erhalten, ist das allerdings etwas überraschend; mir liegen keine genauen Zahlen vor, der normale Verdienst wird jedoch kaum das Gehalt eines Professors an der Universität überschreiten (eine Geldmenge, die in etwa dem Gegenwert eines Snickers-Riegels am Istanbuler Flughafen entspricht, wie ich inzwischen als Vergleich anfügen kann). Was den Polizistenberuf dagegen so attraktiv macht, sind die Nebenverdienste, die entstehen, wenn man Autos anhalten und sich Gründe für das Verhängen einer Strafgebühr ausdenken kann – deren Begleichung lediglich im Kopf des Polizisten vermerkt wird.

So begehrt der Beruf des einfachen Straßenpolizisten also ist, so schwierig ist es jedoch auch, diese Position zu erlangen: Wenn man in Duschanbe Polizist werden möchte, zählt dafür nicht etwa eine lange und harte Ausbildung; eine Ausbildung zum Polizisten gibt es gar nicht, stattdessen muss man an die Einstellungsbefugten in der Polizeibehörde eine „Verwaltungsgebühr“ von 1000 Dollar oder mehr (je nach Laune und Bedürfnissen des entsprechenden Beamten) entrichten, und schon wird man in Windeseile zum Staatsdiener ernannt und darf fürderhin Autofahrer schikanieren , um sich das Einkommen soweit aufzubessern, dass man zumindest davon leben kann. Die Einstellungsbefugten ihrerseits haben genauso gute Gründe für ihr Verhalten wie die Polizisten, schließlich verdienen sie selbst auch kaum mehr als diese und sind wie sie dazu gezwungen, sich in ihre Position bei ihren eigenen Vorgesetzten einzukaufen – deren Position wiederum genauso von Bestechungsgeldern abhängig ist.

Und so setzt sich diese Kette bis in die höchsten Positionen fort. Wer letztlich als einziges wirklich davon profitiert, ist – wenig überraschend – die Familie des Präsidenten. Die wiederum, so könnte man mit äußerstem Zynismus argumentieren, ist ebenfalls auf diese „Nebeneinkommen“ angewiesen: Die miesen öffentlichen Löhne in Verbindung mit dem Fehlen jeglicher öffentlicher Investitionen dankt die Bevölkerung dem Präsidenten mit Schwarzarbeit – die tadschikische Wirtschaft als ganzes ist also mehr oder weniger eine reine Schattenwirtschaft ohne jegliche stabilisierende oder regulierende Faktoren.

Dass höhere Positionen käuflich sind, kann natürlich zu fatalen Mängeln an Kompetenz in Entscheiderpositionen führen, wie eine Anekdote vor Augen führt, die mir zu Ohren gekommen ist: Ein Abteilungsleiter des tadschikischen Umweltministeriums wurde kürzlich zu einer internationalen Konferenz über die Folgen des Klimawandels in Zentralasien eingeladen. Alle Kosten – Tagungsgebühren, Hotel und Reisekosten – sollten für ihn übernommen werden. Das einzige, was er tun musste, war das Antragsformular zu unterschreiben; dies aber scheiterte daran, dass er unfähig war, seinen eigenen Namen zu Papier zu bringen.
In der beschriebenen Problematik liegen auch die Antworten auf Fragen wie die, warum viele tadschikische Deutschdozenten an den Universitäten nicht über genügend Deutschkenntnisse verfügen, um „Danke“ oder „Guten Tag“ zu sagen, oder warum tadschikische Bauingenieure grundsätzlich Treppen bauen lassen, bei denen jede einzelne Stufe eine andere Höhe hat (es könnte zum Beispiel damit zu tun haben, dass sie die Grundrechenarten nicht ausreichend beherrschen).

Die Schieflage, in der sich das ganze Land also ganz wortwörtlich befindet, besteht schon seit vielen Jahren. Mögliche Proteste hat Präsident Rahmon bisher immer wieder im Keim ersticken können – nicht etwa durch Gewalt, sondern durch die bloße Erwähnung einer möglichen Gefährdung der nationalen Sicherheit, die entstehen könnte, wenn seine persönliche Machtposition angegriffen würde. Die Bevölkerung, so sein berechtigtes Kalkül, hat viel zu viel Angst vor dem Aufflammen eines neuen Bürgerkriegs, um auf diese Drohung nicht zu reagieren.

Der bedauerliche, aber offenbar durch die Bevölkerung irgendwie immer noch zu ertragende Status Quo des Landes könnte einfach weiterhin erhalten bleiben – wenn nicht unvorhergesehene Dinge dazwischenkämen; zum Beispiel die Weltwirtschaftskrise: Den derzeitigen Voraussagen nach wird Russland davon in diesem Jahr erheblich stärker betroffen sein als bisherige Verlautbarungen der russischen Regierung es vermuten ließen. Tatsächlich hat sich auch Russland selbst offenbar bereits auf soziale Unruhen eingestellt, die durch eine plötzlich rapide ansteigende Arbeitslosigkeit entstehen könnten: Spezielle Sicherheitskräfte werden einem Bericht des Spiegel zufolge derzeit dafür trainiert. Dadurch wird es natürlich sehr fraglich, ob das Land weiterhin Bedarf an billigen tadschikischen Gastarbeitern hat. Wie schon einmal erwähnt, die Dunkelziffer der in Russland arbeitenden tadschikischen Männer beträgt wahrscheinlich über eine Million, also mehr als ein Siebtel der Gesamtbevölkerung. Die fragile Stabilität der tadschikischen Wirtschaft ist von dem Geld abhängig, das sie an ihre Familien in der Heimat zurückfließen lassen, und davon, dass sie selbst NICHT im Land sind – wo sie ansonsten sofort arbeitslos wären. Was es für die wirtschaftliche Lage und die gesellschaftliche Stimmung des Landes bedeuten könnte, wenn in kurzer Zeit eine Million arbeitslose Männer zurück in Tadschikistan wären, mag sich im Moment niemand so recht ausmalen.
Nicht zuletzt bringt der Bericht die Sorge zum Ausdruck, welche Gefahren von der 1400 Kilometer langen und nahezu ungesicherten Grenze zu Afghanistan ausgehen könnten.

Nun ist die Crisis Group ein internationaler Think Tank, dessen Ansichten nicht unwiedersprochen bleiben. In Internetforen wie auch von Fachkräften der Entwicklungszusammenarbeit hier vor Ort wird angemerkt, dass Autoren und Mitglieder des Beirats der Crisis Group fast allesamt ehemalige oder noch aktive westliche Politiker sind; und das Hinweise auf eine bevorstehende Krise eines Landes in ihren Berichten vielfach vielleicht den Charakter einer self-fulfilling prophecy haben. Das Bewusstsein bestimme hier vielfach das Sein, so die Meinung vieler, und prominente Beiratsmitglieder wie Joschka Fischer und Kofi Annan wollten vielleicht das kleine Bergland, für das sich sonst kein Mensch interessiert, einfach ein wenig mehr in umfassendere geopolitische Zielsetzungen einbeziehen. Trotzdem, das muss man sagen, hat der Report hier niemanden kalt gelassen.


Fräulein Zarrinas Gespür für Wohnungen

Das erste Opfer der Weltwirtschaftskrise in Tadschikistan, das ich kennengelernt habe, war jedoch mein Vermieter (und dadurch indirekt auch ich). Ende Januar, kurz bevor ich nach ausführlicher Genesung wieder zurück nach Dushanbe flog, beschloss ich ihn einmal anzurufen, einfach nur, um zu hören, ob alles mit der Wohnung im Ordnung sei – ob es noch regelmäßig Strom gebe, ob etwaige Erdbeben irgendwelche Schäden angerichtet hätten oder was auch immer. Er war froh mich zu hören: Schon seit Wochen habe er versucht mich anzurufen, teilte er mir mit. Leider müsse ich sofort ausziehen, und zwar in zwei Tagen schon. Er müsse die Wohnung verkaufen, da er in eine finanzielle Notlage geraten sei. „I have bisiness in Russia. Bisiness went wrong”, sagte er zur Erklärung. Nun konnte ich nicht gut innerhalb von zwei Tagen ausziehen, da ich ja noch eine Woche lang in Deutschland bleiben würde. Das sei kein Problem, meinte er, er werde alle meine Sachen einsammeln und in seiner Wohnung deponieren. Trotz eines leichten Unwohlseins bei diesem Gedanken stimmte ich zu. Was blieb mir auch anderes übrig? Ich wies ihn immerhin darauf hin, dass ich die Wohnung in einem erbärmlichen Zustand hinterlassen hatte, und wünschte ihm viel Spaß beim Aufräumen.
Als ich schließlich bei ihm eintraf, um meine Sachen abzuholen, sah er mich denn auch mit traurigem Blick an und sagte „Your apartment was a real mess.“ Ich nickte und zuckte mit den Schultern. Während er mich mit meinen Bergen von Klamotten zu Davids Wohnung fuhr, wo ich glücklicherweise noch einmal einige Zeit unterkommen konnte, erwähnte er beiläufig, er habe zuvor in Aktien irgendeines metallverarbeitenden Unternehmens in Russland investiert, das nun jedoch auf einmal aufgehört habe zu existieren. In der Folge habe er nun, um seine Schulden tilgen zu können, die Wohnung so schnell wie möglich verpfänden müssen.

Ich machte mich kurz darauf auf die Suche nach einer neuen Wohnung. Unsere Kollegin Zarrina half mir wieder einmal bei der Suche, sie suchte Angebote heraus, und zusammen sahen wir uns verschiedene Objekte an. Eine Wohnung sagte mir spontan sehr zu, da sie über eine große Küche und überhaupt über ein großzügiges Platzangebot verfügte; und so sagte ich zu. Ich hätte genauer auf Zarrinas Verhalten während der Besichtigung achten sollen. Als ich meinte, dass ich gerne hier einziehen würde, sagte sie nur „Ja... wenn du willst...“ – Nun muss man wissen, dass Zarrina eine Art sechsten Sinn für die Qualität von Wohnungen hat. Dieser muss eng mit ihrem Geruchssinn zusammenhängen: Beim Betreten einer fremden Wohnung rümpft sie zuerst ein kleines bisschen die Nase. Der erste Eindruck, den sie erhält, ist offenbar stets der Geruch; und in den allermeisten Fällen ist dieser Eindruck das entscheidende Kriterium ihres Wohlwollens. Beim Betreten dieser Wohnung nun, ich erinnerte mich erst sehr viel später daran, nahm ihr Gesicht nach der ersten Geruchsprobe einen leicht missfälligen Ausdruck an, den sie während der ganzen Wohnungsbesichtigung nicht ablegte. Ohne in Erwägung zu ziehen, dass die Menschen des Ostens über Fähigkeiten und Wahrnehmungen verfügen könnten, die uns sinnlich verarmten Westlern verborgen sein könnten, sagte ich der Vermieterin zu.

Zunächst empfand ich es nur als unangenehm, dass genau über mir eine kinderreiche Familie wohnte, deren Zöglinge offenbar weder Kindergarten noch Schule besuchten und stattdessen bis kurz vor Mitternacht auf dem Dielenboden über mir irgendwelche Sportarten trainierten – ich war mir nie ganz sicher, ob es Bowling, Dreisprung oder doch ein Mannschaftssport war.

Vor einigen Tagen dann hörte ich in der Nacht zum ersten Mal ein seltsames Knirschen und Knistern in den Wänden und in der Decke. Als ich am nächsten Morgen in die Küche kam, sah ich, dass einige noch herumliegende Lebensmittel angefressen und über den Fußboden verteilt waren.

Vor drei Nächten las ich relativ spät am Abend noch, während ich im Bett lag. Da raschelte es auf einmal wieder. Ich sah auf den Fußboden neben dem Bett und erblickte eine fette Ratte, die aus meinem Rucksack huschte. Erfüllt von einem Ekel und einer Angst, die ich selbst von mir in einer derartigen Situation gar nicht erwartet hätte, aber auch voller Wut schleuderte ich einen Schuh nach ihr. Kurz darauf sah ich sie wieder, dieses Mal in einer anderen Ecke des Zimmers, und fast zum gleichen Zeitpunkt eine ihrer Genossinnen, wiederum in einer anderen Ecke. Von nun an machte ich kein Auge mehr zu, auch Ohropax halfen nicht gegen das laute und aggressive Rascheln und Knirschen, das sich ständig direkt neben mir zu befinden schien. Schließlich saß ich nur noch aufrecht im Bett, beide Hände mit Schuhen bewaffnet, bereit, jeden Moment zum Wurf anzusetzen, mit wirrem Blick von einer Ecke in die andere starrend. Es sind nicht nur schlechte Horrorfilme, die dies so wollen: Ratten sind unheimliche Tiere – wie vielleicht jedes Tier, das ungefragt in unsere Lebenswelt eindringt.

Die Vermieterin ist mittlerweile informiert, aber da sie sich nicht gerade mit Arbeitseifer überschlägt, um dem Zustand abzuhelfen, bin ich froh, dass sich nun noch spontan die Möglichkeit ergeben hat, mit Friederike, der neuen Stipendiatin des ded, eine Wg zu gründen. Zwar bin ich jetzt nur noch vier Monate hier, aber dafür lohnt es sich noch, denke ich.


Prophetische Gaben

Kurz vor meiner Rückkehr, so berichtete mir Zarrina, gab es in Dushanbe ein denkwürdiges Ereignis, das vielleicht einiges aussagt über das Verhalten des Menschen in Krisensituationen. Es war, so erzählte sie, ein ganz normaler Abend an einem Werktag, den sie mit ihrer Familie verbrachte (wie die meisten Tadschiken, die noch nicht verheiratet sind, wohnt sie noch in der Wohnung ihrer Eltern). Alle gingen, wie üblich, um kurz vor Mitternacht ins Bett. Nach einiger Zeit, sie hatte vielleicht ein oder zwei Stunden geschlafen, klingelte plötzlich das Telefon. Schlaftrunken ging die Mutter ans Telefon. Es war ein Bekannter der Eltern, der sich aufgeregt meldete und fragte, ob sie denn nicht die Nachrichten gesehen hätten; warum sie denn noch in der Wohnung seien. Was denn los sei, fragte die Mutter zurück. Er selbst habe die Nachrichten auch nicht gesehen, aber ein Freund von ihm habe sie gesehen und daraufhin bei ihm angerufen. In der Sendung sei berichtet worden, aufgrund einer neuartigen Messtechnik sei es möglich geworden, Erdbeben vorherzusagen, und für heute Nacht, zwei Uhr dreißig, sei ein äußerst schweres Erdbeben vorhergesagt worden, es werde die Stärke zehn auf der Richterskala haben. Alle Bewohner der Stadt seien dazu aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen. Was genau in ihnen vorging, als der Bekannte dies erzählte, und dann einen Moment später, als die Mutter es ihnen weitererzählte, konnte Zarrina nicht genau sagen. In jedem Fall verließen sie alle so wie sie waren das Haus. Draußen auf der Straße stellten sie fest, dass sie jedenfalls nicht die einzigen waren, die informiert worden waren: Der ganze Straßenzug stand voll mit Menschen in Nachtbekleidung, die fluchtartig ihre Häuser verlassen hatten und ratlos und in leichte Panik versetzt herumstanden und warteten. Nichts geschah, nicht um zwei Uhr dreißig und auch nicht später. Es war sehr kalt. Das ganze Viertel, ja die halbe Stadt schien auf den Beinen zu sein. Es wurde schließlich eine Sondereinheit der Armee ausgesandt, um die Menschen zu beruhigen und sie zurück in ihre Häuser zu treiben (es mag dahingestellt sein, wie beruhigend der Anblick von Armeetransportern ist, wenn gerade ein verheerendes Erdbeben angekündigt worden ist). Später meinten sehr viele, mit jemanden gesprochen zu haben, der die Sendung mit der Ankündigung im Fernsehen gesehen haben wollte. Selbst gesehen hatte sie jedoch niemand, und es wusste auch niemand zu sagen, auf welchem Sender die Nachricht gelaufen sein könnte.

Zarrina sagte mir, sie wisse ganz genau, was für ein Blödsinn eine derartige Ankündigung sei; ganz Tadschikistan lebe seit ewigen Zeiten mit den Erdbeben und ihrer Unberechenbarkeit. Aber trotzdem habe sie in diesem Moment die Angst nicht abschütteln können, genau wie Tausende andere in der Stadt auch.

Ein heiliger Ort


In Dushanbe hat es nur wenig geschneit in den vergangenen Monaten, die Befürchtung eines weiteren katastrophalen Winters hat sich nicht bewahrheitet. Heute lagen die Mittagstemperaturen in Dushanbe bereits wieder über 20 Grad, der Winter geht also anscheinend fast genauso übergangslos in den Sommer über wie der Sommer in den Winter. In den Bergen rund um die Stadt liegt allerdings immer noch reichlich Schnee. Vor einigen Wochen haben wir das prächtige Wetter zum Anlass genommen, einen Ausflug nach Hodscha Ob-i-Garm zu machen. Der Ortsname lässt sich vielleicht in etwa übersetzen als „Heiliger Ort des heißen Wassers.“ Etwa 40 Kilometer von Dushanbe entfernt, auf einer Höhe von etwa 2000 Metern, gibt es hier mitten in den Bergen tatsächlich heiße Heilquellen. Wir fuhren mit dem Firmenwagen von Nicola aus der französischen Schweiz das schmale Sträßchen zum Kurort hinauf, zu dessen Seiten sich schon bald meterhoch Alt- und Neuschnee auftürmte. Es war ohne Allradantrieb und Schneeketten ein recht abenteuerliches Unterfangen, zumal uns ständig andere Fahrzeuge ohne Warnung entgegenrasten. Auf der Höhe von Hodscha Ob-i-Garm stapelte die weiße Pracht sich dann noch höher. Vor uns lag das beeindruckende „Sanatorium“, das die Russen hier aus dem Boden gestampft haben (siehe Bild oben). Der enorme vielstöckige Betonklotz hat Ähnlichkeit mit französischen Skihotels aus den 70er Jahren, schafft es allerdings irgendwie noch hässlicher zu sein. Und tatsächlich haben französische Architekten das Monstrum 1983 errichtet. Auf dem Gelände soll zuvor ein bedeutsamer Mazor, ein muslimischer Heiligenschrein gestanden haben; der Bau der monströsen Anlage war eine gute Gelegenheit, den Ort zu entweihen.

Sebastian, ein Bekannter von Martyna und ebenfalls Pole, hatte diesen Trip angeregt und einen russischen Freund mitgebracht, der sich in Hodscha Ob-i-Garm und in der Umgebung gut auskannte. Wir unternahmen eine kleine Wanderung in die umliegenden schneebedeckten Hügel, bei der wir uns nur sehr langsam fortbewegen konnten, da wir durch meterhohen Schnee stapfen mussten. Erschöpft, verschwitzt und durchnässt kamen wir nach zwei Stunden zurück zur Straße. Unser russischer Führer hatte nun zur Belohnung für die Strapazen ein kleines Wellness-Angebot für uns: Wir würden zusammen in die Sauna gehen. Die Anlage, die er hierbei im Sinn hatte, lag etwas abseits und unterhalb des eigentlichen Sanatoriums, ein Besuch dort sei billiger als ein Aufenthalt in dem riesigen Zentrum, sagte er uns. Wir betraten ein kleines Häuschen, dessen Funktion von außen nicht ohne weiteres erkennbar war. Im Eingangsbereich stellten wir unsere durchnässten Wanderschuhe ab und entrichteten einen überschaubaren Obolus. Danach trennten sich, wie es sich in Tadschikistan natürlich gehört, die Wege von Männern und Frauen. Wir Herren betraten einen großen, gut gewärmten Raum, in dem mehrere Feldbetten an den Wänden standen und in dem man sich seiner Kleidung entledigen konnte. Einige tadschikische Männer saßen oder lagen halbnackt herum, sie hatten sich in Bettlaken gehüllt. An einer Wand hing eine Schautafel, die offenbar schon vor vielen Jahrzehnten während der Sowjetzeit hier aufgehängt worden war. Soweit ich die dargestellten Sachverhalte entschlüsseln konnte, wurden darauf die Heilungskräfte erklärt, die diese Sauna und das durch Erdwärme erhitzte Wasser von Hodscha Ob-i-Garm haben sollen. Das Besondere an diesem Wasser, so ging daraus hervor, sei sein Gehalt an Radon. Das radioaktive Element sei hier in ungewöhnlich hohem Maß vorhanden. Ein zehnminütiger Aufenthalt in der Dampfsauna, so erklärte denn auch unser russischer Begleiter, habe den gleichen Effekt wie mehrere Röntgenbestrahlungen. Dies, so wollte die Schautafel zeigen, sei überaus heil-, wenn nicht sogar wunderkräftig für den Körper. Wir verließen uns naiv auf das Wissen unseres Führers, der schon oft hier gewesen zu sein schien und in seinem bisherigen Leben von Strahlenerkrankungen verschont geblieben war.

Nachdem auch wir nackt waren, betraten wir schließlich die Sauna: Es war ein winziger, dunkler Raum, der wohl in den Fels gehauen worden war. Ebenfalls in den Fels waren Bänke geschlagen, auf denen glatte Steinplatten auflagen, auf die man sich setzen konnte. Der Raum war von dichtem Dampf erfüllt, dabei jedoch gleichzeitig außerordentlich heiß, er hatte sicherlich die gleiche Temperatur wie eine Trockensauna. Es hing ein eigenartiger Geruch in der Luft, etwas muffig oder auch sauer, der mit keinem anderen mir bekannten Geruchserlebnis vergleichbar war. Wir ließen uns nieder. Ich entdeckte schließlich die Quelle der Hitze: Am Boden der Felswand, am Ende des Raums befand sich ein kleines Loch, aus dem der Dampf hinausströmte. Kurz bevor wir leicht taumelnd den Raum verließen, stellten wir uns alle einmal kurz direkt vor dieses Loch. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, lebendig gekocht zu werden: Der Dampf hatte sicherlich annähernd eine Temperatur von 100 Grad. Wir bespritzten uns mit kaltem Wasser aus einer Tonne und legten uns danach erschöpft auf die Feldbetten nieder. Unser Russe erzählte uns, die Sauna in ihrer heutigen Form sei erst vor etwa dreißig Jahren angelegt worden; schon davor aber habe es an dieser Stelle eine natürliche Höhle gegeben, die von den Menschen schon seit ewigen Zeiten zum Saunieren genutzt worden sei. Kurz darauf begaben wir uns noch einmal in die Felsenkammer, um eine weitere kräftige Brise des radioaktiven Dampfes aus dem Erdinneren einzuatmen.

Nach dem dritten Durchgang gingen wir hinaus und trafen wieder auf die Frauen, die immer im Wechsel mit uns in der Kammer gewesen waren. Martyna berichtete von einer Begegnung in der Sauna: Als sie, Martyna, den Raum betreten habe, habe sie natürlich zunächst ein Handtuch auf die Steinfläche gelegt, bevor sie sich daraufgesetzt habe. Neben ihr habe eine Tadschikin gesessen, die sich sehr über ihr Verhalten gewundert habe: Warum sie denn extra noch dieses Handtuch ausbreiten würde, fragte sie erstaunt. Martyna erklärte ihr, dass sie dies aus hygienischen Gründen tue, man wisse ja nicht, wer hier vorher gesessen habe, und ein wenig könne man sich ja vor aggressiven Bakterien schützen. Die Frau reagierte baff und offenbar auch entrüstet: Das sei doch wirklich überhaupt nicht nötig. In Tadschikistan gebe es keine Bakterien. Nur, soviel müssen sie zugeben, nur wenn die tadschikischen Gastarbeiter aus Russland zurück nach Hause kämen, brächten sie manchmal Bakterien aus dem Ausland mit. Martyna verzichtete darauf, sich auf eine längere Diskussion einzulassen. Wir machten uns noch ein wenig Gedanken darüber, ob die Frau tatsächlich Bakterien gemeint haben könne – oder vielleicht doch eher einen ganz bestimmten Virus, den die tadschikischen Männer aus Russland mit nach Hause bringen.
Das erste der beiden unteren Bilder zeigt übrigens einen weiteren Mazor etwas unterhalb des Sanatoriums, also die (angebliche) Grabstätte eines wichtigen islamischen Gelehrten oder Heiligen. Diese hier ist offensichtlich neueren Datums und mag als Ersatz für den von den Sowjets zerstörten Ort dienen. Charakteristisch für einen solchen Ort ist offenbar, dass ein Baum aus der Grabstätte hinauswächst, der gleichsam den Geist des heiligen Mannes in sich trägt und am Leben erhält.

Vom Sturz in ein anderes Leben

Auf der Arbeit stand unterdessen wieder einmal die Auswahl von Bewerbern für ein Stipendium an. Dieses Auswahlverfahren war allerdings eine Premiere, denn zum allerersten Mal konnten sich jetzt Absolventen von Schulen bewerben, an denen man das Deutsche Sprachdiplom erwerben kann. Davon gibt es in Tadschikistan genau zwei, die Schule Nummer 89 in Dushanbe und das Goethe-Gymnasium in Khudjand. Die Schüler, die an diesen Schulen ihren Abschluss machen, erwerben damit zugleich die Berechtigung zum Studium an einer Hochschule in Deutschland. Naturgemäß haben Schüler dieser Schulen oftmals Deutschkenntnisse, die die ihrer anderen Altersgenossen bei weitem übertreffen, und daher hat der DAAD stets ein wachsames Auge auf sie, da hier oft die vielversprechendsten Kandidaten für Stipendien zu finden sind. Er steht darum in engem Kontakt mit den ZfA-Beraterinnen, die an diesen Schulen aktiv sind, und die in diesem Fall selbst als Menschenfischer auftraten: Die besten Schüler, die 2009 ihren Abschluss machen werden, wurden von ihnen gezielt für eine Bewerbung beim DAAD gecoacht. Einige wenige unter ihnen könnten also die Möglichkeit erhalten, direkt nach der Schule, oftmals im zarten Alter von 17 Jahren, ein vollständiges Studium in Deutschland vom DAAD finanziert zu bekommen – einen Bachelor oder aber auch ein ganzes Medizin- oder Jurastudium mit Staatsexamen. Ich war damit beauftragt, den Bewerbern zusätzliche Unterstützung zu geben, zum Beispiel beim Ausfüllen der Online-Bewerbung, die ja schon zuvor viele IT-ungewohnte Bewerber vor schier unlösbare Probleme gestellt hatte, oder auch beim Erstellen eines Motivationsschreibens.

Vielen Bewerberinnen (zehn von elf Bewerbern waren Mädchen, daher verwende ich die weibliche Form) wurde offenbar erst beim Ausfüllen dieser Onlinebewerbung bewusst, auf was für ein Unterfangen sie sich mit dieser Bewerbung einließen: In einem Feld musste man die gewünschte Dauer des Stipendiums in Monaten angeben. Die maximale Dauer, die man in dem Formular angeben konnte, waren 48 Monate. Einer 17jährigen Bewerberin, die in Deutschland Medizin studieren will, erklärte ich, dass für ihr Studium dieses Feld nicht hinreichend sei, sie müsse in einem darunter stehenden Feld die ungefähre Studiendauer von sechs Jahren angeben, mit zusätzlich einem Vorbereitungsjahr im Studienkolleg ergebe das einen voraussichtlichen Studienabschluss im Jahr 2016. Als ich ihr diese Zahl nannte, sah sie mich an und wusste wohl nicht so genau, ob sie loslachen oder schockiert sein sollte. In einem Land, in dem die Verwurzelung in der Familie eine so außerordentlich große Rolle spielt, muss die Aussicht auf eine derart lange Trennung einen Schmerz bedeuten, den wir mit unserem völlig über den Haufen geworfenen Familienbild nur annähernd erfassen können. Ich versuchte mir auszumalen, wie sehr ein so langes Studium in Deutschland sie verändern würde. Die Schülerin schluckte einmal, trug dann jedoch ohne zu zögern die Zahl 2016 in das Feld ein.

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